25. Pride Pictures – Queer Film Festival

Kino & Film // Artikel vom 13.10.2018

Obscuro Barocco (Foto: Tropical Underground)

Seit 25 Jahren gibt es die bis 2011 als „Lesbisch-schwule Filmtage“ geläufigen „Pride Pictures“, was sie zu einem der ältesten queeren Filmfestivals in Deutschland macht.

Im Jubiläumsjahr wird das fließend in lesbisch, schwul und queer einteilbare Programm im Studio 3 der Kinemathek unter der Schirmherrschaft von Staatstheater-Intendant Peter Spuhler um drei auf neun Tage verlängert; obendrein gibt es einen kinofreien Tag auf dem „Pride Podium“ (Mo, 15.10., 17 Uhr, Insel), wo Gäste aus Forschung, Politik, Jugendarbeit und -beratung über Definition und Bedeutung von Begriffen wie inter- und transsexuell, nicht-binär und cis diskutieren.

Dieses Jahr schon am Startwochenende: der Appetit aufs Festival anregende anmeldungsfreie „Pride Pictures Prunch“ (So, 14.10., 11 Uhr, Café Palaver). Zum Rahmenprogramm gehören außerdem die Verleihung des „Queer Scope Debütfilmpreises“ (Sa, 20.10., 19.30 Uhr) mit anschließender „Film Festival Party“ (22 Uhr, Alte Hackerei). Gerahmt von den Kurzfilmblöcken „Mehr als lesbisch“ (So, 14.10., 18 Uhr) und „Mehr als schwul“ (So, 21.10., 17.30 Uhr) läuft zur Einstimmung vor dem Eröffnungsfilm „Rafiki“ das Kurzfilmprogramm „Queer ist mehr“ (Sa, 13.10., 18 Uhr). Erstmals können für das Festival auch online Tickets gekauft werden.

Lesbisches Filmprogramm

Wauri Kahius erzählt die Geschichte der geheimen Teenager-Liebe zwischen Ziki und Kena, deren Politiker-Papas in der Lokalwahl gegeneinander antreten. Als erster kenianischer Film wurde der in seiner Heimat verbotene „Rafiki“ (Sa, 13.10., 20 Uhr) 2018 für die Filmfestspiele von Cannes ausgewählt. Denn Kahiu zeigt ein buntes, poppiges und modernes Afrika, lässt den Konflikt zwischen Tradition und Homosexualität erkennen, streift das festgefahrene Rollenverständnis und bleibt dabei leicht und lediglich andeutend.

Die Polin Olga Chajdas zeichnet in ihrem Langfilmdebüt „Nina“ (Di, 16.10., 20 Uhr) eingebettet in die lesbische Szene Warschaus das sensible Porträt einer starken Frau: Die Mittdreißigerin versucht ihre Ehe zu retten und sich zugleich den verzweifelten Wunsch nach einem Kind zu erfüllen. Mit der offen lesbischen Magda finden Nina und ihr Mann eine Frau, die als Leihmutter in Frage kommt. Doch Nina fühlt sich immer mehr zu Magda hingezogen.

In seinen neuen Film „Disobedience“ (Mi, 17.10., 18 Uhr) beweist der chilenische Regisseur Sebastián Lelio aufs Neue Sensibilität für starke Frauenfiguren: Die kraftvolle Adaption von Naomi Aldermans Roman besticht durch die beiden „Oscar“-prämierten bzw. -nominierten Hauptdarstellerinnen. Rachel Weisz spielt die in New York lebende Ronit. Als sie erfährt, dass ihr strenggläubiger Rabbiner-Vater gestorben ist, kehrt sie ins London ihrer Kindheit zurück und trifft in der jüdisch-orthodoxen Gemeinde auf fremdgewordene Rituale und Werte – und Jugendliebe Esti (Rachel McAdams), die inzwischen mit ihrem Cousin verheiratet ist.

Die als erste farbige Lesbe mit einem Film über ebendiese Randgruppe debütierende Cheryl Dunye präsentiert sich in der zum Teil staatlich finanzierten Low-Budget-Produktion „The Watermelon Woman“ (Do, 18.10., 22 Uhr) als Regisseurin, Autorin und Hauptdarstellerin und sorgt in den USA nicht nur aufgrund einer heißen Sexszene für Aufregung. Die Leidenschaft ihrer Protagonistin gilt den Mummy-Filmen aus den 30ern und 40ern, in denen farbige Schauspielerinnen nie gut wegkommen. „Plantation Memories“ entfesselt ihren Wunsch, mehr über die Titelfigur zu erfahren. Auch in Deutschland findet Dunyes Debüt ein begeistertes Publikum: 1996 gewinnt sie den „Teddy Award“ in der Kategorie „Bester Langfilm“ und wird 20 Jahre später erneut auf der „Berlinale“ als besonders zeigenswert gespielt.

Mit Situationskomik, Charme und Fingerspitzengefühl führt Regisseur Carlos Marques-Marcet durch die nicht leichte Thematik von „Anchor And Hope“ (Sa, 20.10., 15 Uhr): Eva und Kat schippern sorglos mit ihrem Hausboot auf den Kanälen Londons umher. Skurrile Begegnungen mit Evas esoterischer Mutter lassen vermuten, dass diese Unabhängigkeit nicht immer selbstverständlich war. Als Kats ehemals bester Freund Roger aufkreuzt, kommt Evas Kinderwunsch zum Vorschein. Als Mutter-Tochter-Gespann konnte Marques-Marcet Charlie Chaplins Enkelin Oona und ihre Mama Geraldine gewinnen.

Stephen Cone erzählt mit der Coming-of-Age-Story „Princess Cyd“ (So, 21.10., 15 Uhr) eine Geschichte über die Toleranz zweier Frauen, die allein der Wille verbindet, sich Neuem zu öffnen: Um Abstand von ihrem depressiven Vater zu gewinnen, zieht die 16-jährige Halbwaise Cyd zu ihrer alleinstehenden Tante Miranda. Die beiden haben sich auf den ersten Blick nicht viel zu sagen, gehen aber offen miteinander um, überbrücken ihre Differenzen und lernen schließlich voneinander. Dann bleibt Cyds Blick an der unkonventionellen Katie haften.

Schwules Filmprogramm

Wie in allen Filmen des Regieduos Felipe Matzembacher und Marcio Reolon führt auch „Hard Paint“ (Sa, 13.10., 22 Uhr), der 2018 mit dem „Teddy Award“ ausgezeichnet wurde, ins südbrasilianische Porto Alegre und beobachtet queere Menschen auf der Suche nach Nähe, Gemeinschaft und Geborgenheit: Pedro verdient sein Geld in Chatrooms, wo er sich vor der Webcam in Neon Boy verwandelt. Die elegant eingewobenen virtuellen Bilder zeigen eine homophobe brasilianische Gesellschaft, deren Außenseitern mit großer Zärtlichkeit und viel Sensibilität ein Porträt in drei Akten gewidmet wird.

„My Big Crazy Italian Wedding“ (So, 14.10., 20 Uhr) ist eine typisch italienische Komödie, die leicht und amüsant mit Klischees und Stereotypen spielt: Die in Berlin lebenden Antonio und Paolo reisen frischverlobt in Antonios Heimat, um seiner religiösen Familie ihre Verbindung und seine Homosexualität zu offenbaren. Das kleine traditionelle katholische Dorf steht nun vor der großen Aufgabe, zu lernen, dass Liebe kein Geschlecht kennt.

Marcel Gislers nachdrückliches Sport-Drama „Mario“ (Di, 16.10., 18 Uhr) ist ein mutiges Plädoyer für Offenheit und Toleranz im Profifußball. Was sich während der aktiven Karriere noch kein namhafter männlicher Kicker getraut hat, wird auch für zwei hoffnungsvolle Talente zur Zerreißprobe: Mario spielt in der U21 von Young Boys Bern, mit der deutschen Neuverpflichtung Leon bildet er schnell das neue Dream-Team auf und neben dem Platz – bis die Gerüchteküche zu brodeln beginnt.

„The Marriage“ (Mi, 17.10., 20 Uhr) aus dem Kosovo vereint zwei Themen, die so noch nicht zusammengeführt wurden: Homosexualität und die Aufarbeitung des ehemaligen Jugoslawiens. Bekim hat sich im Kosovokrieg in einen Mann verliebt. Zwei Jahrzehnte später taucht Nol kurz vor seiner Hochzeit mit Anita plötzlich wieder auf. Subtil und dennoch fesselnd verbinden sich Gegenwart und Vergangenheit; mit drei großartig gespielten Charakteren und ihren komplizierten Zusammenhängen wird die komplexe und gestörte Haltung einer ganzen Nation zu ihrer Geschichte offengelegt.

„1985“ (Do, 18.10., 18 Uhr) verpackt ein entscheidendes Jahr der Aids-Krise in einen sehr persönlichen Schwarz-Weiß-Film: Adrian ist über die Weihnachtstage zurück aus New York – bei seiner nicht ganz einfachen Familie, um ihr anzuvertrauen, dass er schwul ist und bald sterben wird.

Auf dem gleichnamigen Bühnenstück von Jonathan Harvey basiert Hettie MacDonalds 96er-Verfilmung von „Beautiful Thing“ (Fr, 19.10., 22 Uhr). Der verschlossene 15-jährige Jamie lebt bei seiner Mutter in einem Londoner Wohnsilo; das in seinem Körper tobende unbekannte Prickeln macht ihn zusätzlich hilflos. Dann sucht Nachbarsjunge Ste bei ihnen Zuflucht vor seinem sadistischen Vater und die unbeholfenen Youngsters müssen das Bett teilen.

Traurig-sanft und mit außergewöhnlicher Poesie erzählt „The Cakemaker“ (Sa, 20.10., 19.30 Uhr) von einer Liebe, die sich weder von Nationalität, sexueller Orientierung noch religiöser Überzeugung abschrecken lässt: Der deutsche Bäcker Thomas hat eine Affäre mit Oren, einem israelischen Ehe- und Geschäftsmann. Als der bei einem Autounfall stirbt, besucht Thomas unter falscher Identität die Witwe seines Geliebten in Jerusalem und erfindet die Lüge seines Lebens. Vor der Vorstellung erhält der beim Festival anwesende „Cakemaker“-Regisseur und -Drehbuchautor Ofir Raul Graizer im Kinematheks-Foyer für sein israelisch-deutsches Drama den zum dritten Mal verliehenen und mit 1.000 Euro dotierten „Debütfilmpreis“ von Queer Scope, dem Zusammenschluss der deutschen LSBTTIQ-Filmfestivals. Ab 22 Uhr wird dann unter dem Motto „Show Your True Colours“ bei der „Film Festival Party“ in der Alten Hackerei auf zwei Floors mit verschiedenen DJ/anes gefeiert.

Queeres Filmprogramm

Das bei der „Berlinale“ 2018 mit einem „Teddy Award“ als „Bester Spielfilm“ ausgezeichnete filmische Gedicht „Obscuro Barroco“ (So, 14.10., 16 Uhr) konzentriert sich auf eine Ikone der südamerikanischen queeren Subkultur: die transidente BrasilianerIn Luana Muniz, deren poetischen Worten die griechische Regisseurin Evangelia Kranioti mit ihrem essayistischen schlafwandlerisch-hypnotischen Bilderfluss folgt.

Mit „Riot“ (Fr, 19.10., 18 Uhr) rekonstruiert der australische Regisseur Jeffrey Walker die Entstehung der „Sydney Gay And Lesbian Mardi Gras“-Parade, ein dreiwöchiges Schwulen- und Lesbenfestival, das jährlich Hunderttausende anzieht. Der Film spielt im Australien von 1978, als im Bundesstaat New South Wales homosexuelle Handlungen noch unter Strafe standen und eine Aktivistengruppe den letzten Anlauf zur Gleichberechtigung startet.

„Hot To Trot“ (Sa, 20.10., 17.30 Uhr) ist die intime Darstellung eines wenig bekannten Phänomens: gleichgeschlechtlicher Turniertanz. Vor dieser schwungvollen Kulisse verfolgt Gail Freedman vier internationale TänzerInnen samt ihrer Rollen- und Partnerwechsel auf dem jeweiligen Weg zu den „Gay Games“ 2014.

„Genderbende“ (So, 21.10., 20 Uhr) ist eine einfühlsame Doku über sieben queere Persönlichkeiten, die sich nie männlich oder weiblich gefühlt haben, sondern immer irgendwo dazwischen. Regisseurin Sophie Dros spielt gekonnt mit den aufkommenden Kuriositäten, die durch Interesse oder Unverständnis für alles außerhalb der Gendernorm entstehen.

„Gloria And Grace“ (Do, 18.10., 20 Uhr) ist ein mitreißendes Familiendrama, das die dramatisch-komische Beziehungsdynamik zwischen zwei Geschwistern thematisiert: Als bei der alleinerziehenden Mutter Grace ein Hirnaneurysma diagnostiziert wird, nimmt sie aus Sorge um die Kinder nach 15 Jahren Kontakt zu ihrem Bruder Luiz Carlos auf. Beim Aufeinandertreffen steht Grace jedoch vor Gloria. -pat

13.-21.10., Kinemathek, Studio 3, Karlsruhe
www.pridepictures.de

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