Eine Farb-Explosion

Kunst & Design // Artikel vom 27.10.2011

Dass informelle Kunst nicht nur wilde Gesten sind, dass es sich nicht nur um eine deutsche Spielart des Action Painting handelt, lässt sich derzeit in der Übersichtsschau „Phänomen Informel“ nachvollziehen.

Ein bebilderter Zeitstrahl leitet in die Ausstellung ein und macht deutlich, wie zahlreich die Quellen waren, aus denen das Informel schöpfte. Und dann tut sich ein Kaleidoskop verschiedener Ausdrucksmöglichkeiten auf.

Man trifft auf bekannte Namen wie Karl Otto Götz, Emil Schumacher, WOLS, Hans Hartung und Otto Herbert Hajek, taucht ein in die Ursprünge des Informel in den 40er und 50er Jahren, entdeckt Bauhaus-Künstler wie Johannes Itten, Wassily Kandinsky und Paul Klee neu und kann feststellen, wie breit gefächert diese Stilrichtung in Malerei, Plastik und Zeichnung gewesen ist.

Deutlich wird: Rüdiger Hurrle, der seine Privatsammlung für die Ausstellung um einige wenige Leihgaben ergänzt hat, ist fasziniert vom Informel, von der Poesie, Frische und Vitalität, von der Gestik von zart bis rauschhaft und von der formalen Freiheit dieser Stilrichtung. Mit 140 Kunstwerken von über 50 Künstlern wird das Phänomen Informel in einer Breite dargestellt wie selten zuvor.

Der Blick in die Künstlergruppen „junger westen“, „ZEN 49“ und „Gruppe 53“, aber auch auf jene Künstler, die in der legendären Ausstellung „Signifiants de l’Informel“ 1951 die Bezeichnung salonfähig machten, sowie ein Umschauen in Frankreich und Italien machen deutlich, wie breit aufgestellt diese sich in Kunst manifestierende Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen ist.

Der Untertitel „Pioniere, Grenzgänger, Durchreisende“ signalisiert außerdem, dass ein gewisses Überraschungsmoment den Besucher erwartet. Künstler wie Horst Antes, Peter Brüning und Georg Meistermann sind mit verblüffend neuen Einblicken zu sehen – wie auch gänzlich unbekannte Positionen. Das Informel war offensichtlich männlich: Gerlinde Beck, Christine Boumeester und Anja Decker sind die einzigen Künstlerinnen, die in der Ausstellung vertreten sind.

Als Kabinett-Ausstellung präsentiert die Sammlung Hurrle zudem Rainer Braxmaier und Wolf Pehlke in der neuen Reihe „Profile in der Kunst am Oberrhein“ und richtet damit den Fokus auf die Kunst der letzten 60 Jahre in der trinationalen Region. Außerdem ist anlässlich des Papstbesuchs die letzte und entscheidende Studie des Leipziger Malers Michael Triegel zu seinem 2010 geschaffenen Papstportrait zu sehen. Triegel fühlt sich der italienischen Renaissance verpflichtet und portraitierte Papst Benedikt XVI. in fast schon altmeisterlicher Art. -ChG

Phänomen Informel: bis 22.1.2012, Profile in der Kunst am Oberrhein: bis 27.11.; Michael Triegel: bis 27.11., Sammlung Hurrle Durbach – Museum für Aktuelle Kunst

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