Theater Baden-Baden: Intendantin Nicola May im Interview

Bühne & Klassik // Artikel vom 28.09.2011

Die Saison 2011/12 am Theater Baden-Baden verspricht erneut ein vielseitiges Programm.

Eröffnet wird mit Büchners Dramenfragment „Woyzeck“ unter der Regie von Harald Fuhrmann, das in knappen, aber umso packenderen Szenen schildert, wie ein rechtschaffener Mann zu einer getriebenen Person und schließlich vom Opfer zum Täter wird (ab 30.9.).

Mit Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ im TIK steht zudem ein weiterer Klassiker an, der von Intendantin Nicola May für Zuschauer ab 14 Jahre inszeniert wird (ab 1.10.). Elisa Reznicek sprach mit ihr über ihre Visionen für das Haus und die Höhepunkte der Spielzeit.

INKA: Das Theater ist quasi Alleinversorger im Bereich Schauspiel in Baden-Baden. Wie gehen Sie mit der Herausforderung um?
Nicola May: Wir haben einen breit gefächerten Spielplan, sowohl in der Auswahl der Stücke als auch bei der Bühnensprache und Ästhetik. Wir interessieren uns für vieles, wollen zu ungewohnten Sichtweisen einladen, während wir gleichzeitig durch das schöne alte Haus, in dem wir uns befinden, sehr mit der Tradition verbunden sind. Das reibt sich teilweise, was ich persönlich sehr spannend finde. Zudem ist Baden-Baden zwar eine kleine, aber verhältnismäßig internationale Stadt mit hohem Kulturanspruch.

INKA: Wie begegnen Sie diesem Anspruch?
May: Als Stadttheater sind wir per öffentlichem Auftrag verpflichtet, bestimmte Bildungsinhalte und Experimente zu machen. Anders als in einem rein kommerziellen Betrieb geht es dabei nicht nur um Einspielergebnisse. Wir fordern heraus, machen mit neuen Entwicklungen bekannt, stellen noch nicht durchgesetzte Autoren vor. Wobei wir andererseits natürlich auch Stücke machen, von denen wir uns gute Besucherzahlen versprechen.

INKA: „Frühlings Erwachen“ (ab 17.2.) ist ein Rockmusical über und für junge Leute nach Wedekinds Drama. Welche Bedeutung hat diese Zielgruppe?
May: Eine große. Als ich hier 2004 anfing, habe ich das Kinder- und Jugendtheater TIK gegründet, was viele erstaunt hat: „Was wollen Sie denn damit? In der Stadt leben doch nur alte Leute!“ Dabei gibt es in Baden-Baden und im Umland viele Schulen und somit auch relativ viele junge Menschen. „Frühlings Erwachen“ ist in gewisser Weise ein Wagnis für uns, da wir bisher eher klassische Nostalgie-Musicals gemacht haben und das Werk zudem in Deutschland bisher kaum lief. Trotzdem glaube ich, dass es funktionieren wird. Rockmusik spielt eine tragende Rolle, aber in einer wirklich schwungvollen Variante. Zudem ist das Musical nicht ganz ins Heute verlegt, sondern spielt mit den Zeiten. Das alles macht es für Menschen vieler Altersgruppen interessant.

INKA: Auch „Rot“ (ab 23.3.) und die Kriminalkomödie „Das Phantom des Louvre“ (ab 13.1.) stechen im Spielplan hervor. Auf was darf man sich freuen?
May: „Das Phantom des Louvre“ ist eine Uraufführung, aber nicht im eigentlichen Sinn. Hier lernt man anders als in Löhles „Supernova“ (ab 27.4.) nicht den neuesten Trend der deutschen Dramatik kennen – es ist ein Stück mit nostalgischem Flair im Paris der 20er Jahre. Inspiration kam von der gleichnamigen Fernsehserie aus den 60ern, die so einen Edgar-Wallace-Charme hatte. „Rot“ ist ein sehr gut geschriebenes, realistisches Stück über den amerikanischem Maler Mark Rothko und seinen jungen Assistenten. Neben einem spannenden Psychogramm liefert es auch eine Abhandlung über Kunstschaffen und -rezeption. Kunst ist für uns, durch die sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindenden Museen, ein inspirierendes Thema.

INKA: Neben der Kunst ist auch das 19. Jahrhundert ein Schwerpunktthema, was sich u.a. in Büchners „Woyzeck“ (ab 30.9.) und Flauberts „Madame Bovary“ (ab 22.6.) spiegelt. Wie kam es dazu?
May: Das 19. Jahrhundert ist eine Epoche, in der Baden-Baden eine Blütezeit hatte, eine wichtige Zeit für unsere Stadt, die man auch heute noch im Stadtbild spürt. Die Saison 2012/13 wird ganz im Zeichen des 150. Theaterjubiläums stehen, das im August/September 2012 gefeiert wird. Wir bewegen uns jetzt schon auf das Datum zu, versuchen die gesellschaftspolitische Grundstimmung einzufangen. Darüber hinaus muss natürlich jeder Theaterabend für sich ein stimmiges Erlebnis sein. „Madame Bovary“ oder auch „Der Revisor“ (ab 25.5.) sind tolle Stoffe und reizvolle Ensemblestücke, wo alles passt. So ergeben sich Bezüge, fügt sich der Spielplan zusammen. Die Frage lautet immer auch: „Warum machen wir genau das in dieser Kombination in Baden-Baden?“ Wir haben uns, glaube ich, für die nächste Saison gut an Themen angedockt, die hier eine Rolle spielen.

INKA: Sie inszenieren nach der dramatischen Dichtung „Manfred“ von Robert Schumann und Lord Byron nun Goethes „Werther“ (ab 1.10.). Wie gehen Sie heran?
May: „Manfred“ war eine große Entdeckungsreise. Ein Melodram mit einer überbordenden, romantischen Musik und einem ebenfalls überbordenden, nicht immer sofort verständlichen Text, die in Zusammenhang gebracht werden mussten. Die Liebesgeschichte im „Werther“ und der Zwist, in dem sich der Protagonist befindet – ich fühle mich fremd und anders, habe aber trotzdem ein großes Mitteilungsbedürfnis – scheint mir hingegen ein sehr gegenwärtiges Lebensgefühl zu sein. Nur schreibt man eben keinen Brief mehr, sondern nutzt Social Networks und Computer. Das ist ein Ansatz, den wir verfolgen, indem wir das Werk in ein heutiges Setting bringen, während wir gleichzeitig allergrößtes Gewicht auf die erzählte Geschichte und sprachliche Genauigkeit legen.

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