Ausblick: Badisches Staatstheater 2022/23

Bühne & Klassik // Artikel vom 24.09.2022

Badisches Staatstheater (Foto: Arno Kohlem)

Die Spielzeit 2022/23 am Badischen Staatstheater Karlsruhe.

Schauspiel

Die acht Premieren der Spielzeit 2022/23 erzählen von Perspektivwechseln, Wahrheit und Zweifel. Anton Tschechows „Anna Iwanowa“ hat nach privaten Schicksalsschlägen den Glauben an ihre Handlungsstärke verloren. Anna Bergmann erzählt die Geschichte vor dem Hintergrund einer nahenden globalen Katastrophe (ab 29.10.). Bertolts Brecht Parabel vom „Leben des Galilei“ bekommt in Zeiten von Fake News und oppressiven Systemen eine neue Aktualität (ab 5.11., Regie: Ronny Jakubaschk). Die Wahrheit in Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ ist nicht so leicht herauszudestillieren, wie die zwei streitenden Elternpaare nach der Prügelei ihrer Söhne zunächst glauben (ab 3.12., Regie: Anna Bergmann). In ihrer Inszenierung von August Strindbergs „Fräulein Julie“ führt Charlotte Engelkes eine vierte Perspektive ein: Durch den allwissenden Grafen im Hintergrund lädt sich die Spannung weiter auf (ab 18.12.). Nach der Rückkehr aus dem Afghanistaneinsatz ist im Heim von Isaac Connor alles verdreht: Die Mutter vernachlässigt den kranken Vater, erklärt dem Patriarchat den Krieg und unterstützt ihre Tochter Maxine, die sich jetzt als Sohn Max definiert (ab 14.1.23, Regie: Jakob Weiss). Der Regisseur Milan Peschel entwickelt aus Molières „Das Impromptu von Versailles“ und Elementen aus dessen breiten Komödienrepertoire ein turbulentes Potpourri (ab 3.3.23). Frei nach Christa Winsloes Film „Mädchen in Uniform“ setzt das Regieduo Kaufmann/Witt die lesbische Liebesgeschichte von 1931 in Bezug zu ähnlichen Erzählungen aus den letzten fünf Jahrzehnten (ab 25.5.23). Die Verbreitung von Klaus Manns Roman „Mephisto“ wurde 1971 von Karlsruher Richtern aus fragwürdigen Gründen gestoppt. Mittlerweile wird er verlegt und von Nils Strunk auf der Bühne inszeniert. Doch: Wie steht es heute um die Kunstfreiheit? (ab 26.5.23).

Oper

Die aktuellen Krisen zeigen: Noch immer sehnen sich viele Menschen nach HeldInnen. Die Oper hat sie. Sechs Geschichten von Menschen, die über sich hinauswachsen und gegen alle Hindernisse ankämpfen stehen auf dem Spielplan. Mit dem „Fliegenden Holländer“ schrieb Richard Wagner seine erste Oper auf Basis einer Volkslegende – eine romantische Geschichte über die aufgewühlte See und Seele. Regie führt GMD Georg Fritzsch (ab 10.12.). In seiner Inszenierung von Georges Bizets „Carmen“ kriecht Immo Karaman in die dunklen Winkel der männlichen Psyche, wo Sex und Gewalt eine gefährliche Allianz eingehen (ab 21.1.23). Held in Georg Friedrich Händels früher Oper „Ottone, Re di Germania“ ist der römisch-deutsche Thronfolger Otto II., der alles tut, um den Thron und seine Braut Theophanu zu erlangen (ab 17.2.23, Regie: Carlos Wagner). In ganz anderen sozialen Kreisen handelt Alban Bergs „Wozzeck“. Um sein Kind ernähren zu können, lässt er sich für unmenschliche Experimente bezahlen und wird allmählich wahnsinnig (ab 25.3.23, Regie: Maxim Didenko). Die Wassernixe „Rusalka“ verliebt sich in den Prinzen, doch als sie Menschengestalt annimmt, verliert er das Interesse an ihr. Antonín Dvorák vertonte eine tragische Geschichte zwischen Schein und Sein, Liebe und Enttäuschung (ab 13.5.23, Regie: Katharin Thoma). Ernst hält auch Einzug in die flatterhafte Pariser Welt in Giacomo Puccinis „La Bohème“, als ein Todesfall das sorglose Leben in Künstlerkreisen erschüttert (ab 24.6.23, Regie: Ulrich Peters).

Ballett

Die Ballett-Spielzeit 2022/23 blickt zugleich nach zurück und vorne, in die Tradition und in die Zukunft des Balletts. Mit „Giselle“ entkoppelte der britische Choreograf Richard Dawson 2008 den klassischen Ballett-Stoff aus dem 19. Jh., hinein in einen zeitlosen Raum, in dem die schmerzhafte Liebe zwischen zwei jungen Menschen austariert wird (ab 19.11.). Die Karlsruher Ballettdirektorin Bridget Breiner choreografiert Friedrich Schillers Drama „Maria Stuart“ aus feministischer Sichtweise. Mit Werken des Engländers Benjamin Britten und des zeitgenössischen schottischen Komponisten James MacMillan wird der politische Konflikt auch musikalisch widergespiegelt (ab 16.4.23). Kevin O’Day und Stina Quagebeur stehen für eine zeitgenössische Ballettsprache. Mit ihrer Uraufführung „Jazz“ lassen sie Improvisationen, Jazzmusik, eine Liveband und Choreografie aufeinanderprallen (ab 28.5.23). Den Blick nach vorne richtet der Abend „Zukunft Choreografie“, bei dem Mitglieder des Staatsballetts eigene Kreationen präsentieren (ab 23.6.23).

Konzert

Mit Max Reger und Sergei Rachmaninow ehrt die Badische Staatskapelle zwei Komponisten, die im Frühjahr 2023 ihren 150. Geburtstag gefeiert hätten. Regers „Romantische Suite“ und die „Variationen und Fuge über ein Thema von Mozart“ sind Bestandteil des 4. Sinfoniekonzerts (29.+30.1.23). Rachmaninow wird mit seiner Sinfonie Nr. 3 im 7. Sinfoniekonzert (21.+22.5.23) gefeiert. Die insgesamt acht Sinfoniekonzerte streifen von der Wiener Klassik (Beethoven, Joseph Haydn) über das frühe 20. Jh. (Richard Strauss, Paul Hindemith) bis in die Musik unserer Zeit (Christian Jost, Cristóbal Halffter). Zu Gast sind aufstrebende und renommierte InstrumentalistInnen, wie die Geigerin Maria Ioudenitch (18.+19.9.), Trompeter Simon Höfele (20.+21.11.) oder Harfenist Xavier de Maistre (21.+22.5.23). Bei den fünf Sonderkonzerten vertont die Staatskapelle u.a. Charlie Chaplins Stummfilm „Goldrausch“ (18.12.), spielt Mozart und Schubert in einem Nachtkonzert (Mai 23) und inszeniert Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ in einem bebilderten Entdeckungskonzert (4.7.23). Die sechs Kammerkonzerte gestalten Mitglieder der Staatskapelle in kleinen Besetzungen nach eigenem Gusto. Stummfilmmusik gibt es auch bei der dreiteiligen Reihe „Nachtklänge“ für zeitgenössische Musik, mit einer Komposition von Damon Lee für „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ (4.11.). „Jazz Nights“, Musik zu festlichen Anlässen von Advent bis Neujahr, Konzerte für Kinder und Jugendliche und die neue Reihe „Klangöffner“ für KlassikeinsteigerInnen runden das Programm ab.

Junges Staatstheater

Das Junge Staatstheater spricht verschiedene Altersgruppen an – nach oben hin stets offen! Das Publikum ab sieben darf sich auf Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ freuen, dem es Kasperl, Seppel und Wachtmeister Dimpfelmoser so schwer wie möglich machen (ab 24.9.). Für Jugendliche ab 13 erzählt „Blackbird“ von Matthias Brandt von der ersten Liebe, dem ersten Rausch, Konflikten mit den Eltern – aber auch davon, was passiert, wenn Krankheit und Tod dann ins Leben kommen, wenn es doch erst so richtig beginnt (ab 12.11.). „Der Katze ist es ganz egal“, dass Leo jetzt Jennifer ist. Den Erwachsenen leider nicht, für sie ist Jennifer noch immer ein Junge. Franz Orghandl zeigt im Dialog zwischen drei Generationen, wie Ängste und Unsicherheiten durch Austausch abgebaut werden können – ab zehn Jahren und ab 4.3.23. Noch ein Stück Schokolade? Noch eine Zigarette? Noch ein Level? Ist es noch Verlangen oder schon Abhängigkeit? Daniel Rattheis hat für Jugendliche ab zwölf Jahren ein packendes und humorvolles Stück über Süchte geschrieben (ab 29.4.23).

Volkstheater

Neben den vielen Theatergruppen zum Mitmachen (mehr auf staatstheater.karlsruhe.de) lädt das Volkstheater wieder zum Mitmachen in großen Produktionen ein. In „Übergrenzen“ entwickelt die Gruppe Choreografien über Schwellenräume und Grenzbereiche, in Körper, Gesellschaft und Gedanken (Premiere: 5.3.23). Heinrich von Kleist hat in „Der zerbrochne Krug“ offengelegt, wie Macht und Einfluss vor Strafe schützen können und alternative Wahrheiten entstehen lassen. In einer medialen Analyse überträgt die Gruppe mit Regisseurin Nike-Marie Steinbach Kleists Analyse auf den undurchsichtigen Mediendschungel von heute (ab 22.4.23). „Nerds retten die Welt“ schließlich ist ein Bekenntnis zum Geek- und Nerdtum, ein performativer Dialog zwischen Wissenschaft und Stadt und ein Versuch, mehr über das Wissen an sich herauszufinden (ab 15.6.23). -fd

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