Die Künstlerin hinter dem Cover: Agnes Märkel

Kunst & Design // Artikel vom 18.02.2019

Bilder der Realität – Realität der Bilder.

Für alle, die das Coverbild der INKA-Doppelnummer #143 neugierig gemacht hat: Agnes Märkel ist derzeit in einer Einzelschau in der Galerie Rottloff zu sehen – Anlass genug, um die Bilderwelt dieser Künstlerin genauer zu erkunden. Wenn Märkel vor einem großen leeren Papier steht, ist das für sie so, als stünde sie im Chemielabor: „Ich bringe Elemente aus gänzlich unterschiedlichen Kontexten zusammen und lasse etwas Neues entstehen.“ Das Experiment glückt! Denn ihre Arbeiten vereinen Pastellmalerei und Fotografie auf so brillante Weise, dass sich der Betrachter weder beim ersten noch beim zweiten Blick wirklich sicher sein kann, dass das, was er sieht, auch tatsächlich das ist, was auf dem Bild zu sehen ist.

Seit etwas mehr als zehn Jahren lebt und arbeitet die Karlsruher Künstlerin in einem der Ateliers der Stresemannstraße, einem denkmalgeschützten Gebäudekomplex, der 1962 als Wohn- und Arbeitsraum für Maler und Bildhauer erbaut wurde. Die hohen Wände des Ateliers gewähren ihren meist großformatigen Bildern genügend Platz. Dank der Transparenz der durchgängigen Fensterfront erscheint das Grün der Pflanzen und Bäume der Umgebung als Teil des Innenraums. Ein Eindruck, der mit Märkels Arbeiten korrespondiert: Mensch, Natur und Lebensräume sind für sie unlösbar miteinander verbunden. Die Auseinandersetzung mit ökologischen Zusammenhängen ist fester Bestandteil des Schaffensprozesses der Künstlerin. Begeistert von den alten Meistern wie Albrecht Dürer ist es an der Kunstakademie Horst Egon Kalinowski, der sie zum Zeichnen und Naturstudium ermutigt und bei dem sie 1990 ihr Studium als Meisterschülerin abschließt. Eine Zeit, in der sie sich in Radierung, Ölmalerei und Steinbildhauerei versucht, um letztlich zu ihrer ganz eignen Arbeitsweise zu finden: Denn obwohl die Fotografie einst zum „Todfeind der Malerei“ erklärt wurde – und das nicht nur von Baudelaire – finden diese zwei Gattungen in Märkels Werken zur Versöhnung.

Ob Landschaften als zerstörte Idylle oder das urbane Leben als schwindelerregende Reizüberflutung, die kaleidoskopisch gestalteten Bilder unterscheiden sich von der klassischen Collage. Denn statt einer Betonung der Kombination verschiedener Medien wie in Hannah-Höch-Arbeiten, verschleiert, ja verwischt Märkel die medialen Grenzen ohne ihre visuellen Qualitäten zu untergraben. Es wird weder beschnitten noch übermalt, ganz im Gegenteil: Fotografische Realität und malerische Schöpfung erweitern und ergänzen einander. Als Impulsgeber regen die Fotografien aus ihrem sogenannten „Erinnerungsarchiv“ nicht nur Ideen an, sie werden Teil ihrer eigenen Bildschöpfungen. So finden sich Menschen, die Märkel ursprünglich von einer Kaufhausterrasse aus auf dem Alexanderplatz fotografiert hat, in „Fügungen“ (2016) inmitten abgesägter Baumstämme wieder.

Der Mensch erhebt sich zerstörerisch über die Natur und beraubt sich so seines eignen Fundaments. Ganz im Gegensatz zu den Bildakteuren ist es dem Betrachter möglich, das Ausmaß der Situation zu überblicken. Als Fragmente der Realität werden die Fotografien neu eingebettet und weitergedacht. Erinnerung, Fantasie und Realität führen dabei Regie und wirken als verbindende Kräfte zwischen den einzelnen Bildelementen. Mögen die unterschiedlichen Motive zunächst unvereinbar erscheinen, mit jedem Kreidestrich wachsen sie zu einem Ganzen zusammen. Wo Imagination beginnt und Realität aufhört, ist nur noch schwer auszumachen. Größen- und Machtverhältnisse werden in „Eitles Schicksal“ (2011) aus den Angeln gehoben.

Hier tummeln sich riesige Pfauen neben winzigen Menschen am Strand – Sinnbildlichkeit, die eine Assoziationskette auslöst. Während im Zeitalter des Touchscreens beliebiges Hinein- und Herauszoomen zur gängigen Praxis gehören, Nähe und Ferne nahezu an Bedeutung verlieren, sorgt dieser Kniff jedoch auf dem Papier mit einer „festen“ Perspektive für Irritation. Gewohnte Wahrnehmungsmuster entlarven, um neue „Denkräume“ zu erobern, lautet die Devise. Um nicht nur ausgewiesenen Kunstliebhabern zugänglich zu sein, ist es Märkel ein Anliegen, auch an Orten des alltäglichen Lebens auszustellen. Was dabei entstehen kann, ist als große Bildinstallationen dauerhaft im Foyer der BGV zu sehen. Als „das Bild im Bild“ beschreibt sie ihre Arbeiten: In einer visuell dominierten Medienwelt prägt nicht nur was, sondern wie wir sehen und ins Bild gesetzt werden, unsere Vorstellung von Realität.

Ihre Arbeitsweise macht sichtbar, wie sich Wirkung und Bedeutung eines Bildes je nach Kontext drastisch verändern. Dieses poetische Zusammenspiel setzt sich im individuellen Bildarchiv des Rezipienten fort – ein wahrnehmungspsychologischer Effekt, der Märkel fasziniert. Wie ein Flimmern zwischen zwei Welten wird der Blick des Betrachters herausgefordert: Denn wenn sich das zunächst als Zeichnung Vernommene bei längerer Betrachtung als Fotografie entpuppt, vermittelt sich für den Bruchteil einer Sekunde der Eindruck, den Gegenstand selbst zum Leben erweckt zu haben. Ein Phänomen, dass zur Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln, aus Nah- und Fernsicht anregt, um nur einen von vielen Gründen zu nennen, weshalb es sich absolut lohnt, Märkels Arbeiten im Original zu erleben. -mic

Blütentreiben: bis 22.2., Galerie Rottloff, Karlsruhe
www.agnesmaerkel.de

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