Stolpersteine

Bühne & Klassik // Artikel vom 21.06.2015

Lilly Jankelowitz und Paul Gemmeke – auch vor dem Badischen Staatstheater erinnern zwei goldene Stolpersteine an Opfer des Nationalsozialismus.

In diesem Fall sind es eine Sängerin und ein Schauspieler, deren Karriere in Karlsruhe mit Hitlers Machtergreifung abrupt zu Ende ging. Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura stöbern für ihr Stück „Stolpersteine“ gerade in Archiven nach Quellen zu einem traurigen Kapitel Karlsruher Theatergeschichte.

INKA: Sie recherchieren viel für Ihre Stücke. Wieviel Material haben Sie schon beisammen?
Hans-Werner Kroesinger: Bei uns stapeln sich die Akten. Wir könnten locker einen fünfstündigen Abend machen, wenn wir das wollten.

INKA: Wie wird aus so vielen Quellen ein Bühnenabend?
Regine Dura: Wir erzählen vier Biografien von entlassenen Theater-Künstlern, darunter auch einer Souffleuse. Die montieren wir mit unterschiedlichen Dokumenten – Akten, literarischen Texten, Theatertexten...
Kroesinger: Das Publikum wird mit den Schauspielern gemeinsam an einem überdimensionalen Tisch sitzen. Wir werden mit Projektionen von Filmen, Bildern und Texten arbeiten und ein Komponist erschafft einen Klangraum aus den Geräuschen von Steinen. Die Schauspieler sind am Entstehungsprozess beteiligt; sie waren mit im Stadtarchiv. Jetzt wählen wir gemeinsam aus, was für uns das Kräftigste ist und was über das Theater zum Zeitpunkt der Machtergreifung erzählen kann – was ist da genau in Karlsruhe passiert?

INKA: Was denn zum Beispiel?
Dura: Der Schauspieler Hermann Brand beschreibt in seinem Buch eine konkrete Situation: Das Orchester, dessen Aufgabe es ist, den Sänger zu unterstützen, beginnt plötzlich falsch zu spielen, sodass er ins Schlingern kommt.
Kroesinger: Und das nicht nebenbei, sondern in der Hauptprobe, kurz vor der Premiere. Der Sänger ist Hermann Brand. Er schnappt auf, wie die Orchestermitglieder zueinander sprechen: „Jetzt hat der Jude bald ausgesungen.“ Es stellt sich heraus, dass viele davon bereits Parteigenossen waren.

INKA: Was hat sich mit Hitlers Machtergreifung am Badischen Landestheater geändert?
Dura: Der bisherige Intendant Waag wird entlassen und durch einen parteitreuen Nachfolger, Thur Himmighoffen, ersetzt. Den jüdischen Ensemblemitgliedern wird gekündigt, ihre Verträge werden nicht verlängert. Sie erfahren von ihren Kündigungen aus dem Kampfblatt „Der Führer“. Über den Spielplan entscheidet nun nicht mehr das Theater selbst, sondern die Reichstheaterkammer – der Vorsitzende ist Reichspropagandaminister Goebbels – kontrolliert von Berlin aus flächendeckend das ganze Schaffen der Theater. In Bühnenblättern werden Analysen von Klassikern wie Kleist und Schiller abgedruckt, die nationalsozialistisch umgedeutet werden. Die Hakenkreuzfahne wird auf dem Dach des Theaters gehisst.
Kroesinger: Das Theater bekommt einen eigenen Propagandaleiter, der darauf achtet, ob linientreu agiert wird. Die HJ hat plötzlich eine Funktion in der Badischen Jugendbühne. Der Prozess der Gleichschaltung und der Ausschaltung von allem anderen geht in einer unglaublichen Geschwindigkeit sehr präzise voran. Die Hetze gegen das Theater geht aber schon vor dem 30.1.1933 in Propagandablättern los. Man hat sich früh aufs Theater gestürzt, als Faktor, der eine Öffentlichkeit herstellt. Und bereits 1933 gibt es eine erste Luftschutzübung im Badischen Landestheater. Wenn ich kurz nach einer Wahl im Theater sitze und es wird die Vorstellung unterbrochen und erklärt, was ich im Falle eines Luftangriffs zu tun habe, das sollte einem doch zu denken geben... -fd

Premiere: So, 21.6., 19 Uhr, auch: So, 5.7., 19 Uhr, Badisches Staatstheater, Studio, Karlsruhe

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