Die Kinder des Musa Dagh

Bühne & Klassik // Artikel vom 28.11.2015

Franz Werfels Roman „Die 40 Tage des Musa Dagh“ erzählt von 5.000 Armeniern, die sich auf den Berg Musa Dagh in der heutigen Südtürkei zurückziehen und gegen ihre türkischen Verfolger kämpfen.

Ihre Rettung in letzter Sekunde durch ein französisches Schiff ist glücklicher Zufall. „Die Kinder des Musa Dagh“ ist Ferdinand Bruckners Theaterfassung des Romans, die Stefan Otteni im Rahmen des Armenien-Festivals am Staatstheater Karlsruhe inszeniert und in INKA erläutert. Friedemann Dupelius hat hierzu mit ihm gesprochen.

INKA: Viele Leute wissen gar nicht von dem Völkermord…
Stefan Otteni: …das stimmt. Aber mir kommen schon jetzt Besucher in Karlsruhe entgegen, die den Roman von Franz Werfel gut kennen. Viele haben ihn in ihrer Jugend gelesen und wurden dadurch politisiert.

INKA: Wie haben Sie recherchiert? Haben Sie mit Armeniern gesprochen?
Otteni: Ich habe in Berlin viele Nachfahren der Armenier getroffen, die auf dem Musa Dagh waren. Ein alter Mann, dessen Vater damals ein kleines Kind war, hat mir alte Fotos gezeigt: „Das ist der Mann, der uns gerettet hat. Das ist meine Großmutter, die hat damals gekämpft.“ Wir werden solche Fotos in die Inszenierung integrieren, genauso wie Videoaufnahmen, die wir selbst auf dem Musa Dagh gedreht haben.

INKA: Wie wird Ihre Arbeit von Armeniern in Karlsruhe wahrgenommen?
Otteni: Im April haben wir das Stück mit einigen der Schauspieler bei einer armenischen Gedenkveranstaltung gelesen. Der armenische Kulturverein hat sich anrührend gefreut, wie wir uns dieses Themas annehmen. Im Publikum standen aber auch Herren in Anzügen –  Botschaftsangehörige womöglich –, die lautstark protestiert haben. Auf einmal gingen die Türen auf und Leute kamen mit Flugblättern hinein, laut denen alles Lüge sei und Werfel übertreiben würde. Wir richten uns auf eine sehr starke Diskussion im Zuge der Aufführung ein. Deswegen liefert das Festival mit Ausstellungen, Lesungen und Programmheft viel Information. Außerdem wollen die Armenier hier nicht nur als Opfer dargestellt werden, sondern zeigen, dass sie eine lebendige Kultur sind. Darum gibt es auch Veranstaltungen wie das armenische Fest mit traditionellen Speisen und Volkstänzen. Es soll nicht nur getrauert werden.

INKA: Wie werden bei diesem konfliktreichen Thema die Türken dargestellt? Werfel berichtete ja, er wollte sie nicht verteufeln...
Otteni: Ich mag es nicht, die Gegner bloß als Deppen darzustellen. Der türkische Außenminister Enver Pascha wird als schlauer Fuchs dargestellt. Außerdem wollte ich eine geistliche, spirituelle türkische Seite einbringen. Der evangelische Pastor Johannes Lepsius erhob sein Wort gegen den laufenden Völkermord. Bei den Deutschen stieß er auf taube Ohren, also suchte er sich Komplizen unter den Türken. Darunter gab es viele Gläubige, die gegen eine Ausrottung waren. Zum Teil klagten sie Europa an, da dieses erst die Ideen des Nationalismus und dass man Gott nicht mehr brauche in die Welt eingeführt und in die Türkei importiert habe. Auch sie kommen auf der Bühne zu Wort.

INKA: Auch Deutschland tat und tut sich schwer, das Wort „Völkermord“ in den Mund zu nehmen. Wie gehen Sie damit um?
Otteni: Der deutsche Geheimrat sagt im Stück: „Wir werden die Türken noch sehr nötig haben und dürfen sie nicht zu sehr reizen.“ Im Grunde sind das die gleichen Worte wie die von Merkel heute zur Flüchtlingskrise. Die Mitschuld der Deutschen am Genozid ist Thema, wir haben die Theaterfassung von Bruckner extra um Szenen dazu ergänzt.

Premiere: Sa, 28.11., 19.30 Uhr, auch: Fr, 4.12. und Mi, 9.12., 20 Uhr, Badisches Staatstheater, Kleines Haus, Karlsruhe

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