Der Don Quijote des digitalen Zeitalters

Bühne & Klassik // Artikel vom 17.09.2014

Das INKA-Interview zum NSA-Projekt „Ich bereue nichts“ am Badischen Staatstheater.

Nach dem Stück „Rechtsmaterial“ über die Terrorzelle NSU bringen Regisseur Jan-Christoph Gockel und Konstantin Küspert mit Thomas Halle ihr gemeinsames NSA-Projekt „Ich bereue nichts“ zur Abhöraffäre des amerikanischen Geheimdienstes auf die Studio-Bühne des Badischen Staatstheaters. INKA-Redakteur Patrick Wurster traf Dramaturg und Hauptdarsteller vor der Uraufführung (So, 12.10., 19 Uhr).

INKA: Ihr nähert euch der Thematik wieder sehr journalistisch und habt zuvor mit Publizisten aus dem Umfeld von Edward Snowden gesprochen. Warum war euch dieser Austausch wichtig?
Konstantin Küspert: Es ging uns darum, ein konkreteres Bild von ihm zu bekommen, als es die Medien geliefert haben; eine Idee, wie er als Mensch ist. Was war Snowdens Motivation, sein geregeltes Leben aufzugeben? Hat er es für die Allgemeinheit getan, für sein abstraktes Gefühl von Gerechtigkeit oder aus einem persönlichen Patriotismusverständnis heraus?
Thomas Halle: Auf unserer Recherchereise in Washington haben wir ebenso Hacker interviewt, um technisches Fachwissen zu erlangen. Die Anfrage bei der NSA blieb allerdings leider unbeantwortet...

INKA: Vor der Crux, hauptsächlich Geschehnisse zwischen Tastatur und Monitor auflösen zu müssen, stand schon der Kinofilm „Inside Wikileaks“ über Julian Assanges Whistleblower-Website. Auf der Bühne ist man noch limitierter in seinen Möglichkeiten.
Küspert: Der Vorgang ist in der Tat äußerst abstrakt. Es werden Geheimdienstdaten gestohlen, die die internationale Sicherheit kompromittieren – das ist per se wie das gesamte Internet theatral wenig zugänglich. Theater als Kunstform funktioniert über Empathie. Deshalb habe ich mich für einen fiktiven Monolog entschieden und zeige Snowden als Don Quijote des digitalen Zeitalters, der am System scheitern muss. Dabei nehmen wir uns durchaus die Freiheit, zu mutmaßen und künstlerisch zu überhöhen. Das ist immer noch ein Theaterstück und keine „Spiegel“-Reportage.
INKA: Wie geht man als Schauspieler an eine One-Man-Show über einen vor sich hin sinnierenden Moskauer Asylanten heran?
Halle: Es wird schon etwas lebendiger! Wir beschränken uns nicht auf das Thema Überwachung, Snowden und seine Emanzipation, sondern arbeiten multiperspektivisch, indem ich zwar alleine auf der Bühne stehe, aber mehrere Rollen verkörpere. So versuchen wir beispielsweise darzustellen, wie das Internet die Gesellschaft und ihre Art zu kommunizieren verändert hat.

INKA: „Wir beschäftigen uns mit gesellschaftlichen Themen, damit sich die Gesellschaft für unser Theater interessiert“, sagte Schauspieldirektor Jan Linders im April bei der Spielplanpräsentation. Inwieweit wollt ihr von diesem pragmatischen Ansatz abgesehen euer Publikum auch sensibilisieren? Schließlich gehen viele Leute auch ein Jahr nach den Snowden-Enthüllungen äußerst arglos mit ihren Daten um.
Küspert: Ich habe das klare Bedürfnis, einen Bildungsauftrag wahrzunehmen. Dieses Drei-Sparten-Haus wird von der Gesellschaft finanziert und daraus erwächst die Aufgabe, sich regelmäßig mit aktuellen gesellschaftspolitischen Themen wie der um sich greifenden Überwachungsinfrastruktur auseinanderzusetzen. Auch ganz praktisch: Am Tag der Voraufführung von „Ich bereue nichts“ (Sa, 11.10., 19.30 Uhr) zeigen Karlsruher Kryptografie-Experten ab 14 Uhr bei der im Staatstheater stattfindenden dritten Staffel der „Anti-Prism-Party“, wie man sich schützen kann – vom sicheren Online-Banking über die Verschlüsselung von E-Mails bis zum anonymen Surfen. Im Anschluss an die Vorstellung steigt die „Spy-Party“ im Outer Space.

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