Die Kunst des Zufalls: Der Maler Martin Krieglstein

Kunst & Design // Artikel vom 07.04.2021

Die Szene könnte auch aus einem jener amerikanischen Schwarz-Weiß-Filme stammen, deren Lichtdramaturgie Martin Krieglstein so begeistert studiert und in die Bildsprache der Malerei überführt hat, als ihm in einer Spätsommernacht 2014 das Schicksal die Tür zu seiner eigenen Produzentengalerie aufstößt.

Noch ganz benommen von der Enttäuschung nach seiner ersten Einzelausstellung. Sie war erfolgreich und doch eine bittere Erfahrung, weil ihm vom Erlös nicht einmal die Hälfte geblieben ist. Da preist ihm ein Schild im Schaufenster der Douglasstr. 9 die Räume als „Zu vermieten“ an. Der Galerie-Eröffnungstag am 20.6.15 markiert für Krieglstein „das Erwachen aus einem 20-jährigen Albtraum“ als Akkordschlachter. „Ich bin kein Sonntagskind, hatte aber das Glück, in den richtigen Momenten die richtigen Entscheidungen und Menschen zu treffen.“

Noch vor seinem Kunstakademie-Lehrmeister Per Kirkeby ist es der Großvater, „der die Grundlagen für mein geschultes Auge geschaffen hat“. Als er auf dem Helmholtz-Gymnasium „immer mühsamere Schritte“ macht, wechselt Krieglstein 1978 auf die Fachhochschule für Gestaltung nach Pforzheim; das Grafikdesign-Studium entpuppt sich jedoch als großes Missverständnis. Ohne Abitur muss der gebürtige Eggensteiner zurück in Karlsruhe an der Kunstakademie eine Begabtenprüfung ablegen – und wird angenommen. Weil das aus Arnold, Baselitz und Lüpertz bestehende Gremium zu dem Schluss kommt, dass man sich auf diesen Anwärter zwar keinen Reim machen, aber ebenso wenig riskieren kann, ihn abzulehnen. „Mein Glücksstern war auf dem Posten!“ Nach acht Semestern Malerei und Freier Grafik muss der von skandinavischer Pädagogik und Toleranz geprägte Kirkeby seinen Meisterschüler ziehen lassen. „Zäsur“, nennt es Krieglstein, als er „jäh aus dem siebten Künstlerhimmel gerissen“ wird: „Früheste Heirat und die Geburt unseres Sohnes verlangten, von heute auf morgen Geld zu verdienen.“ Also nimmt er eine Gelegenheitsarbeit am Karlsruher Schlachthof an.

„Und das ist die Hölle für einen, der schon würgen muss, wenn er den Fettrand am Schnitzel glitzern sieht.“ Als wollte ihn die Vorsehung grausam necken, führt sie ihn für zwei Jahrzehnte an einen der größten Schlachthöfe Deutschlands, wo ihm im Arbeitsplan der Kopfschlächter der Platz am Schlachtband zugewiesen wird: Ausnehmen der Eingeweide. Aber die Flamme in seinem Künstlerherz erlischt nicht. Er bezieht ein Hinterhofatelier in der Oststadt, das er allerdings teils monatelang nicht sieht. Seine Schwester Angela macht sich derzeit mit Michael „Mitsch“ Thomas – heute beide Protagonisten der Produzentengalerie 20. Juni – selbstständig und lässt Bruder Martin im Duo für dekorative Wandmalerei mitarbeiten. Das bringt Krieglstein „die Gewissheit, dass die Verhinderung eine Schaffenslust gebündelt hat, mein Gespür für die starke Szene immer noch vorhanden und die Malerseele durch die Schinderei in der Knochenmühle keinen Schaden genommen hat“. Auch wenn es nochmals zehn Jahre dauern sollte, bis er sich aus seinem „Moloch herausgekämpft“ hat.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Majolika, wo er als Gastkünstler kleine Keramik mit eher herben Motiven bemalt. Er trifft den Männergeschmack, doch Krieglstein will nicht länger nur reproduzieren. Die „Öffnung in die Fläche“ ist das Ziel, für seine peppigen Badfliesen ist die angeschlagene Manufaktur aber zu mutlos. Dass der Anstoß zu jener Ausstellung, die ihn Jahre später durch die Douglasstraße führen sollte, aus der Majolika kam, ist Ironie des Schicksals. Seit 2018 macht man auch in Sachen Unikatmode: Wenn Krieglstein seine T-Shirts von Hand mit Laundry-Stiften und Siebdrucktextilfarben bemalt, entstehen in grüner und roter Serie nostalgische Rennwagen und andere Gefährte sowie chinesisch inspirierte Motive mit Drachen und Tigern.

Weil das Geschäft mit der Kunst aber nach wie vor ein hartes Brot ist, versorgt Krieglstein jeden Morgen die Durlacher mit ihrer Tageszeitung, bevor zweimal die Woche zudem noch der Schlachthof in Bretten-Gölshausen ruft. Aber den Gutteil seiner Zeit kann der Primus inter Pares damit verbringen, „Verbündete“ für seine oft mit spürbarem Hang zur Sentimentalität behafteten Gemälde zu suchen. „Das methodische Arbeiten ist mir nicht gegeben. Ich überlasse dem Bild, was es von mir verlangt. Denn Kunst ist für mich der gekonnte Umgang mit dem Zufall.“ Und wer wollte ihm da widersprechen. -pat

Produzentengalerie 20. Juni, Tel.: 0721/82 10 12 44, Douglasstr. 9, Karlsruhe
www.martin-krieglstein.de

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