Ludwigsburger Schlossfestspiele: Intendant Jochen Sandig im Interview

Bühne & Klassik // Artikel vom 07.05.2020

Jochen Sandig (Foto: Jean-Baptiste Millot)

Das INKA-Gespräch mit Jochen Sandig, dem neuen Intendanten der „Ludwigsburger Schlossfestspiele“.

INKA: Wie bist du an deine neue Aufgabe herangegangen?
Jochen Sandig: Es war von Anfang an mein Wunsch, für die Weiterentwicklung und Neuausrichtung dieses traditionsreichen Festivals ein großes Thema zu finden – ein Leitmotiv. Viele Festivals geben sich Jahresmotti, wir haben uns aber entschieden, nicht jedes Jahr ein wechselndes Motto auszurufen. „Welches Festival braucht unsere Gesellschaft?“, war die Ausgangsfrage, der sich mein Team und ich gestellt haben – jenseits der Historie der „Ludwigsburger Schlossfestspiele“ als eines der ältesten Festivals in Deutschland. Sie wurden vor 88 Jahren als „Schlosskonzerte“ gegründet und hatten stets die Musik als roten Programmfaden. Wir wollten wissen: An wen richten sich die Festspiele? Wer ist das Publikum und was wird eigentlich gefeiert? Ich habe zunächst die drei Begriffe „Schloss“, „Fest“ und „Spiele“ unter die Lupe genommen und bin auf der Suche nach den großen Themen unserer Zeit auf die vor vier Jahren von den Vereinten Nationen als globale Agenda 2030 entwickelten 17 Nachhaltigkeitsziele oder Sustainable Development Goals gestoßen. Sie dienen uns als Kompass bei unseren Programmen und sind auch Teil des von mir mitgegründeten „World Human Forums“ in Griechenland. 2020 wird das „World Human Forum“ vom 22. bis 24.5. zum ersten Mal nicht in Delphi, sondern in Ludwigsburg stattfinden, als offene Konferenz mit kulturellen Abendveranstaltungen rund um die Aspekte: Wie leben wir, wie sieht die Zukunft der Städte aus, wem gehören Lebensräume und wie gestalten wir sie? Und es wird natürlich um die Klimafrage gehen. Ich werde dazu auch Vertreter der „Fridays For Future“-Bewegung einladen und den Jugendrat der Generationenstiftung, der ein Buch herausgebracht hat mit dem schönen Titel „Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen!“. Das ist mein Ansatz, wie ich gedanklich am Programm arbeite.

Wie definierst du deine Intendanten-Rolle?
Ich sehe mich als Teamplayer und teile meinen Enthusiasmus gerne mit anderen. Ob Tacheles, Sophiensäle, Sasha Waltz & Guests oder Radialsystem – ich bin auch Gründer von Beruf und möchte diesem traditionellen Festival gerne etwas Gründergeist einhauchen. Wir wollen ein Fest der Künste feiern, mit Musik, Tanz, Literatur, Film und Bildender Kunst. Die Schlüsselthemen Demokratie und Nachhaltigkeit sollen die ganze Breite der Gesellschaft ansprechen, Brücken bauen und Menschen miteinander in Kontakt bringen. Das Kulturprogramm der Festspiele bildet daher ein Forum des Dialogs, des Austauschs und der Begegnung. Es ist eben kein reines Klassik-Festival für Musikexperten, sondern wir richten uns über eine Vielfalt an Themen an alle Kunst- und Kulturoffenen. Das ist der „bunte“ Faden.

Was ist dir darüber hinaus wichtig?
Education, denn als Kulturinstitution haben wir einen wichtigen Bildungsauftrag. Wir setzen auch erfolgreiche Formate meines Vorgängers fort und intensivieren die Zusammenarbeit mit vielen Partnern. Das Thema Gender Equality liegt mir sehr am Herzen, daher präsentieren wir viele Werke von Frauen u.a. von Pina Bausch, Lucinda Childs und Sasha Waltz im Tanz oder von Rebecca Saunders in der Musik. Mit Alondra de la Parra (Foto rechts: Peter Rigaud ) und Anu Tali werden dieses Jahr zwei Dirigentinnen das Festspielorchester leiten. Das Thema Communitys ist auch sehr wichtig, weil Städte unsere Ankerorte sind und wir die große globale Krise nur lokal bewältigen können. Es ist uns wichtig, Begriffe wie Rassismus ad absurdum zu führen, denn es gibt nur Ethnien, aber keine unterschiedlichen menschlichen Rassen. Wir sind alle miteinander verwandt – das greifen wir mit unserem Projekt mit „Welt Bürger Innen“ auf.

Wie sollen all diese Themen in ein Festival transportiert werden?
Wir wollen den Innenhof des Schlosses in einen Resonanzraum verwandeln, in dem durch unterschiedliche Begegnungsformate vor und nach den Einzelveranstaltungen Menschen miteinander ins Gespräch kommen können. Wir möchten über die künstlerischen Projekte einen Katalysator des Dialogs generieren. Es geht auch um neue Formen des Konzerts. Das „Human Requiem“ in der Liederhalle Stuttgart ist eine Einladung, das „Deutsche Requiem“ von Brahms in unmittelbarer Nähe zu erleben: Das Publikum ist dabei nicht passiv, sondern bewegt sich durch einen Raum gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin. Wenn wir unsere Sterblichkeit nicht verdrängen, öffnen wir einen Raum für Achtsamkeit und Verantwortung und die wichtige Erkenntnis, dass wir alle Zeitreisende auf dem gemeinsamen Planeten Erde sind.

Was kannst du über das weitere Programm verraten?
Im ersten Festivaljahr beginnen einige Projekte, die sich in den Folgejahren ausbauen lassen und weiterentwickeln können. Mitte März stellen wir unser Gesamtprogramm vor. Wir wollen mit dem Festival neue Zuschauerkreise erschließen – unsere 360-Grad-Gesellschaft mit ihrer kulturellen Vielfalt. Jedes Jahr an Pfingsten gibt es bereits ein beliebtes Straßenmusikfestival im Blühenden Barock in Ludwigsburg, ab 2020 kooperieren wir zum ersten Mal mit den Gründern dieser wunderbaren Idee. Die Intendanz versteht sich als Teamplayer, wir wollen auf Leute zugehen und stehen in Kontakt mit anderen Kulturinstitutionen; so auch mit dem Kunstmuseum und Theaterhaus Stuttgart, dem Deutschen Literaturarchiv Marbach oder der Ludwigsburger Scala. Es geht in unseren Projekten auch darum, Hemmschwellen zu senken. Deshalb planen wir in ganz Ba-Wü Tanz-Flashmobs: ein „Dabke Community Dancing“ mit einem syrischen Musiker und einem Choreografen, die auf öffentlichen Plätzen zum gemeinsamen Tanzen einladen.
Um unser Verhältnis zur Natur geht es z.B. bei der „Pixelsinfonie“ in Zusammenarbeit mit dem Podium Esslingen und dem ZKM auf Grundlage von Beethovens 6. Sinfonie, der „Pastorale“, inszeniert von Michael Rauter als Musiktheater mit einem Solistenensemble in 30 Hotelzimmern, das sich auf dem Vorplatz zu einem Ganzen zusammenfügt. Man kann während des Konzerts ebenso die einzelnen Zimmer besuchen. Ein wichtiger Grund für die Zusammenarbeit mit dem ZKM ist die kommende Ausstellung „Critical Zones“ von Peter Weibel und Bruno Latour, in der es auch um „Eartly Politics“ und Zukunftsfragen geht. Das ZKM ist ja federführend darin, Wissenstransfer zu betreiben, die Künste, Innovation, Wissenschaft und Technologie zusammenzudenken. Bei „Piano City“ gehen wir am 16. und 17.5. mit Hauskonzerten in Privaträume, quasi vom Schloss als repräsentativem Ort in die Wohnzimmer – frei nach dem Motto „My Home Is My Castle“. Eine Ausweitung auf andere Städte ist auch hier geplant.
Außerdem führen wir die h-Moll-Messe von Bach auf, die „Missa Solemnis“ von Beethoven, zwei der bedeutendsten geistlichen Werke dieser beiden Komponisten, die sich gemeinsam mit dem Brahms-Requiem zu einem Dreiklang fügen. Denn sie gelten als Schlüsselwerke, die sich mit den großen existenziellen Fragen auf spiritueller Ebene beschäftigen. Ein weiteres Kleinod ist eine Mini-Oper mit ca. 250 Plätzen im Schlosstheater: Wir führen „La Bohème“ auf, wie man diese Oper noch nie erfahren hat! Ein Pianist und ein Geiger spielen sie auf lediglich zwei Instrumente reduziert, wobei sämtliche Handlungen und Dialoge der Figuren als Übertitel eingeblendet werden. Opéra en miniature also, die die großen Gefühle genauso stark in unserer Fantasie hervorruft. Die Einfachheit der Idee, Menschen zusammenzuführen, um gemeinsam etwas zu erleben – das ist für mich als Gastgeber das Wesentliche. Ich suche immer weiter nach Zukunftsformaten. Musik und Tanz sind universelle und archaische Sprachen, die uns in unseren Tiefen des Bewusstseins und Unterbewusstseins erreicht. Wer Lust hat, ein Fest der Liebe und des Lebens zu feiern und dieses Fest mit anderen zu teilen, der ist hier richtig.

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