Tanz Karlsruhe 16

Bühne & Klassik // Artikel vom 09.11.2016

20-Jähriges feiert das 2015 namentlich auf „Tanz Karlsruhe“ reduzierte spartenübergreifende Festival von Tempel und Tanztribüne bei seiner 16. Ausgabe.

Spielstätten sind in bewährter Weise neben dem Mühlburger Kulturzentrum das ZKM, das Tollhaus und das Studio 3 der Kinemathek. Neu hinzugekommen: das Badische Staatstheater mit der Premiere des ältesten erhaltenen Balletts.

Badisches Staatstheater
Der dänische Choreograf Peter Schaufuss beruft sich in seiner preisgekrönten 1979er Inszenierung von „La Sylphide“ (Sa, 19.11., 19 Uhr) auf August Bournonvilles Version von 1836 und steht bis zum heutigen Tag international auf dem Spielplan renommierter Compagnien. Staatstheater-Ballettdirektorin Birgit Keil vervollständigt damit die von ihr einst initiierte Klassikerreihe.

Kulturzentrum Tempel
Eröffnet wird das Festival für den zeitgenössischen Tanz durch die deutschen Erstaufführungen „Nobody’s Land“ (Foto oben: Roger Rossell) und „Fleeting Feathers“ (Mi, 9.11., 20.30 Uhr), vorgetragen von den Sasha-Waltz-Ensemblemitgliedern Maya Gomez und Blenard Azizaj. Mit „We Love Arabs“ (Mi, 23.11., 20.30 Uhr) kreuzen der Israeli Hillel Kogan und sein arabischer Kollege Adi Boutrous Davidstern und Halbmond, indem sie provokant-respektlos und selbstironisch-pointiert den Nahostkonflikt ad absurdum führen. Anschließend ist auch das Publikum zur Kontroverse aufgerufen. In die dunkelsten Abgründe der menschlichen Seele stürzt sich die italienische Imperfect Dancers Company mit ihrer erstmals in Deutschland aufgeführten Performance „Infaust“ (Fr, 25.11., 20.30 Uhr). Und weil Goethes monumentaler „Faust“ nur schwer in einer einzigen Aufführung abzudecken ist, lassen sie ihn in den letzten Augenblicken seines Lebens noch einmal auf Wagner und Gretchen zurückblicken. Wer dabei sein möchte, wenn sich die regionale Tanzszene von Karlsruhe (u.a. Tanztribüne/Jazzaret Dance Company/Tanzschule You Dance) über Wiesloch, Heidelberg (Tanzsektor & Flying Monkeys) und Reutlingen (Humanmoves) bis nach Offenbach (Katerina Vlasova & Amadeus Pawlica) bei der „Langen Nacht der kurzen Stücke“ (Fr, 11.11., 20 Uhr) in rund zehnminütigen Auftritten vorstellt, muss schleunigst Karten klarmachen – die Samstagsvorstellung des Publikumsrenners ist längst ausverkauft. Die Szene von morgen repräsentieren außerdem die von Joeri Dubbe aus den Niederlanden und der Kanadierin Sarah Murphy angeführten „Preisträger des internationalen Solo-Tanz-Theater Festivals“ (Mo, 14.11., 20.30 Uhr) aus Stuttgart. Auf dem besten Weg zum jungen Festivalklassiker ist die dritte Auflage des vom Karlsruher Hip-Hop-Kulturzentrum Combo mitveranstalteten „Scenario Battles – 2 vs. 2“ (Sa, 19.11., 18.30 Uhr), bei dem 16 internationale B-Girl- und B-Boy-Teams im K.O.-Modus um den „European Breakdance-Championship“-Titel fighten. Zum Zuschauen und Mittanzen fordert die „Ballroom Swing Night“ (So, 27.11.) auf: Zwischen dem „Lindy Hop“-Schnupper-Workshop (19 Uhr) der Tanzschule Gutmann spielt das aus dem legendären amerikanischen Schlagzeuger Allen Blairman, dem Mannheimer Saxofonisten Olaf Schönborn und dem Jazz-Tap-Dancer Kurt Albert bestehende Trio Melody Rhythm & Tap (18 Uhr) sowie die von der „La Nuit Bohème“ im Tempel bekannte Feature-Zusammenkunft aus der Up To Date Bigband und dem chansonierenden Charmeur der alten Schule, Teddy Schmacht (21 Uhr).

ZKM
Ein Pixelgestöber in digitalen Universen treten „Split Flow“ und „Intensional Particle“ (Mi, 16.11., 20.30 Uhr) los – mittendrin: der vielzitierterweise „nur mit seinem Notebook die Theater verzaubernde“, von Bild und Sound verschlungene japanische Allroundkünstler Hiroaki Umeda. Das Must-see aus der Schweiz: „Islands“ (Fr, 18.11., 20.30 Uhr), eine Inszenierung der international anerkannten Compagnie Alias. Zuvorderst sichtbar ist allein der aus Brasilien stammende Choreograf Guilherme Botelho; hinter ihm bewegen sich unisono vier weitere Tänzer zu den Elektro-Klängen, als wären sie die natürliche Verlängerung seines Rückgrats. Ebenfalls in deutscher Erstaufführung zu sehen ist die Performance „Scattered“ (So, 20.11., 20.30 Uhr). Mit Projektionstechnik und einer gewagten Choreografie erforscht das britische Motionhouse unser Verhältnis zum Wasser und lässt dafür sieben Tänzer übergangslos vor dem digitalen Bühnenbild interagieren.

Tollhaus
Zwei feurige Beiträge steuert das Kulturzentrum auf dem Schlachthof-Areal zum Festivalprogramm von „Tanz Karlsruhe 16“ bei: Zuerst gibt der Flamenco-Erneuerer Israel Galván aus Spanien den „Fla.co.men.“ (Do, 10.11., 20 Uhr), dann reflektiert die Danza Contemporánea de Cuba als eine der wichtigsten zeitgenössischen Kompanien der Karibikinsel in den drei aufwendigen Stücken „El Cristal“, „Matria Etnocentra“ und „Cenit“ (Do, 24.11., 20 Uhr), einer elektrisierenden Melange aus zeitgenössischem Tanz, afro-karibischen und spanischen Elementen, die heimatlichen Verhältnisse zwischen schönheitstrunkener Melancholie und purer Lebensfreude mit bis zu 24 Akteuren.

Kinemathek
Die an der Boston Ballet School zur Tänzerin ausgebildete Regisseurin Bess Kargman begleitet in ihrem Debüt „First Position – Ballett ist ihr Leben“ (Do+Sa, 17.+19.11., 19 Uhr) sechs Talente bei den Vorbereitungen zum „Youth American Grand Prix“, einem der weltweit größten Ballettwettbewerbe, und baut dabei nicht nur Spannung hinsichtlich Erfolg und Scheitern auf, sondern liefert darüber hinaus ein packendes Gesellschaftsporträt über die aus verschiedenen sozialen Schichten stammenden Jugendlichen. Archivmaterial mit spektakulären Tanzszenen und Alltagsbeobachtungen kombiniert Tomer Heymanns filmische Biografie zu „Mr. Gaga“ (Di+Fr 22.+25.11., 19 Uhr) alias Ohad Naharin, Leiter und kreativer Kopf der Batsheva Dance Company aus Tel Aviv, der mit seiner neuartigen Bewegungssprache nichts weniger als den Modern Dance revolutioniert hat. -pat

9.-27.11., Kulturzentrum Tempel (Scenario Halle+Vanguarde)/ZKM (Medientheater)/Tollhaus (Großer Saal)/Badisches Staatstheater (Großes Haus), Kinemathek (Studio 3), Karlsruhe
www.kulturzentrum-tempel.de

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