art Karlsruhe 2016

Kunst & Design // Artikel vom 18.02.2016

Bewährtes beibehalten, Neues ausprobieren und dabei Galeristen wie Publikum begeistern.

Die „art Karlsruhe“ ist inzwischen fester Bestandteil des internationalen Kunstmarkts. In diesem Jahr haben die Ausstellungsmacher darauf reagiert, dass die „TEFAF Maastricht“ und die New Yorker Kunstmesse terminlich immer mit der Karlsruher Messe kollidierten. Denn trotz partiell anderer Schwerpunkte gibt es doch Schnittstellen sowohl beim Publikum als auch bei den ausstellenden Galerien, denen jetzt die Möglichkeit gegeben wird, an beiden Messen teilzunehmen. Durch die Tageslichthallen, die Skulpturenplätze und die großzügige Anlage der Messestände ist über die Jahre eine ganz eigene „art Karlsruhe“-Atmosphäre“ gewachsen, die mit dazu beiträgt, dass viele Galeristen der Messe die Treue halten. Hinzu kommt die kaufkräftige Klientel, die sich im „Sammler-Land“ Baden-Württemberg niederschlägt und die in Karlsruhe bei zunehmender Internationalisierung in entspannterer Atmosphäre als in Basel oder Köln ihre Wünsche befriedigen kann.

Dabei fokussiert die „art Karlsruhe“ vor allem auf das vergangene Jahrhundert, schreitet aber, so ihr Kurator Ewald Karl Schrade, „im Rückblick nach vorn“. Es sind diese zwei Standbeine – die Klassische Moderne und die Gegenwartskunst –, auf die sich die „art Karlsruhe“ beschränkt. Und das, wie die Bewerbungen der potenziellen Aussteller zeigen, mit Erfolg! In diesem Jahr erstmals dabei ist die älteste familiengeführte Galerie Deutschlands: In vierter Generation leitet Wilfried Utermann die von seinem Urgroßvater gegründete Dortmunder Galerie gleichen Namens, die mit Inkunabeln der Nachkriegskunst in Halle 3 vertreten ist. Diese Halle ist der „Klassischen Moderne + Gegenwart“ gewidmet, hier lassen sich Werke der Expressionisten, Surrealisten und Dadaisten bis zur Nachkriegskunst bei so renommierten Galerien wie Schlichtenmeier, Henze & Ketterer oder Herold finden. Halle 2 rückt mit ihrem Angebot näher an die Gegenwart mit „Moderne Klassik + Gegenwart“. Wer hier ausstellt, bringt Künstler mit, die zur Avantgarde der Kunst nach 1945 zählen und mittlerweile gesicherte Positionen darstellen, wobei auch aktuelle Positionen zu finden sind. Erstmals stellt hier March International Contemporary Art aus Stuttgart aus, die schon früh die Granden der Nachkriegskunst wie Joseph Beuys, Lawrence Weiner oder John Cage in ihrem Programm hatte.

Die dm-arena wartet mit dem aktuellsten Programm auf: Hier geht es um die Gegenwartskunst, darunter die Berliner Galeristin Anna Jill Lüpertz (siehe Interview), Várfok aus Ungarn und Victor Lope aus Spanien. Das „Art House“, das die Another Art Gallery“ als mehrräumige Installation des britischen Künstlers Paul Critchley präsentiert, dürfte dabei ein Highlight darstellen. Traditionell ist in Halle 1 Kunst zu Einsteigerpreisen zu finden: „Fotografie und Original-Editionen“ soll Lust aufs Sammeln machen, wobei die Qualität trotz niedrigerer Preise exzellent ist, denn es handelt sich bei dem hier Angebotenen um Auflagen und nicht um Unikate.

Artima art Meeting
Ganz aktuell wird es, wenn in der Aktionshalle beim „Artima art Meeting“ (18.+19.2., ab 14 Uhr) Künstler, Galeristen, Museumsleute und Politiker aufeinandertreffen. Dabei steht – nachdem die Galerien gerade erst die Erhöhung der Mehrwertsteuer verdauen mussten – das Kulturgutschutz-Gesetz mit seinen Auswirkungen auf Museen und den Markt im Vordergrund. Das Gesetz selbst gibt es zwar bereits seit 1955, doch seit Monika Grütters eine Novelle plant, die ab 2016 greifen und auch für frühere Kunstkäufe und -verkäufe gelten soll, wird es samt seiner neuen Inhalte intensiv diskutiert. Eine sichtbare Auswirkung hatte es bereits: Georg Baselitz zog aus Protest vor der Verschärfung des Gesetzes alle seine in öffentlichem Besitz befindlichen Dauerleihgaben zurück. Über die „Handicaps politischer Art“, die Notwendigkeit der Novelle und deren Auswirkungen diskutieren daher am 18.2. Kristian Jarmuschek (Galerist, Berlin) und Wolfgang Henze (Kirchner-Archiv, Bern) mit Ministerialdirigent Ansgar Hollah. „Aus Sicht der Museen“ lautet der Titel für das moderierte Gespräch am 19.2. mit Bernhard Maaz (Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München), Ulrike Lorenz (Kunsthalle Mannheim) und Bernhard Schulz (Der Tagesspiegel). Auch hier wird sicherlich das Kulturgutschutzgesetz ein Thema sein, denn letztlich war eine Motivation, sich ihm anzunehmen, der Verkauf der Warhol-Gemälde aus dem Besitz der Westspiel, die ursprünglich im Aachener Casino hingen und bei ihrer Auktion einen satten Gewinn erzielten – für den Preis des Verlusts für das Land Nordrhein-Westfalen. Ob Andy Warhol aber „nationales Kulturgut“ der Bundesrepublik ist, sei dahingestellt...

Karlsruher Galerien auf der Messe
Insgesamt fünf Galerien mit Stammhaus Karlsruhe stellen dieses Jahr auf der „art Karlsruhe“ aus: Artpark, Bode, Knecht und Burster, Meyer Riegger und die Neue Kunst Gallery, wobei sie für ein breites Angebot stehen. Moon Kwan Park (Artpark) ist mit seinem Programm sowohl in Fernost als auch in Karlsruhe zuhause, während Michael Oess (Neue Kunst Gallery) eher den Blick auf den europäischen Osten lenkt. Knecht und Burster hat die Karlsruher Kunstakademie, deren Professoren und aus ihr hervorgegangene Künstler fest im Blick, während Bode auf den Oberrhein als Kunstregion fokussiert und neben Karlsruher auch Leipziger Künstler im Programm hat. Meyer Riegger ist in diesem Jahr neu auf der „art Karlsruhe“: Weil die Messe jetzt nicht mehr mit New York kollidiert, war der Weg endlich frei für die Teilnahme mit konzeptionellen Positionen der Gegenwartskunst.

Museen & Präsentationen
Wie jedes Jahr nutzen etliche Museen die Möglichkeit, sich in kunstaffinem Umfeld auf der Museumsmeile in Halle 1 zu präsentieren. Dort eingebettet ist die Sonderschau des Kirchner-Museums Davos, das Ernst Ludwig Kirchner als Fotografen zeigt. Und natürlich darf auch die Traditionsinstitution Majolika nicht fehlen, die hier den auf 200 Exemplare limitierten Jahresteller 2015 der Öffentlichkeit vorstellt. Entworfen hat das Labyrinth-Motiv der Bruchsaler Künstler Günter Wagner, der mit weiteren Kunstwerken neben Arbeiten von Stephan Balkenhol, Hirofumi Fujiwara, Eva Schaeuble und Franziska Schemel gezeigt wird. Auch der Platschek-Preisträger Justin Almquist wird in diesem Rahmen präsentiert. Passend zur Zeitgenossenschaft ist als einziges Museum das ZKM in der dm-Arena mit einem Stand vertreten, wo auch die private Messmer Foundation mit ihrer Sonderschau zu André Evard zu finden ist. Mit Spannung wird in jedem Jahr die Wahl für die beste One-Artist-Show erwartet, bei der die Jury aus 164 Einzelpräsentationen ihre Wahl treffen muss. Am 19.2. um 17 Uhr wird das Geheimnis gelüftet.

Neue Kunst Gallery Michael Oess & Galerie Artpark
One-Artist-Shows und viel freche Kunst - das ist bei Michael Oess mit M.S. Bastian/Isabelle L. und Götz Bury geboten. Ob „Safari-Boy“ oder „Büchsengeist“ – das Schweizer Künstler-Duo bringt Blechdosen (fast) zum Sprechen, während der Wiener Performance-Künstler Bury nach zwei Kochshows auf der „art“ 2014 und in der Neuen Kunst Gallery zum Gala-Dinner einlädt. Auch Billi Thanner ist mit ihren Bildern aus der Serie „Was zieh’ ich heute an?“ in der Kunst-mit-Witz-Sparte zu verorten. Wie sie wird auch die diesjährige Artima-Preisträgerin Anja Luithle von Oess vertreten (Neue Kunst Gallery, H2, D25). Oess zeigt auch den jungen Streetart-Künstler Ziro. Artpark setzt derweil auf die bewährte Mischung zwischen Korea und deutschen (respektive Karlsruher) Positionen, wobei das Material eine große Rolle spielt: You Bong Hee arbeitet ihre Materialbilder aus dem traditionellen Maulbeerbaumpapier, Bettina von Witzleben verwendet bevorzugt Sand, der ihren Bildern eine haptische Qualität verleiht, während Norbert Huwer den Betrachter zum Standortwechsel aufzufordern scheint und Jochen Schambeck bei seinen Bildern mit Farbe in die Vollen geht. Die One-Artist-Show ist Eberhard Ross gewidmet, der erklärtermaßen Musik ins visuelle Medium der Malerei überführt (Artpark, H2, D33). -ChG

Do-Sa, 18.-20.2., 12-20 Uhr; So, 21.2., 11-19 Uhr; Artima art Meeting: 18.+19.2., ab 14 Uhr; art Karlsruhe-Preis: Fr, 19.2., 17 Uhr, Aktionshalle; Messe Karlsruhe
www.art-karlsruhe.de
www.facebook.com/artkarlsruhe

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