21. Europäische Kulturtage

Bühne & Klassik // Artikel vom 01.03.2012

Statt auf Metropolen, Regionen oder Epochen fokussieren sich die 21. „Europäischen Kulturtage“ erstmals auf einen einzigen Künstler.

Den zeitgenössischen Karlsruher Komponisten Wolfgang Rihm. Der darf am 13.3. seinen 60. Geburtstag feiern, zu dem ihm seine Heimat schon heute mit einer überdimensionierten Glückwunschkarte gratuliert. „Klingt genial, kommt von hier.“ lautet seit Mitte Januar der Slogan des XXL-Stadtschilds an der Südtangente.

Viel vor hat auch das großangelegte Festprogramm: Konzentriert auf die drei Themenblöcke Konzert, Theater und Vermittlung haben die beiden Festivalpartner Karlsruher Kulturamt und Badisches Staatstheater unter dem mit Blick aufs Logo auch sinnlich visualisierten Motto „Musik baut Europa“ einen spartenübergreifenden Spielplan aufgestellt. 66 Ensembles und Institutionen setzen sich in mehr als 80 Veranstaltungen mit dem Oeuvre Rihms auseinander und spannen den Bogen bei Tanz, Film, Literatur, Vorträgen, Symposien, Diskussionen und Ausstellungen von der Darstellenden zur Bildenden Kunst.

Zum Auftakt der „Europäischen Kulturtage“ erklingt ein Geburtstagskonzert im Großen Haus des Staatstheaters, mit dem sich Rihm quasi selbst beschenkt. Die Stadt Karlsruhe hat ein Orchesterwerk in Auftrag gegeben, das am Di, 13.3. um 20 Uhr uraufgeführt wird: „Vers une symphonie fleuve VI“. Dazu spielt die in diesem Jahr ihr 350. Jubiläum feiernde Badische Staatskapelle unter Leitung von Generalmusikdirektor Justin Brown.

Offiziell eröffnen die „Kulturtage“ dann am Fr, 16.3. um 17 Uhr im Lichthof 3 der HfG mit dem für sechs Schlagzeuger komponierten „Tutuguri VI“, Teil von Rihms gleichnamigem Poème Dansé aus dem Jahr 1981. Für die geradezu archaisch anmutenden Klänge sorgt Isao Nakamuras Percussion Ensemble, das sich aus aktuellen wie ehemaligen Studenten des Schlagzeugklassenleiters der Karlsruher Hochschule für Musik zusammensetzt.

Die Stadt beschert dem Eröffnungswochenende mit seinen Auftragsarbeiten „Konzertante Plastiken“ (Fr+So, 16.+18.3., 20 Uhr) fünf weitere Uraufführungen: Zu hören sind neben den Kompositionen der beiden Rihm-Schüler Rebecca Saunders und Markus Hechtle Werke von Olga Neuwirth, Peter Ruzicka und Pascal Dusapin. Es spielt das HfG-Ensemble Tema mit Studenten der HfM.

Bei der „SWR2 Kulturnacht“ am Sa, 17.3. im ZKM-Lichthof 4 werden die dort beheimateten Kulturinstitutionen ab 20.30 Uhr zusammen mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg gemeinsam den Hallenbau zum Klingen bringen. Der Eintritt während des Eröffnungswochenendes ist mit Ausnahme der „SWR2 Kulturnacht“ frei.

Vor der Kulisse der rihmaffinen Ausstellung „Zeitgegenstände“ (18.3.-10.6.) wird in der Städtischen Galerie erst zum zweiten Mal überhaupt „Andere Schatten“ (Do, 22.3., 19 Uhr) aufgeführt, eine musikalische Szene für Soli, gemischten Chor und Orchester von 1985. Zu den Rihm zugewandten Künstlern zählt auch Jonathan Meese, dessen Hommage unter dem Titel „Erzerzerzmusik de large“ ab Mi, 28.3. in der Galerie Karlheinz Meyer zu sehen ist.

Am Idol gekratzt wird in der Neuen Kunst Gallery von Michael Oess, wobei der zur Vernissage von „Goo!!“, eine „Hommage an Wolfgang Rihm, Iggy Pop And The Stooges und den Sound der Garage“, am Sa, 3.3. um 19 Uhr anwesende Maler Oliver Jordan seine Oberflächen mit dem Abbild Rihms (oder der an ihn erinnernden Form) ebenso verrührt, überpinselt und übergießt. SWR2-Moderator Thomas Rübenacker spricht einführende Worte.

Im ZKM eröffnet am Fr, 16.3. um 19 Uhr „Sound Art – Klang als Medium der Kunst“ (17.3.-5.8.). Die Kinemathek widmet sich in ihrer Retrospektive vom 27.3.-6.4. im Studio 3 einem der Performance-Urväter, von dessen weit übers Theater hinausgehenden Vorstellungen auch Rihm nicht unbeeinflusst blieb: Antonin Artaud. Und die aus Karlsruhe stammende, in Berlin berühmt gewordene Sasha Waltz würdigt den Jubilar bei einer ihrer stärksten Choreographien, die in der Auseinandersetzung mit Rihms „Jagden und Formen“ (Fr, 23.3., 20 Uhr, Festspielhaus, Baden-Baden) entstanden ist.

Weitere Glanzpunkte im 220 Seiten dicken Programmbuch: das als „Ein Wolfgang-Rihm-Projekt von Laurent Chétouane“ uraufgeführte „Kolonos“ (Do, 22.3., 20 Uhr, Staatstheater, Kleines Haus, weitere Termine: 24./27./30./31.3. u. 3./6./11./18./28.4.), das gleichfalls zum ersten Mal gespielte multimediale szenische Konzert „Three Mile Island“ (Do-Sa, 29.-31.3., 21 Uhr, ZKM), „Fetzen – Mozart/Mendelssohn/Rihm“ (Mi, 28.3., 20 Uhr, Stephansaal) und das Konzert des Arditti Quartets (Mo, 2.4., 20 Uhr, Schloss Karlsburg). Mit dem Wagner-Zitat „Wohlfeil, angenehm, freundlich“ überschreiben Harald Schwiers, Roman Rothen (Kontrabass) und Melanie Huber (Klarinette) ihre szenische Lesung „Briefe nach Noten“ (Do, 5.4., 20.30 Uhr, marotte Figurentheater), bei der einige weitere für Karlsruhe und die Musikwelt bedeutende Dokumente rezitiert werden.

Um die zeitgenössische Musik dem Publikum von morgen näherzubringen, werden die „Europäischen Kulturtage“ durch ein Vermittlungsprogramm begleitet: „Von Anfang an: Baustelle Musik“. Dabei können sich Kinder, Jugendliche, ganze Schulklassen, aber auch Erwachsene mit der Neuen Musik anfreunden. Neben diversen Aufführungen bieten Workshops Gelegenheit zum Komponieren, Klangkörperbauen und selbst Auf-die-Pauke-Hauen. -pat

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