Tanz Karlsruhe 19

Bühne & Klassik // Artikel vom 03.11.2019

Flow (Foto: Gert Weigelt)

Das allherbstliche Karlsruher Tanzfestival präsentiert internationalen Tanz auf hohem Niveau, den man in dieser Dichte sonst nur selten geboten bekommt.

Compagnien aus Israel, Kuba, England, Deutschland und der Schweiz zeigen abendfüllende Choreografien, die zeitgenössische und zeitlose Themen behandeln – von der Digitalisierung bis zum Menschsein. Auch in Karlsruhe hat sich eine quicklebendige freie Tanzszene aus Compagnien und Schulen, TänzerInnen und ChoreografInnen etabliert, die sich bei der „Langen Nacht der kurzen Stücke vorstellt“. Filme und Workshops runden das Programm ab. -fd

Sharon Eyal: Soul Chain
Um nichts Geringeres als die Liebe und die Sehnsucht geht es bei Sharon Eyal. Die Tel Aviver Choreografin, die über 20 Jahre lang für Ohad Naharins „Batsheva Dance Company“ getanzt hat, schöpft ihre Inspiration aus starken Emotionen. Eine „Seelenkette“ hält die TänzerInnen zusammen, doch bei aller Geschlossenheit brechen immer wieder individuelle Regungen heraus. Elektronische Beats von Ori Lichtik versetzen und halten das Ensemble in Bewegung, innerste Kräfte bahnen sich an die Oberfläche. Sharon Eyals Partner Gai Behar zeichnet mitverantwortlich für diese Inszenierung für das Ensemble Tanzmainz.
Mi, 6.11., 20 Uhr, Tollhaus

Bridget Breiner: Seid umschlungen
„Seid umschlungen, Millionen“ heißt es in Schillers „Ode an die Freude“, die in der Vertonung von Ludwig van Beethoven als Europahymne an die verbindende Einheit in der Vielfalt der Menschheit erinnert. Durchaus ein Statement, mit dem das Tanz-Festival in diesem Jahr beginnt. Bridget Breiner, die neue Ballettdirektorin am Staatstheater hat die Ode in eine Choreografie übersetzt, verkörpert von den Mitgliedern des Staatsballetts und vertont mit zwei Klavieren. Ihr eigenes Stück erweitert Breiner mit Fragmenten aus Werken zeitgenössischer internationaler ChoreografInnen wie Marguerite Donlon, David Dawson, Marco Goecke und Richard Siegal.
So, 3.11., 18 Uhr, Staatstheater

Lange Nacht der kurzen Stücke & Die Szene von morgen
Zwar ist der Abend schon längst ausverkauft, doch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass sich Karlsruhe über eine lebendige freie Tanzszene freuen darf. Die präsentiert sich in gut einem Dutzend kurzen Choreografien bei der „Langen Nacht der kurzen Stücke“ (Fr+Sa, 8.+9.11., 19 Uhr, Tempel Scenario). Am Mo, 18.11. stellen sich die PreisträgerInnen des „Internationalen Solo-Tanz-Theater Festivals“ 2019 in den Kategorien Tanz und Choreografie vor. Das Tanz-Solo ist die Urform des zeitgenössischen Tanzes und komprimiert dessen Essenz: Körpersprache und Ausdruck. Mit dabei sind Leila Ka, Linda Cordero Rijo, Nina Plantefève-Castryck, Seth Buckley, Shirly Barbie und Loretta Pelosi Oliveira (20 Uhr, Tempel Scenario).

Danza Contemporánea de Cuba
Nach ihrem ersten Gastspiel 2016 kehren Danza Contemporánea de Cuba nach Karlsruhe zurück. In diesem Jahr feiert die Compagnie ihr 60. Bühnenjubiläum. Gegründet wurde sie im Jahr der kubanischen Revolution und spiegelt somit den karibischen Inselstaat und seine Gesellschaft denkbar gut wieder, zumal der Tanz in Kuba einen besonderen Stellenwert genießt. Zu „Tanz Karlsruhe“ bringen Danza Contemporánea drei große Choreografien mit: „Coil“ von Julio César Iglesias, „Equilux“ von Fleur Darkin und „El Criterio del Camello“ von George Céspedes. Beteiligt sind bis zu 25 TänzerInnen, die zwar auch technisch unheimlich versiert sind, Hingabe und Emotion aber als wichtigstes tänzerisches Element betrachten.
Di, 12.11., 20 Uhr, Tollhaus

Alexander Whitley Dance Company: Overflow
Es scheint alles so spaßig und unverfänglich, wenn wir Bildchen, Sound-Clips und Likes im Internet verteilen. Doch basteln wir damit als quasi freiwillige, unbezahlte Sklaven an unserer eigenen Ausbeutung mit und verhindern in letzter Konsequenz eine offene Zukunft, wenn sich unsere Vorlieben und Verhaltensweisen dadurch immer präziser vorhersagen lassen. Aus diesem Dilemma zwischen individueller Freiheit und Massenüberwachung kommt man zwar nicht so einfach raus, es lässt sich aber hervorragend dazu und darüber tanzen. Die Alexander Whitley Dance Company fährt in ihrer Deutschland-Premiere aufwendige technische Mittel auf, vom Sound über Licht-Design und Licht-Skulptur bis zur Programmierung.
Mi+Do, 13.+14.11., 20 Uhr, ZKM-Medientheater

Compagnie Linga: Flow
Die Natur hat ihre eigenen Choreographien. Man denke an Schwärme von Vögeln, Fischen und Insekten, oder auch Säugetieren, die in Herden wandern. In kürzerster Zeit können sie ihre Bewegung oder Formation ändern, ohne dass der Zusammenhalt verloren ginge. Jedes Invidiuum kennt seinen Platz im Kollektiv. Die Compagnie Linga aus der Schweiz nähert sich diesen natürlichen Formationen tänzerisch an. Anhand von Interaktionsregeln erlernen die TänzerInnen, instinktiv aufeinander zu reagieren und so leicht und konzise wie ein Vogelschwarm zu agieren – stets im kollektiven „Flow“ der Bewegung.
Sa+So, 16.+17.11., 20 Uhr, ZKM-Medientheater

Alleyne Dance: A Night’s Game
Die Schwestern Kristina und Sade Alleyne entspringen der Company von Akram Khan, dem Londoner Choreografen, der die olympische Eröffnungsfeier 2012 in Szene setzte. In einem abendfüllenden Werk befassen sich die Alleynes mit Freiheit und deren drohendem Verlust. Wie verhält sich ein Körper, der davor steht, inhaftiert zu werden? Athletische Dynamik trifft auf tänzerische Anmut, gespeist aus einem vielseitigen Background von Afro-Caribbean und Latin über HipHop und Circus Art bis zum indischen Kathak. Dunkel und atmosphärisch, abstrakt und kraftvoll.
Do, 21.11., 15 Uhr, Tempel, Scenario-Halle

Filme: Gaspar Noé & Merce Cunningham
Begleitend zu den choreografischen Werken des Festivals sind in der Kinemathek zwei Filme mit Tanzbezug zu sehen: In „Climax“ (2018) zelebriert Gaspar Noé den Rausch, das Dionysische, das für ihn jedem Tanze innewohnt. Zum Beispiel dann, wenn eine Gruppe TänzerInnen beim Probenwochenende versehentlich Sangria alla LSD in den Gaumen bekommt (Fr, 15.11., 19 Uhr). Brandneu ist Alla Kovgans „Cunningham“, eine Hommage an den Tänzer und Choreografen Merce Cunningham, der eng mit John Cage und Robert Rauschenberg gearbeitet und eine buchstäbliche „From Rags To Riches“-Karriere erlebt hat. Mit den Mitgliedern seiner letzten Ensembles lässt der Film einige wichtige Inszenierungen Cunninghams neu aufleben (Mi, 20.11., 19 Uhr).

Alias – Guilherme Botelho: Normal
„La vie est un long fleuve tranquille“ heißt ein französischer Spielfilm. Guilherme Botelho und die Compagnie Alias widersprechen: Leben heißt für sie, ständig zwischen Spannung und Entspannung zu wechseln. Es findet in Zyklen statt, alles beginnt und verfällt, um irgendwann woanders wieder neu aufzutauchen. Nichts weniger als „eine getanzte Definition dessen was Leben bedeutet“ also bieten die Schweizer an und wollen uns dabei die Angst vor Krisen nehmen: Denn auch die sind Teil der Lebenszyklen und können die innere Bewegung, die uns antreibt, nicht anhalten.
Sa, 23.11., 20 Uhr, Tempel, Scenario-Halle

Workshops: Marco Cantalupo & Alleyne Dance
Marco Cantalupo ist Mitbegründer der Compagnie Linga, die mit ihrem Schwarm-Stück „Flow“ bei „Tanz Karlsruhe“ dabei ist. In seinem Workshop geht er den Prinzipien der Schwerkraft auf die Spur. Was ist Ungleichgewicht? Wie fließt Energie? Wann ist eine Bewegung präzise? Es geht um das Verhältnis von Bewegung zum Raum, und letztlich auch darum, einen Eindruck von der choreografischen Arbeit von Linga zu bekommen (So, 17.11., 11 Uhr, Tempel Tanztribüne). Die 90-minütige Meisterklasse von Alleyne Dance verspricht, intensiv zu werden. Afro Fusion Dance und Aerobic, Rhythmus und Dynamik, synkopierte Bewegungen, die panafrikanische Stile in zeitgenössische Technik einbinden – letztlich ist all das Mittel, den eigenen kreativen Ausdruck zu finden (Mi, 20.11., 19 Uhr, Tempel Tanztribüne).

3.-.23.11., Tempel/ZKM/Tollhaus/Staatstheater/Kinemathek, Karlsruhe
www.kulturzentrum-tempel.de

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