Der Bürger auf der Bühne

Kunst & Design // Artikel vom 15.04.2019

Georg E. Hansen (1833–1891), Carte de visite, Kopenhagen, Privatbesitz, Foto: Henrik Elburn

Wann fing es an mit der Instagramisierung der Gesellschaft, mit dem Selfie-Wahn, der permanenten Selbstdarstellung?

Erstaunlicherweise bereits im 19. Jahrhundert, mit den damaligen technischen Mitteln: Damals übernahm der Bürger, was vorher dem Adel vorbehalten war. Und wurde nicht nur interessant für die Theater der Zeit, die sich nach und nach von Hoftheatern zu Stadttheatern entwickelten und den Alltag und die Befindlichkeiten der Bürger auf die Bühne brachten. Sondern er selbst machte sich zum Darsteller seiner selbst, setzte seine Leistungen in Industrie oder Politik gebührend in Szene. Damit verwandelte die Theatralisierung des bürgerlichen Lebens viele Alltagsräume in Bühnen: Die gute Stube wurde zum Salon, in dem Gäste und Gastgeber ihre Auftritte inszenierten, umgeben von Möbeln, die zu Miniarchitekturen wurden. Im Fotoatelier trat die ganze Familie im Sonntagsstaat vor der Kamera auf.

Die Ausstellung im LA 8 thematisiert Kunst und Technik des Auftritts in Zusammenarbeit mit dem Theater Baden-Baden, führt die Besucher durch ein Theater, sie stehen vor historischen Bühnenbildern, in den Kulissen mit ihren Geräuschmaschinen und Spezialeffekten, dann auf der Bühne, als seien sie selbst die Schauspieler. Ein räumliches Erlebnis. Zu sehen sind historische Bühnenentwürfe, architektonische Modelle exemplarischer Theaterbauten, künstlerische und alltagspraktische Produkte der performativen Kulturtechnik und Atelierfotografien, auf denen nicht zu unterscheiden ist, ob sich ein Schauspieler in seiner Bühnenrolle oder ein Bürger in seiner Alltagsrolle für die Kamera inszenierte. -gepa

Schein oder Sein. Der Bürger auf der Bühne des 10. Jahrhunderts: bis 8.9., LA 8, Baden-Baden

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