30 Jahre ZKM

Kunst & Design // Artikel vom 23.02.2019

Nam June Paik, Arche Noah, 1989, Foto: ZKM/Steffen Harms

Als „digitales Bauhaus“ wird es gern bezeichnet, das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM).

Das Weimarer Vorbild wird in diesem Jahr 100, und auch die Karlsruher Institution für Medienkunst feiert Jubiläum: Seit 30 Jahren wird am ZKM geforscht, produziert und ausgestellt, Kunst in Kontext von Technologie und Wissenschaft gestellt und Kunstgeschichte neu gedacht. Die Gegenwart aus der Geschichte heraus verstehen und somit in die Zukunft zu denken, ist einer der Ansprüche des Hauses, der sich in der großen Jubiläumsausstellung „Writing The History Of The Future“ niederschlägt. Die ist komplett mit Exponaten aus der großen ZKM-Sammlung bestückt, startet am Sa, 23.2. und erzählt eine „alternative Geschichte“ der Kunst.

„Diese Geschichte beginnt mit dem Auftauchen des Bewegtbildes“, weiß Peter Weibel, seit 20 Jahren künstlerischer Leiter des Hauses. „Außerdem erzählt sie von den Folgen einer Kunstproduktion durch Apparate.“ Blickwinkel, die der traditionellen Kunstgeschichte lange fremd waren, hatte sie doch lange mit Fotografie, Video- oder gar Computerkunst gefremdelt. Ihre alternative Geschichte erzählt „Writing The History Of The Future“ anhand ganz unterschiedlicher Gattungen und Medien, derer sich die (Neo-)Avantgarden des 20. und 21. Jahrhunderts bedien(t)en: Kinetische und kybernetische Kunst (also bewegte Maschinen) trifft auf bewegte Bilder (Video, Op-Art, Holografie, Computerinstallationen) – und all dies auf den bewegten Betrachter. Der spielt für Weibel eine zentrale Rolle in der etwas anderen Kunstgeschichtsschreibung: „Wir erzählen zum ersten Mal eine Geschichte der Kunst aus der Perspektive der Maschinen und des Publikums, weniger aus der der Künstler.“

So obskur und vielleicht sogar altmodisch eine vor rund 30 Jahren angesagte Kunstform wie die Holografie heute erscheint – 1986 überrannten über 70.000 das Prinz-Max-Palais zur „Holomedia“-Ausstellung –, soviel erzählt sie über die Entwicklung apparativer „Kunst in Bewegung“. „Die Zukunft braucht Herkunft“, so Weibel, „daher zeigen wir: Wo kommt sie her?“ Die Jubiläums-Ausstellung spannt den Bogen vom frühen 20. Jahrhundert bis zu Exponaten aus der heutigen Zeit. Für Weibel ist Biotechnologie das Thema, an dem sich die Medienkunst in naher Zukunft am meisten abarbeiten wird. „Computergenerierte Bildsysteme, die ich in Echtzeit in jedem Pixel ändern kann, ähneln lebenden Organismen schon stark, so entstehen aus den Bildmedien die Biomedien. Wir tragen ja bereits heute alle schon Vibratoren an unserem Körper und quantifizieren uns selbst.“ Die Dreidimensionalität, die sich beim Betrachten von holografischen Bildern einstellt, entsteht erst, wenn sich die Betrachterin bewegt.

Für Peter Weibel ist das ein Schritt hin zum bewegten und aktiven Rezipienten, der in Zeiten von Social Media so stark wie nie an der Konstruktion von Kunstwerken beteiligt war. Gemäß seiner Vision wird das Museum in Zukunft nicht nur eine Sammlung von Objekten, „sondern auch eine Ver-Sammlung von Subjekten“ sein. Weibel prognostiziert eine weitere Selbstermächtigung des Zuschauers, der die Inhalte und ihre Präsentation im Museum stärker mitbestimmen wird. Der Tag der Eröffnung wird kurzerhand zum „ZKM-Tag“; auch am Sa, 23.2. ist der Eintritt ins ZKM von 11 bis 20 Uhr frei. Kuratoren und Restauratoren führen durch die Jubiläums-Ausstellungen, flankiert von Aktionen und Specials. -fd

Eröffnung: Sa, 23.2., 11-20 Uhr, bis So, 28.3., Eintritt frei

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