art Karlsruhe 2012

Kunst & Design // Artikel vom 06.03.2012

„Sehen und Sammeln“ - unter diesem Motto öffnet die größte süddeutsche Messe für zeitgenössische und moderne Kunst erneut in angenehmem Ambiente ihre Pforten.

Nicht nur bei Galeristen, auch beim Publikum erfreut sich die „art Karlsruhe“ stetig wachsender Beliebtheit. Im Vorfeld sprach Dr. Chris Gerbing mit Ewald Karl Schrade, dem Erfinder, Motor und Kurator der hiesigen Kunstmesse, und mit einigen der auf der „art“ vertretenen Galeristen.

Zu Anfang sah es ja gar nicht rosig aus für die „art“ – Spötter und Lästermäuler, Berufspessimisten und Schwarzseher gaben der Kunstmesse am Standort Karlsruhe keine wirkliche Chance. Doch nun feiert die „art“ im kommenden Jahr ihren ersten runden Geburtstag, weshalb mit Fug und Recht gesagt werden kann, dass „die Kuh vom Eis“ ist, sich dieses Kunst-Event zwischen Basel und Köln etabliert hat, während so fulminant gestartete und hoch gelobte Messen wie jene in Berlin sang- und klanglos untergegangen sind.

222 Galerien – „eine berauschende Schnapszahl“, so der Galerist Ewald Karl Schrade, der 2011 zum „Kunsthändler des Jahres“ gewählt worden ist – werden in diesem Jahr in den Messehallen vertreten sein, rund ein Viertel davon aus dem Ausland, darunter so renommierte wie die Contempop Gallery aus Tel Aviv und, bereits zum zweiten Mal, die East 2 Gallery aus London. Insgesamt zwölf Nationen werden sich präsentieren. Die Internationalität, die etliche der befragten Galeristen angemahnt hatten, ist damit vorhanden, wenn sich auch die „art Karlsruhe“ nicht mit einer „art Basel“ misst – die spielt in einer eigenen Liga und das nicht nur in diesem Punkt.

Das Konzept der „art Karlsruhe“ hat sich für Schrade bewährt und wurde deshalb beibehalten: Die Hallen 2 und 3 stehen wieder ganz im Zeichen von Malerei und Skulptur des 20. Jahrhunderts, die Neuen Positionen werden separat in Halle 4 gezeigt, und in Halle 1 sind vorrangig Editionen, Fotografien und Objekte zu sehen. Mit dem Wegfall des „Berliner Blocks“, der im vergangenen Jahr letztmalig vom Senat gefördert wurde, wird sich ab diesem Jahr auch die Galerienszene der Bundeshauptstadt mit Einzelauftritten präsentieren.

Damit ist die Kunstmesse nicht weiter gewachsen, sondern präsentiert auf exakt derselben Fläche wie im Vorjahr Kunst von der klassischen Moderne bis heute. Schrade: „Das Maß ist erreicht, mehr ist weder möglich noch notwendig. Außerdem wollen wir eine übersichtliche Messe bleiben – obwohl es immer wieder eine Versuchung ist zu vergrößern angesichts der Nachfrage, die wir erleben.“

Weshalb jedes Jahr nur etwa 20 Prozent neue Galerien hinzukommen können, weil sie auf jene begehrten Plätze nachrücken, die aus den unterschiedlichsten Gründen ausscheidende Galerien freimachen. Schrade betont ausdrücklich, dass bei der Auswahl durch den sechsköpfigen Beirat vor allem Qualität und Renommee der sich bewerbenden Galerien im Vordergrund stehen.

„Ich habe keine Probleme mehr zu sagen, dass wir auf Augenhöhe mit der Kölner Messe sind“, meint der Galerist selbstbewusst. Dem stimmt wohl auch Roy Seifert von der Contempop Gallery aus Tel Aviv zu, der die „art Karlsruhe“ als „gute Möglichkeit“ sieht, „unsere Künstler zu präsentieren und neue Märkte zu erschließen. Dieses Jahr haben wir uns entschieden, auf der „art Karlsruhe“ auszustellen wegen ihrer guten Reputation und weil es eine gute Bühne für uns ist, um einige der besten zeitgenössischen israelischen Künstler auf dem deutschen Markt zu präsentieren.“

Auch Victor Lope von der spanischen Galerie Victor Lope Arte Contemporaneo hebt auf die privilegierte Lage der Messe und ihre Wahrnehmung auf dem deutschen Markt ab, die sich nicht zuletzt im Zuspruch der Messe widerspiegelt. Hier spielt natürlich auch die außergewöhnliche Sammler-Dichte im Ländle eine große Rolle. Im Sammlerland Baden-Württemberg stellt die „art“ ein gesellschaftliches Ereignis dar, und Karlsruhe mit seiner guten Erreichbarkeit ist ein „bombenguter Platz“ für die Messe, so Schrade. Das zeigt sich nicht zuletzt an den beiden musealen Einzelschauen, von denen die Sammlung von Marli Hoppe-Ritter nicht weit anreisen muss: Sie kommt aus Waldenbuch bei Stuttgart. Ihre aufs Quadrat spezialisierte Sammlung umfasst inzwischen rund 800 Werke, die seit einigen Jahren im ebenfalls quadratischen Museum neben dem Unternehmen präsentiert werden. Quadratisch, praktisch, gut eben.

Ein weiteres Highlight wird sicher auch die Präsentation der Kunstsammlung des legendären Playboys Gunter Sachs sein, der im vergangenen Jahr den Freitod wählte. Insbesondere für die Pop Art hatte Sachs schon früh ein Händchen: Er initiierte in Hamburg 1972 die erste Ausstellung von Andy Warhol in Europa und kaufte kurzerhand ein Drittel der Arbeiten selbst, als das Kauf-Interesse des Publikums zu wünschen übrig ließ. Konsequent ist deshalb die Beschränkung der „art“-Macher bei der ersten Präsentation seiner Sammlung nach seinem Tod auf die Pop Art. Sachs’ Bedeutung als Sammler lässt sich auch daran ablesen, dass er mit den wichtigsten Protagonisten seit den End-Sechzigern befreundet war. Die „art Karlsruhe“ macht mit diesen beiden Einzelpräsentationen deutlich, dass der Kunstbetrieb nur dann funktioniert, wenn privates Engagement vorhanden ist. Gerade am Standort Karlsruhe ist es natürlich als „echtes Glück“ (Schrade) zu bezeichnen, dass sich hier das Sammlermuseum im Hallenbau A befindet.

Womit uns in Karlsruhe exemplarisch vorgeführt wird, dass es keinen Industriestandort geben kann, ohne dass die Stadt zugleich auch Kulturstandort ist. Als erfreulich ist in diesem Zusammenhang zu bezeichnen, dass inzwischen eine Generation jüngerer Sammler das Parkett betreten hat. Die wollen ihre Kunstsammlungen – die Privatmuseen, die in den letzten Jahren entstanden sind, machen es deutlich – nicht im Keller staatlicher Museen gut aufgehoben wissen. Vielmehr wollen sie sie nach außen tragen und steuern damit nicht zuletzt einen Beitrag zur außergewöhnlichen Kulturlandschaft in Baden-Württemberg bei.

„Klar, das Internet hat den Kunsthandel verändert“, meint Schrade, sieht diese Veränderung aber positiv, denn „die Besucher kommen vorbereiteter zur Messe“. So ist das Internet eine „wunderbare Begleiterscheinung“ des Kunstbetriebs – das natürlich nicht davor zurückhält, selbst vorbeizuschauen. Schrade betont sogar: „Der Sammler scheut keinen Weg.“ Diese scheinbar banale Erkenntnis hält trotz dem Internet und den damit verbundenen neuen Möglichkeiten, Kunst zu erwerben, ganz offensichtlich immer noch an, und so kommen nach Karlsruhe nicht nur die Sammler aus der Region, sondern eben auch von weiter her.

Auch Galeristen, wie beispielsweise Schlichtenmaier aus Stuttgart/Dätzingen, sind der Meinung, dass die „art Karlsruhe“ eine „sehr lebendige Kunstmesse ist, die von einem anspruchsvollen, aufgeschlossenen und neugierigen Publikum besucht wird.“ Doch plädiert Harry Schlichtenmaier dafür, dass „nicht jede Galerie zugelassen werden muss. Auch hier gilt die Erkenntnis: Weniger ist mehr!“ Dennoch kommen er und seine beiden Brüder immer wieder gerne auf die „art Karlsruhe“, weil nicht nur die besondere Atmosphäre der Hallen – die Präsentation bei Tageslicht – für sie ein echter Pluspunkt ist, sondern weil „die Nähe zum Standort der Galerie unseren Auftritt zu einem Heimspiel macht.“

Karlsruher Galerien auf der „art Karlsruhe“
Diese Erkenntnis gilt natürlich noch mehr für die Karlsruher Galerien. Ganz der Region verpflichtet präsentiert sich die Galerie Voegtle, die erstmals in den Messehallen vertreten ist: Der Schwarzwälder Bildhauer Franz Gutmann, auch mit Einzelwerken in der Galerie-Koje vertreten, bespielt den Skulpturenplatz der Galerie. Für den Stand hat Voegtle Hans Martin Erhardt, Albi Maier und Hubert Rieber ausgewählt. Damit zeigt er allein an seinem Stand die große Bandbreite der Ausdrucksmöglichkeiten von gegenständlich bis abstrakt, die derzeit in der Kunst möglich ist. Die erste Hanna-Nagel-Preisträgerin Gerlinde Fertig, eine Lüpertz-Schülerin, wird mit ihren Skulpturen die One-Artist-Show der Durlacher Galerie Gegenwart bespielen, die mit Ilka Meschke (wie im vergangenen Jahr), Nadja Nafe und Ellen DeElaine weitere Lüpertz-Schüler zeigt.

Knecht und Burster setzen mit Simone Lucas auf großformatige Gemälde und bespielen den Skulpturenplatz mit Daniel Wagenblast, der mit der Kettensäge stereotype menschliche Figuren aus dem Holz arbeitet. Außerdem am Stand zu sehen: Zeichnungen von Pavel Schmidt und Hans Baschang sowie Betonarbeiten des Karlsruher Bildhauers Achim Däschner. Die One-Artist-Show richtet Supper für den Maler Mike MacKeldey aus, der sich immer wieder auf den Kopf und das Portrait bezieht. Doch malt er keine klar identifizierbaren Abbilder, sondern erzählt mit überlagernden Texten und Zeichnungen Geschichten über den Portraitierten.

Der dem Informel zuzurechnende Maler Lothar Quinte wird bei Rottloff dieses Jahr im Mittelpunkt stehen, während Thimme einen Querschnitt von den Neusachlichen über das Informel bis heute zeigt: Willi Müller-Hufschmid, Fritz Winter, Blinky Palermo und Axel Heil sind nur vier der insgesamt elf Künstler, die zu sehen sein werden. Karlheinz Meyer wird unter anderem mit Förg und Höfer einen Schwerpunkt auf die Becher-Schule setzen, bringt aber auch Jonathan Meese mit, der ja im vergangenen Jahr seine Liebe zur „art Karlsruhe“ auf dem Podium öffentlich machte. International wird es dann bei der Galerie Artpark, die deutsche und koreanische Künstler aus dem Galerieprogramm einander gegenüberstellt.

Artima art Meeting
Nach drei Jahren Moderation durch den Chefredakteur der „Kunstzeitung“, Karlheinz Schmid, wird das auch in diesem Jahr von der Mannheimer Versicherung gesponsorte „Artima art Meeting“ in diesem Jahr erstmals von Autor Hans-Joachim Müller moderiert. In den 80er Jahren war Müller Kunstkritiker bei der „Zeit“ und zuletzt Feuilletonchef der Basler Zeitung. Auf der Bühne im Foyer Ost wird er am Do, 8.3. mit Bazon Brock, Verena Krieger und Wolfgang Ullrich über das Thema „Der Künstler als Genie“ sprechen. Der Wahl-Münchener Flatz, Enfant terrible der Kunstszene, der mit seinen Aktionen häufig genug die Grenzen nicht zuletzt des eigenen Körpers auslotet, wird aus dem Publikum Zwischenfragen stellen. Am Fr, 9.3. werden dann Fragen des Kunstbetriebs thematisiert: Zur Diskussionsrunde „Der Künstler als Marktteilnehmer“ nehmen auf dem Podium u.a. die Münchener Kunstmarkt-Expertin Piroschka Dossi, der Maler Bernd Koberling (Berlin) und der Bad Homburger Galerist Christian K. Scheffel Platz.

art Karlsruhe- und Hans Platschek-Preis
Mit der Vergabe von zwei Preisen lockt die „art Karlsruhe“ auch in diesem Jahr. Schon zum fünften Mal wird der Hans Platschek-Preis an einen Künstler verliehen, der sich mit Mehrfachbegabungen hervorgetan hat. In diesem Jahr fiel die Wahl des Jurors Ulrich Krempel, Direktor des Sprengel Museums in Hannover, auf Rolf Bier. Der Maler und Installationskünstler, der seit 2005 Professor an der Stuttgarter Akademie ist, hat einen spielerisch begründeten Skulpturenbegriff. Nicht zuletzt, weil er diesen auch literarisch und kunstkritisch begründet, fiel Krempels Wahl auf ihn. Begründen wird er seine Entscheidung am Do, 8.3. um 17 Uhr im Foyer Ost der Messe.

Bereits seit 2008 wird der von der Stadt Karlsruhe und dem Land Baden-Württemberg ausgelobte „art Karlsruhe“-Preis verliehen. Sein Preisgeld in Höhe von 15.000 Euro wird zum kontinuierlichen Aufbau einer eigenen „art Karlsruhe“-Sammlung verwendet. Eine Jury begutachtet sämtliche Galeriepräsentationen und kürt anschließend eine One-Artist-Show. Damit werden gleichzeitig der Künstler und die ihn vertretende Galerie geehrt. Am Fr, 9.3. um 17 Uhr wird, ebenfalls im Foyer Ost der Messe, der diesjährige Preisträger bekanntgegeben. -ChG

Do-So, 8.-11.3., 12-20 Uhr, So 11-19 Uhr, Messe Karlsruhe, Eintritt: Tageskarte 16 Euro (erm. 12 Euro), Abendkarte ab 17 Uhr 10 Euro, Zweitageskarte 24 Euro (erm. 20 Euro), Dauerkarte 30 Euro (erm. 26 Euro)
www.art-karlsruhe.de

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