„Design ist im Alltag angekommen“

Kunst & Design // Artikel vom 12.04.2012

Die „Eunique“ wirft wieder ihre Schatten voraus, gleichzeitig steuert die KMK unter Leitung von Britta Wirtz in diesem Jahr in den Geschäftsbereichen Messe und Kongress auf eine operativ schwarze Null zu.

Ein Ergebnis, mit dem vor einigen Jahren wohl niemand in der Stadt zu rechnen wagte. Dennoch wiegen die Strukturkosten und der „Betonrucksack“ schwer. Anfang des Jahres übernahm die KMK die Publikumsmessen „Offerta“ und „Inventa“; die „art Karlsruhe“ ist gerade erfolgreich zu Ende gegangen – gute Gründe, um sich mit Britta Wirtz zum Interview zusammenzusetzen. Roger Waltz (RW) und Dr. Chris Gerbing (ChG) trafen Britta Wirtz (BW) in ihrem Büro am Festplatz.

RW: Frau Wirtz, wie geht es Ihnen derzeit? Das waren doch auch für Sie heftige Monate.
BW: Ich würde es mal so formulieren: erschöpft, aber glücklich. Ich glaube, ich war seit Anfang des Jahres gefühlt jedes Wochenende in unseren Häusern auf einer Messe.

RW: Es hat sich zwischenzeitlich wohl doch bis in die Stadtspitze herumgesprochen, dass die Kongresse und Tagungen der KMK eine sehr erstaunliche Entwicklung genommen und so eine hohe Umwegrentabilität haben. Naja, eigentlich kann man gar nicht von Umweg reden, es ist ja ein direkter Weg, wenn Sie wichtige Themen zwischen IT und Gesellschaft aufgreifen. Denn Sie befördern natürlich mit den Messen auch den Geschäftsreiseverkehr – schließlich lassen Messegäste, Aussteller und Kongressteilnehmer Geld in der Stadt. Können Sie diesbezüglich eine kleine Bilanz ziehen?
BW: Ich möchte ein wenig weiter ausholen. Denn um zu verstehen, was wir alles in den letzten Jahren geleistet haben, muss man unsere Hausstruktur verstehen, die aus vier Geschäftsbereichen besteht: den Messen und den Kongressen, Events und Tourismus. Beim Bereich Messe konzentrieren wir uns darauf, den standortrelevanten Themenfeldern eine Bühne zu geben. IT-Themen liegen uns dabei ganz besonders am Herzen, die wir als „X plus IT“ bezeichnen. „Lernen plus IT“ finden Sie auf der „Learntec“, die wir inzwischen seit 20 Jahren ausrichten. Seitdem haben wir sie in ihrer Spitzenposition wieder bestätigt, denn als ich 2009 hierherkam, war nicht klar, wie es mit dieser Messe weitergehen würde. Hier haben wir auf das Thema „Bildung plus IT“ gesetzt und die Rechnung ist vollends aufgegangen: Zuspruchswerte und Re-Booking von über 70 Prozent sind ganz hervorragend und zeigen uns deutlich, dass wir auf dem richtigen Weg sind. „X plus IT“ heißt aber zum Beispiel „Mobilität und IT“. Mit der „IT Trans“ haben wir im Februar überaus erfolgreich den Überschlag einer Konferenz ins Messegelände gewagt und gewonnen. Wir haben es geschafft, zur „IT Trans“ ein Publikum aus über 50 Ländern nach Karlsruhe zu bringen und den Weltmarkt für IT-Lösungen im öffentlichen Personennahverkehr auf die Messebühne zu hieven – und damit auf eine Präsentationsbühne, die wirklich weltweit Anerkennung in Fachkreisen gefunden hat. Hierbei spielt uns natürlich ganz hervorragend der Standort Karlsruhe z. B. mit dem hier ansässigen Weltmarktführer INIT, aber auch dem weltweit revolutionären und vorbildhaften Modell des Karlsruher Verkehrsverbunds in die Hand. Das Thema „Cloud Computing“ haben wir bereits letztes Jahr zu einem Messethema gemacht, denn in Karlsruhe wird das Thema schon in der nächsten Ebene erforscht, sozusagen als Cloud 2.0. Der diesjährige KIT-Jahresempfang, der diesem Thema gewidmet war, zeigt uns, wie wichtig das Cloud Computing in der Zukunft sein wird. Neben dem Geschäftsfeld IT besetzen wir auch die Kunst- und Kreativwirtschaft mit der „art Karlsruhe“ und der „Eunique“ sowie dem Medienkongress „TV Komm“. Alle drei Veranstaltungen zeigen eine sensationelle Entwicklung in den letzten drei Jahren. Und als dritte Säule bei den Messen haben wir das Thema Industrie definiert. Hier sind wir extrem stolz darauf, dass wir es geschafft haben, eine veritable Nutzfahrzeug-Messe zu etablieren und auch wieder gezielt Karlsruher Themen aufzugreifen wie beispielsweise mit dem Thema internationales Wasser-Ressourcen-Management. In diesem Bereich haben wir eine Kongress-Messe aufgezogen, die im November bereits zum zweiten Mal stattfinden wird. Und auch mit der Wärmetauscher-Technologie-Messe (WTT EXPO) greifen wir nachhaltige Zukunftsthemen auf, die wir auf der Messebühne zeigen. Ein ganz wichtiges Segment sind für uns zudem die so genannten Publikumsmessen; diesen Bereich haben wir in den vergangen drei Jahren neu aufgestellt. Wir haben die Karlsruher Hochzeits- und Festtage zur Nr. 1 in Baden ausgebaut. Wir haben als erste im deutschen Messemarkt die im Einzelnen zu schwachen Themen wie Fahrrad und Freizeittourismus zur „Horizont Outdoor“ zusammengefasst und etwas sehr Trendiges geschaffen, denn wir vereinen aktuelle Themen wie Reisen, Radfahren, Bewegung und Aktivität im Freien unter dem Outdoor-Aspekt. Die Messe-Kollegen bundesweit haben nachgezogen und ähnliche Themenwelten zusammen gestellt. Und ergänzend dazu haben wir im Sommer letzten Jahres die Chance ergriffen, uns mit dem Hause Hinte zusammen etwas stärker Gedanken über die Zukunft zu machen. Das vor dem Hintergrund, dass sich das Selbstverständnis der KMK gewandelt hat. Die letzte 30/40 Jahre sind wir eher in der Rolle des Vermieters aufgetreten, jetzt treten wir auch als Marktgestalter auf. Das müssen wir auch, wenn wir unsere Hallen füllen wollen. Da müssen wir übergeordnet die Sortimentsgestaltung in die Hand nehmen. Deshalb sind wir auch stolz darauf, dass es uns gelungen ist, mit dem Hause Hinte in eine partnerschaftliche Übergangssituation hineinzugehen. De facto haben wir die Rechte an der „Offerta“ und an der „Inventa“ mit ihren Submarken und Sonderthemen übernommen. Die Möglichkeit, hier in einer einheitlichen Linie zu agieren, ist auch für den Standort und unser Haus eine großartige Chance.

RW: Schauen wir doch kurz auf die Publikumsmessen „Offerta“ und „Inventa“. War deren Übernahme ein Risiko oder überwiegen die Synergien?
BW: Der Vertragsschluss mit Hinte ist ja erst wenige Wochen alt. Momentan haben wir gerade bei der „Inventa“ , bei der wir nach wie vor auf die beiden dominanten Bausteine Wohnen und Einrichten sowie Garten setzen werden. Wir wollen aber künftig hochwertige Trends von den internationalen Möbelmessen präsentieren, d.h. wir werden bei der „Inventa“ und auch im Bereich Garten auf hochwertige, innovative Konzepte setzen. Außerdem wollen wir den Angebotskanon der „Inventa“ bereichern, um uns signifikant von der „Offerta“ abzugrenzen. Bei dieser großen und tradierten Verbrauchermesse geht es dann mehr um die regionalen Aspekte. Die Substanzthemen der „Inventa“ wollen wir selbstbewusster und offensiver ausbauen und präsentieren, wie beispielsweise auch Wohnaccessoires. Als Macher der „Eunique“ und der „art Karlsruhe“ müssen wir uns natürlich positionieren und das Thema „art und form“ noch einmal unter die Lupe nehmen. Es ist sicher sinnvoll, auch auf der „Inventa“ eine Plattform zu haben, bei der aktuelle Ansätze bei stilsicheren Produkten gezeigt werden, die das individuelle Wohn-Ambiente ergänzen können, ohne in die Kunstform abzudriften. Da kann durchaus Gefälliges mitwirken, aber trotzdem geht es darum, wie man mit Unikaten oder gestalterisch guten Dingen das persönliche Wohnambiente ergänzen kann.

RW: Kommen wir doch zu den Kunstmessen. Bei der „art Karlsruhe“ fand ich dieses Jahr, es war insgesamt sehr viel interessanter und spannender. Ein deutlicher Qualitätssprung!
ChG: Im Vergleich zwischen letztem und diesem Jahr hatte ich auch den Eindruck, dass die Aussteller deutlich entspannter waren und viel früher ihren Schnitt gemacht hatten. Ich habe selbst gesehen, dass am Sonntag etliche Galerien komplett umgehängt hatten – ein echter Wahnsinn!
BW: Doch, mit dem Ergebnis der „art Karlsruhe“ in diesem Jahr und einer Publikumssteigerung um fast das Doppelte im Vergleich zum Vorjahr sind wir sehr zufrieden. Ich denke, die „art Karlsruhe“ hat sich etabliert.

RW: Kommen wir zum Abschluss auf die „Eunique“ zu sprechen und was Sie mit ihr langfristig vorhaben.
BW: Die „Eunique“ haben wir personell komplett umgewechselt und dadurch jetzt exzellente Leute an Bord, die sehr fachkompetent sind. Darunter auch Kai Richter aus der HfG, der früher bei Prof. Albus gearbeitet hat. Das macht wahnsinnig viel Spaß! Richter hat beispielsweise ein szenografisches Know-how mitgebracht, das bei der Hallenaufplanung und der Auswahl der Aussteller von unschätzbarem Wert ist. Ich bin jetzt schon auf die Strategiegespräche mit ihm gespannt, die nach der „Eunique“ stattfinden werden. Dabei werden wir die „Eunique“ für die kommenden Jahre austarieren – insofern ist das Format, das Sie in diesem Jahr sehen, ein weiterer Schritt auf dem angestrebten Level. Denn neben dem Anspruch, das regional affine Publikum zur Messe zu ziehen, wollen wir mit der „Eunique“ den internationalen Durchbruch schaffen. Die Region ist wichtig, aber wir brauchen auch zusätzliche Käufergruppen, die aus einem professionellen Hintergrund nach Karlsruhe kommen. Die müssen wir massiv einwerben und gezielt nach Karlsruhe holen, um den überregionalen und internationalen Marktplatz zu gestalten.

ChG: Das ist doch ein wunderbarer Einstieg in die Inhalte der „Eunique“, denn mit „Design am Oberrhein“ machen Sie ja schon gezielt den Sprung in die grenzübergreifende PAMINA-Region. Schade finde ich allerdings, dass meiner Wahrnehmung nach die „Eunique“ in diesem Jahr deutlich weniger in die Stadt hinein ausstrahlt, auch wenn „Design am Oberrhein“ auch an der HfG verankert ist und mit dem Design Campus sicher für Lebendigkeit sorgen wird.
RW: In diesem Zusammenhang: Was ist eigentlich mit der von mir eingebrachten Idee eines „Karlsruhe-Floors“ geworden, mit dem wir die ganzen Käufer, Freunde und Bekannten der lokalen Design-Szene in die Messe transferiert hätten?
BW: Ein solches Thema ist in diesem Jahr nach hinten gerutscht zugunsten der jurierten Aussteller innerhalb der Messe, auf die wir unseren deutlichen Fokus legen. Es werden rund 350 Gestalter aus über 20 Nationen anwesend sein. Das Angebot, das hier aus höchstqualitativen Quellen kommt, ist natürlich der Kern der „Eunique“. „Design am Oberrhein“ behandelt nicht zuletzt wichtige Fragestellungen nach dem Aussehen von modernem Unikatdesign und den Auswirkungen, die dieses auf das Industrial Design hat. Alle Industriedesigner bekommen heute die Grundformeln des Kunsthandwerks in ihrer Ausbildung mit. Insofern sehen wir hier schon einen gestalterischen Überschlag, den eine junge, zeitgenössische Messe wie die „Eunique“ auch mal wagen kann. Die Industrial-Design-Themen stehen tatsächlich mit ihrer eigenen Geschichte und ihren eigenen Bezügen noch ein wenig wie ein Raumschiff über den klassischen Unikat- und Autorendesignansätzen in Glas, Holz, Metall und Keramik, wo es besonders um den künstlerischen Entwurf geht. Aber wir glauben, dass die „Eunique“ eine gewisse Offenheit an den Rändern braucht, um es nicht langweilig werden zu lassen. Da darf sich auch mal was reiben, das kann so ein junges Format wie die „Eunique“ durchaus vertragen.

ChG: Kann man denn bei der vierten Auflage schon davon sprechen, was sich bewährt hat? Was gibt es ansonsten Neues?
BW: Was sich definitiv bewährt hat, sind die internationalen Partnerschaften. Wir hatten im letzten Jahr außerordentlich hochwertiges Spitzenkunsthandwerk und angewandte Kunst aus Frankreich zu Gast. Wir sind in diesem Jahr mit der World Design Capital Helsinki und dem Partnerland Finnland ganz nah am Puls des zeitgenössischen Designs und werden eine interessante Sonderschau zum Thema „Gastland Finnland“ erleben. Das ist ein wichtiger Beitrag, um unsere Internationalität zu präsentieren und um die internationale Relevanz der Messe zu zeigen. Ich glaube, spannend sind in diesem Jahr vor allem die zeitgenössischen Keramikpositionen, die wir in der Sonderausstellung „Just Ceramics“ vorstellen. Da bin ich sehr gespannt darauf, was wir präsentiert bekommen, weil ich glaube, dass das Thema Keramik eine Zeitlang in Vergessenheit geraten ist und jetzt wieder am Beginn einer neuen Interpretation steht. Auch für uns Macher ist der Tag X, an dem dann alles steht, ein hochgradig spannender Moment, denn heute können wir nur in die Ausstelleranmeldungen und die Vorabzugsversion des Katalogs hineinschauen. Aber das Bild, wie sich die „Eunique“ in diesem Jahr präsentieren wird, sehen wir fast auch erst gleichzeitig mit den Besuchern, wenn die Türen aufgehen.

ChG: Ganz offensichtlich ist der Mai der „Design-Monat“: Nicht nur die „Eunique“ findet statt, sondern auch in Stuttgart zwei Messen, die Kunsthandwerk zeigen und in Frankfurt eine weitere mit der Ausrichtung auf Licht und Wohnen. Also alles mehr oder minder in der Nachbarschaft. Ist das für die KMK ein Aspekt nach dem Motto „Konkurrenz belebt das Geschäft“ oder ist Design einfach derzeit ein Trend, was diese Anhäufung dann auch erklären würde?
BW: Wir grenzen uns ja sowohl von den rein marktorientierten als auch von den musealen Konzepten deutlich ab, indem wir eine Messe veranstalten. Der Handelsbezug steht bei uns im Vordergrund, ebenso wie das internationale Publikum. Gleichermaßen freuen wir uns natürlich, wenn das Thema auch andernorts seine Berechtigung findet. Umso wichtiger ist es aber auch, nicht zu regionalisieren, sondern eine überregionale Strahlkraft zu erzielen. In Stuttgart spielen Sie sicher auf die Messe im Schloss an – die hat einen sehr musealen Charakter, ich kann schauen, aber nicht kaufen. Das ist ein eklatanter Unterschied, ebenso wie der Ort, an dem dieser Event stattfindet. Gerade bei einer Kunstmesse wie der „art Karlsruhe“ oder auch der „Eunique“ liegt ja der besondere Reiz darin, dass das potenzielle Besitzen immer mitschwingt. Wir heben uns definitiv von den Open-Air-Märkten und den schönen Landschaftsmärkten ab, indem wir eine Jury haben und indem wir internationale Preisträger zeigen, um den künstlerischen Anspruch entsprechend hoch zu halten und nicht das Massenprodukt aus – möglicherweise – Fernost auf dem Tisch zu haben.

ChG: Laura Aalto, die Marketingchefin des Weltkulturhauptstadtskomitees, meinte unlängst: „Design ist für das Wohlbefinden der Menschen da, nicht für eine Elite.“ Haben Sie abschließend noch ein persönliches Statement zu finnischem Design für uns?
BW: Als Frau mit nordischen Wurzeln habe ich natürlich schon seit meiner Kindheit ein gewisses Faible, einen Hang zu nordischem Design. Ohne mir jetzt in Form einer Designtheorie darüber im Klaren zu werden, warum ich das schön finde, warum mich das Puristische anzieht. Gleichzeitig glaube ich, dass Design spätestens seit der so genannten Ästhetisierung der Alltagswelt, wie es in der Kunsttheorie wohl seit den 80er Jahren diskutiert wurde, nicht elitär sein muss. Design ist mittlerweile im Alltag angekommen. Die Ästhetisierung der Alltagswelt hat vor dem Kleinsten nicht Halt gemacht und wird sich auch weiter fortsetzen mit einem gewissen Anspruch, den der Mensch an sich selbst und sein Umfeld hat.

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