Gesänge aus dem Land der Discounter

Bühne & Klassik // Artikel vom 03.11.2009

Auch am Radio gehen die technischen Fortschritte nicht spurlos vorüber.

Drehten unsere Großeltern noch verzweifelt die Antenne Richtung Fenster, sorgt heute Empfang mittels Kabel für überwiegend störungsfreie Sendungen. Neue digitale Empfangstechniken funktionieren nach dem Prinzip „ganz oder gar nicht“ – daher ist ein Störgeräusch wie z.B. Rauschen ausgeschlossen. Digitale Radiosignale können zum Beispiel mittels Satellit, Kabel oder Internet übertragen werden.

Wichtiger als diese technischen Details ist für die User aber die Tatsache, dass das Radio der Zukunft enorm flexibel ist. Man muss keine bestimmten Uhrzeiten einhalten, sondern kann Ausgewähltes bequem auch nach dem Duschen anhören. Die Sendungen sortieren sich und können thematisch abgerufen werden. Wo und wann wir Hörspiele hören, bestimmen wir selbst: Wir können uns mit dem Gag des Tages wecken lassen und mit dem Gewinnerstück von 2008 einschlummern.

Unbedingt persönlich dabei sein sollte man jedoch am Donnerstagabend, wenn das Live-Hörspiel „Schnuppertag – Gesänge aus dem Land der Discounter“ von Barbara Eisenmann und dem Komponisten und Autor Frieder Butzmann zu erleben sein wird, denn es bietet nicht nur akustische, sondern auch optische Reize. INKA sprach mit Wolfram Wessels, dem Redakteur dieses Stückes.

INKA: Was bedeuten Ihnen die Hörspieltage in Karlsruhe?
Wolfram Wessels: Es ist ein Treff für alle Hörspielfreunde und Radiofreunde und passt wunderbar zu diesem Standort. Die Räumlichkeiten im ZKM sind nicht nur technisch fantastisch. Dieser Event verschafft dem Hörspiel ein großes Forum. Wir hatten bisher in Karlsruhe ein aufgeschlossenes, großes Publikum. Auch die in der Stadt zirkulierende Hörspielbahn wird immer besser angenommen. Man kann an jeder beliebigen Haltestelle einsteigen und den präsentierten kurzen Stücken zuhören.

INKA: Wer hört Ihrer Meinung nach Hörspiele, wie sieht Ihr Zielpublikum aus?
Wessels: Alle Menschen, die gerne hören, wir haben kein spezielles Zielpublikum. Günstig ist, dass die Jugend schon „Hörspiel-sozialisiert“ ist, sie wachsen mit Hörkassetten auf. Wir beobachten auch, dass die Renaissance des Hörspiels durch alle Altersgruppen und alle sozialen Schichten geht. Nichts am Hörspiel ist nostalgisch, wir gehen mit dem Puls der Zeit und behandeln aktuelle Themen, die zeitnah aufbereitet eine breite Hörerschaft ansprechen. Wir haben einen Doku-Blog und da bekommen wir viele Rückmeldungen von begeisterten Hörern; gerade auch Studenten entpuppen sich als eine Generation, die gerne hört.

INKA: Sie sind Redakteur des Live-Hörspiels „Schnuppertag – Gesänge aus dem Land der Discounter“, das am Donnerstagabend aufgeführt wird. Verraten Sie uns etwas über diese Produktion?
Wessels: Es handelt sich um ein Stück, das im Mai im Studio produziert wurde und auch nach Berlin zum Prix Europa eingeladen wurde. Der Stoff spricht ein brisantes, aktuelles Thema an: Gerade ging das Urteil gegen eine langjährige Verkäuferin, die einen Cent-Betrag unterschlagen haben soll, weshalb ihr gekündigt wurde, in Revision. Die Arbeitsbedingungen in Supermärkten sind hart, Kontrollen und Überwachungen eingeschlossen: absurd und tragisch gleichzeitig. Wir versuchen nun für das Live-Hörspiel eine Supermarktatmosphäre nachzuempfinden mit Einkaufswagen und Regalen. Der Autor und Komponist Frieder Butzmann wird selbst die Musik abmischen. Ursprünglich war es ein dokumentarischer Ansatz, um die Verhältnisse in den großen Supermarktketten vom Praktikanten über den Verkäufer bis zum Bereichsleiter darzustellen. Doch das Autorenduo Frieder Butzmann und Barbara Eisenmann fand sprachliche Distanz und hat ein eigenes Werk aus den Originaltönen komponiert. Am liebsten hätten wir das einstündige Stück im Supermarkt realisiert, aber denen war das wohl zu kritisch.

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