13. Tempel-Tanzfestival

Bühne & Klassik // Artikel vom 09.10.2013

Mit der ZKM-Sonderausstellung zum 20. der Compagnie Sasha Waltz & Guests ist der zeitgenössische Tanz dieser Tage ohnehin schon allgegenwärtig in Karlsruhe.

Das vom Kulturzentrum Tempel und der Tanztribüne auf die Beine gestellte „Internationale Tanzfestival“ erweitert bei seiner 13. Auflage dessen große Bühne zwischen 6. und 26.11. um das Medientheater, die Scenario Halle, Tollhaus, Kinemathek und den Club Vanguarde, der als fünfter Schauplatz neu hinzukommt.

Scenario Halle
Den Eröffnungstanz in der retro-charmanten Scenario Halle des Tempels wagt das Steptext Dance Project mit der westafrikanisch-europäischen Produktion „Home 52° 30’ N 13° 23’ E Elev 37“ (Mi, 6.11., 20.30 Uhr). Tänzer aus dem Senegal, Togo, Australien, Burkina Faso, Deutschland, Österreich, Spanien, Kenia, Mali und von der Elfenbeinküste präsentieren aus ganz individuellen Blickwinkeln zwei Stücke zum Thema „Zuhause“: Helge Letonja definiert in seiner Choreografie „Homescapes“ den Körper als physischen Wohnsitz und Erinnerungsspeicher; Opiyo Okach erkundet mit „The House That Never Walked“ inspiriert vom Heimatverständnis der Nomadenvölker Afrikas das Zuhause als wandelbaren Gemeinschaftsraum. Einer der Höhepunkte beim zurückliegenden Tanzfestival war die Compagnia Imperfect Dancers; dieses Mal kommen die Italiener mit ihrer neuen Produktion „Madama Butterfly’s Son“ (Fr+Sa, 22.+23.11., 20.30 Uhr). Das auf der Puccini-Oper basierende, aber aus Sicht des nun erwachsenen Sohns erzählte Stück feiert in Karlsruhe seine Deutschlandpremiere. Weitere Besonderheit: Choreograf und Art Director Walter Matteini tanzt selbst mit! Beim zeitgenössischen Flamenco-Tanztheater „Collección Privada“ (So, 24.11., 20.30 Uhr) kulminieren Marco Vargas und Chloé Brûlé sieben Jahre gemeinsamer Arbeit zu einer Kollektion von Auszügen ihres Repertoires. Das spanisch-kanadische Duett verbindet dabei zeitgenössisches Tanztheater und klassischen Flamenco, Electro-Sounds und Momente der Stille, feinsinnigen Humor und mehr oder minder deutliche Erotik. Ein Klassiker des Festivals (und daher erfahrungsgemäß immer ziemlich zügig vollbesetzt!) ist die „Lange Nacht der kurzen Stücke“ (Fr+Sa, 8.+9.11., 20 Uhr), bei der sich die regionale Tanzszene von Wiesloch bis Ludwigsburg präsentiert – mit vielen neuen Gruppen, die in jeweils zehn Minuten ein buntes Mosaik aus modernem, klassischem und experimentellem Tanz, Schauspiel und akustischen Räumen entstehen lassen. Die Szene von morgen kommt bei den Preisträgern des 17. internationalen Stuttgarter „Solo-Tanz-Theater-Festivals“ (Mo, 18.11., 20.30 Uhr) zusammen: Andrea Costanzo Martini und Sara Angius (Italien), Joachim Maudet (Frankreich), Gilles Noel (Belgien) und Milán Újvári (Ungarn) zeigen zeitgenössischen Tanz in seiner Urform, reduziert auf Ausdruck und Körpersprache.

ZKM-Medientheater
Seit mehr als zwei Jahrzehnten kreiert der Wiener Medienkünstler und Komponist Klaus Obermaier innovative Arbeiten im Bereich Tanz, Musik, Theater und Neue Medien. Sein in Kooperation mit dem Ars Electronica Futurelab entstandenes Werk „Apparition“ (Mi+Do, 13.+14.11., 20.30 Uhr) verschmilzt mithilfe interaktiver Technologien Körper und Video; oszillierende Hintergrundmuster verschlucken die Performer, geben sie wieder frei und sorgen so für effektvolle Illusionen von hohem ästhetischem Schauwert! Anschließend geht das Tanztheater des Staatstheaters Kassel unter Leitung von Tanzdirektor Johannes Wieland mit „Golddigger“ (Sa, 16.11., 20.30 Uhr) der ewig selben Frage nach, wie selbstbestimmt der Mensch sein Leben gestalten kann. Im Setting einer typisch afrikanischen Marktsituation kombiniert „Mitumba – Ein Happening“ (So, 17.11., 20 Uhr) zeitgenössischen Tanz mit Musik, Schauspiel, Ethik und Ästhetik. Die zu den wichtigsten Tanzkünstlerinnen Deutschlands zählende Stephanie Thiersch hat ihre publikumseinbeziehende transkulturelle Performance mit dem suahelischen Wort für Altkleiderimporte aus Europa betitelt und nutzt die zirkulierende Second-Hand-Ware als Metapher für Mechanismen des neoliberalen Marktes im Zeitalter der Globalisierung. Auf der Bühne: die multinationale Company Mouvoir mit ihren Tänzern aus Kenia, Uganda, Tansania, Nigeria, Deutschland, Spanien, Frankreich, den USA und Taiwan.

Kinemathek
Auch das Studio 3 der Kinemathek hält seit 2010 mit dem Tanzfestival Schritt und zeigt Christian Labharts Eurythmie-Doku „What Moves You – Jetzt kommt alles in Bewegung“ (Fr+Sa, 15.+16.11., 19 Uhr), aufgenommen 2012 in Berlin anlässlich des 100. Geburtstags dieser Bewegungskunst, für welche Jugendliche aus unterschiedlichsten Nationen Beethovens 5. sowie ein zeitgenössisches Stück von Arvo Pärt eurythmisch umgesetzt haben. Die beiden en bloc vorgestellten jeweils halbstündigen Tanzfilme „Vertigo Bird“ und „Dom Svobode“ (Di, 19.11., 19 Uhr; Mi, 20.11., 21.15.Uhr) drehen sich um En-Knap, Sloweniens einziges professionelles Ensemble für zeitgenössischen Tanz, das vergangenes Jahr noch leibhaftig Teil des Karlsruher Festivalprogramm gewesen ist.

Tollhaus
Das unumstrittene Highlight des Festivals ist „ITMOI“, die neue Produktion der Company von Akram Khan. Der aus Bangladesch stammende Brite zählt zu den innovativsten und zugleich erfolgreichsten Künstlern seines Fachs – nicht erst, seit er vergangenes Jahr die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London choreografieren durfte. „ITMOI“ meint „In The Mind Of Igor“ (Di, 26.11., 20.30 Uhr). Die Verbindung von traditionellem indischem Kathak mit zeitgenössischem Tanz ist das Markenzeichen Khans, der sein erst im Mai uraufgeführtes Stück mit einem internationalen Ensemble der denkwürdigen Premierenvorstellung von Igor Strawinskys „Le Sacre du printemps“ widmet und sich exakt 100 Jahre später auf die Spuren dieses aufsehenerregenden Balletts begibt.

Rahmenprogramm
Erstmals ist auch das Vanguarde im Kulturzentrum Tempel mit von der Partie. „Lange Nächte“ (Vernissage: So, 3.11., 19 Uhr, bis 22.11.) titelt die begleitende Ausstellung mit Tanzfotografien von Bernd Hentschel, die während der „Langen Nacht der kurzen Stücke“ 2011 und 2012 entstanden sind. Christiane Stenz erweitert die Schau um Tanzzeichnungen und Malerei; die Kompanie Patricia Wolf & Dancers präsentiert der Location angepasste Performances des „Outdoor-Dance-Projects“ sowie Auszüge ihres neuen Stücks „Rhythm Inside“. Außerdem veranstaltet das ZKM zur Ausstellung „Sasha Waltz – Installationen, Objekte, Performances“ einen Workshop (17.-19.10., 11-14 Uhr, Anmeldung per E-Mail an workshops@zkm.de) für Tänzer und Performer mit der amerikanischen Bewegungsforscherin Susan Klein. -pat

6.-26.11., Kulturzentrum Tempel/ZKM/Tollhaus/Kinemathek/Vanguarde, Karlsruhe
www.kulturzentrum-tempel.de

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