Alte Geschichten, moderne Ohren

Bühne & Klassik // Artikel vom 13.02.2016

Georg Friedrich Händels Oper „Arminio“ erzählt eine Liebesgeschichte, die sich am Rande der Varusschlacht am Teutoburger Wald abspielt, als die Germanen unter Arminius es schafften, die Römer zu schlagen.

Der griechische Dirigent George Petrou und der kroatische Countertenor Max Emanuel Cencic bringen „Arminio“ zum ersten Mal auf eine Karlsruher Bühne. Petrou hat mit INKA-Mitarbeiter Friedemann Dupelius darüber gesprochen.

INKA: „Arminio“ wurde von Experten lange als schlechte Oper abgetan. Warum lagen die Fachleute Ihrer Meinung nach falsch?
George Petrou: Auch ich dachte immer, es sei nicht Händels bestes Stück – bis ich mich näher damit befasste. Da hat mich der „Arminio“ sehr überrascht: Er ist eine der wenigen Händel-Opern, in der man nichts streichen muss, weder im Text noch in der Musik. Bei „Arminio“ scheint mir jedes noch so kleine Detail in der Musik von Wichtigkeit für die Handlung. Es ist einfach orchestriert, es hat keine großen Effekte – aber die Qualität der Musik ist von vorn bis hinten großartig! Und dann gibt es da diese Ouvertüre, die sehr untypisch für Händel klingt, ihrer Zeit voraus – sie könnte von Franz Liszt stammen. Jetzt möchte ich meine eigene Aussage mit dieser Musik treffen.

INKA: Und wie lautet sie?
Petrou: Ich versuche immer, etwas Neues in Stücken zu finden. „Arminio“ ist ein ernstes Drama, es hat zunächst keine offensichtlich komischen Elemente. Letztlich lassen sich diese aber auch im schwersten Drama finden – das Leben ist nicht nur schwarz oder weiß. Max Emanuel Cencic (Regisseur und Titelrolle bei „Arminio“) und ich haben uns auf die Suche nach der Leichtigkeit in der Schwere begeben. Aber natürlich muss eine tragische Geschichte wie diese ernsthaft angegangen werden, und so tun wir das auch musikalisch und dramatisch.

INKA: Inszeniert Cencic den „Arminio“ historisch oder bringt er zeitgenössische Aspekte mit hinein?
Petrou: Er versetzt die Handlung in die Zeit der französischen Revolution. Damit rückt er sie näher an unsere Zeit heran, aber auch visuell bietet ihm das viele Möglichkeiten. Er gestaltet zum Beispiel eine eindrucksvolle, große Kulisse mit vielen Räumen.

INKA: Das heißt, von den Germanen um Hermann und den Römern bleibt nichts mehr übrig?
Petrou: Doch, die Geschichte bleibt dieselbe, aber man muss seine Fantasie benutzen. Im Musiktheater geht es nicht darum, die Realität genau abzubilden, sondern mit der Musik und den visuellen Elementen die Vorstellungskraft des Publikums anzuregen. Mir ist es nicht wichtig, realis­tisch oder historisch hundertprozentig korrekt zu sein. Mein Ensemble „Armonia Atenea“ und ich versuchen auch nicht, alles wie im 18. Jahrhundert zu machen. Das geht nicht – wir haben nicht dieselben Theaterhäuser wie damals, die Musiker essen nicht dasselbe und schlafen nicht auf die gleiche Weise. Wir können nicht so tun, als wären wir authentisch – aber was wir tun, basiert auf der Ästhetik und den Ideen von damals. Wir können historische Instrumente spielen, hören sie aber mit modernen Ohren. Heute werden wir täglich dazu gezwungen, laute Musik zu hören, ob im Flugzeug oder im Restaurant. Da kann ein klassisches, unverstärktes Ensemble nicht mithalten. Die Ohren brauchen Zeit, sich darauf einzustellen – dann kann man ein kathartisches Erlebnis haben, wie ich es immer wieder bei meinem Publikum feststelle. Das fasziniert mich.

Premiere: Sa, 13.2., 19 Uhr, weitere Termine: Mo, 15.2. + Mi, 17.2. + Fr, 19.2., jeweils 19 Uhr + So, 21.2., 15 Uhr + Di, 23.2., 19 Uhr, jeweils Badisches Staatstheater, Großes Haus, Karlsruhe

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