Erfolgreicher Auftakt der elften „art“

Kunst & Design // Artikel vom 13.03.2014

„Was ist die Kunst?“

Diese Frage stellte Peter Weibel, Vorstand des ZKM, in seiner Eröffnungsrede zur elften „art Karlsruhe“. Kunst, so Weibel, sei soziale Konstruktion und damit das Produkt mehrerer Parteien – eine Mehrfachbeziehung. In Weibels Ansprache ging es um die vielfältigen Verflechtungen der Kunst – und um den Zusammenhang zwischen Kunst und Markt, von dem die „art“ vitales Zeugnis ablegt. Weibel würdigte Karlsruhe als „Hauptstadt der Bildungsrepublik Deutschland“, geprägt durch das Zusammenspiel zahlreicher künstlerischer Institutionen. Der „art Karlsruhe“ komme in diesem Netzwerk eine herausragende Rolle zu.

„Die ‚art‘ ist ein Gesamtkunstwerk“, betonte Messechefin Britta Wirtz schon während der vorangegangenen Pressekonferenz. Dass der badische Kunsthandelsplatz über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus Strahlkraft besitzt, belegt die Statistik: Jede fünfte der 220 Galerien kommt aus dem Ausland. Von den 38 Neuausstellern ist es gar jeder zweite. Derweil befasste sich Gastredner Peter Raue zum einen mit der Raubkunst-Debatte, ausgelöst durch die Sammlung Gurlitt, zum anderen mit den Turbulenzen, die dadurch entstanden sind, dass die Mehrwertsteuer auf Kunstwerke jüngst von 7 auf 19 Prozent angehoben worden ist. „Die Politik handelt in einer Weise, die die Kunst ruiniert“, urteilte der renommierte Berliner Kunst-Anwalt.

Raue geißelte das steuerrechtliche Chaos, das derzeit in Deutschland herrsche. Da die Durchführungsverordnung für die Änderung der Mehrwertsteuer immer noch auf sich warten lässt, wüssten die Galeristen nicht, auf welchen Teil des Verkaufspreises sie die 19 Prozent abführen müssten. Raue sprach damit ein Problem an, das viele der Aussteller umtreibt. Im Grußwort zur Vernissage gab auch Jürgen Walter, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg, ein Statement zu diesem Thema ab: „Damit die Kunst kaufbar bleibt, ist das Land Baden-Württemberg bemüht, eine steuerrechtliche Lösung zu finden im Sinne der Kunst.“

Über die „große Renaissance der Malerei“ freute sich Messekurator Ewald Karl Schrade. Sowohl in den Messekojen der 220 Aussteller aus 13 Ländern als auch beim „Artima art Meeting“ und in der Sonderschau der Sammlung Nannen behauptet sich das traditionsreiche Medium glänzend. Aber auch Skulptur und Editionskunst kommen nicht zu kurz bei der elften Internationalen Messe für Klassische Moderne und Gegenwartskunst. Ein Publikumsmagnet der Eröffnung waren die beiden Sonderschauen. Nicht zu übersehen und vor allem in den Abendstunden berückend schön die Lichtskulpturen der Stuttgarter Künstlerin Rosalie, „Chandalier“ in der Aktionshalle und „Light Scapes“ in der dm-arena.

„Ich bin sehr angetan vom Zuspruch und dem riesigen Andrang von der ersten Messeminute an“, so Frank Schmidt, Direktor der Emdener Kunsthalle, der die Sonderschau mit Werken aus der Sammlung Nannen in Halle 1 kuratiert hat. „Wir freuen uns über diese positive Resonanz des Messepublikums und hoffen natürlich, dass einige von ihnen auch den Weg nach Emden in unsere Kunsthalle finden werden.“

Wie jedes Jahr punktet die „art Karlsruhe“ mit ihrem reichen Angebot von Werken verschiedenster Stilrichtungen – von Expressionismus und Neuer Sachlichkeit über Informel, Pop Art und neoexpressive Malerei bis hin zur jüngsten Gegenwartskunst. In Halle 1 sind erstklassige Editionswerke versammelt. Die Bandbreite reicht von handsignierten Blättern von Le Corbusier, Pablo Picasso oder Sonja Delaunay bei der Züricher Galerie Bommer, die im vierstelligen Preisbereich liegen, bis zu den Fotografien von Ralf Peters, dessen sechsteilige Serie „Indoor #1-6“ für 42.000 Euro bei der Berliner Galerie Kornfeld angeboten wird. Die teuersten Werke sind bei den Galerien der Klassischen Moderne in den Hallen 2 und 3 zu finden. Die Schweizer Galerie Henze & Ketterer wartet erneut mit Hochkarätigem auf. Mit 2,5 Millionen Euro ist Ernst Ludwig Kirchners „Berghirte im Herbst (Berghirte mit Ziegen)“ von 1921 veranschlagt. Max Pechsteins „Weintraube (Stilleben in Rot)“ von 1917 ist für 475.000 Euro zu haben, und Karl Schmidt-Rottluffs „Stilleben mit Holzplastik“ von 1949 kostet 450.000 Euro.

Hochpreisiges präsentieren auch die Galerie Nothelfer (eine Arbeit von Kazuo Shiraga ist hier für 1,2 Millionen Euro zu erstehen) und Die Galerie (Max Ernsts „Les jeunes et les jeux twistent“ kostet ebenfalls 1,2 Millionen Euro). In der dm-arena, Sektion „Contemporary art“, begeistert die One-Artist-Show von Claude Wall, dem letztjährigen art Karlsruhe“-Preisträger, am Stand von Angelo Falzone genauso wie die Stände der Neuaussteller Eva Meyer (Paris), Flower (London) oder Cornelissen (Wiesbaden). Die Berliner Oca Gallery punktet beispielsweise mit filigranen, gleichwohl Stärke ausstrahlenden Porzellanfiguren von Nadine Wottke. Und auf dem Skulpturenplatz der Galerie Albrecht (Berlin) ziehen die abstrakt-zersplitterten Holzfiguren von Maike Gräf die Blicke auf sich.

Viele rote Punkte sah man bereits nach kurzer Zeit bei der Grafenauer Galerie Schlichtenmaier. HAP Grieshabers „Adam“ und „Eva“ – zwei Druckstöcke für die Schwarzplatte des linken und rechten Flügels zum Triptychon „Weltgeschichte“ (1970) – wurden für jeweils 30.000 Euro an einen Schweizer Privatsammler verkauft. „Wir sind rundum zufrieden mit dem Preview-Tag und dem Auftakt der Messe und freuen uns auf die nächsten Tage“, so Kuno Schlichtenmaier, der zudem Erich Hausers Wandrelief aus der Serie „Rottloff“ für 9.000 Euro und Georg Karl Pfahlers Acrylgemälde „Metro GG“ für 15.000 Euro abgeben konnte. Auch Carsta Zellermayer ließ wissen: „Wir hatten einen sehr guten Start. Die Käufer, die an unseren Stand kamen, wussten schon sehr genau, was sie wollten.“ So konnte die Berliner Galeristin unter anderem Werke von Bernard Schultze und Petra Petitpierre veräußern.

Auch Knut Osper verbuchte auf Anhieb mehrere Verkäufe. Ein Werk von Markus Lüpertz, der persönlich auf der Messe anwesend war, konnte der Kölner Galerist für 60.000 Euro verkaufen. Eine kleinformatige Arbeit von Gerhard Richter gab er für 59.000 Euro an einen Kunden, den er im letzten Jahr auf der Messe kennengelernt hatte. Osper: „Wir sind erstaunt und erfreut, wie treu die Kunden hier im Südwesten sind.“

Zufrieden war man bei Michael Schulz, Berlin. Eine Arbeit von SEO wurde für 47.000 Euro an einen Sammler aus Frankfurt veräußert. Ein Gemälde von Norbert Bisky wechselte für 55.000 Euro den Besitzer, und die Skulptur „Langestreckt“ von Helge Leiberg wurde für 13.500 Euro verkauft. Für viel Aufsehen am Stand der Berliner Galerie sorgte nicht nur das bemalte Modell eines Buick-Wagens des Pekinger Künstlers Ma Jun, sondern auch der letztjährige Hans-Platschek-Preisträger Giom Guillaume Bruère: Mit raschem, gleichwohl präzisem Strich zeichnete er über ein Dutzend Porträts direkt vor Ort. Bei der Galerie Supper aus Baden-Baden fand das Fadenbild „Gestürzter Engel„ von Biennale-Teilnehmerin Monika Thiele ebenso schnell einen Abnehmer wie mehrere Werke von Mike MacKeldey. „Wie im letzten Jahr sind wir wieder erfolgreich und höchst zufrieden mit dem Messestart“, ließ der Galerist Dirk Supper wissen.

Die „art Karlsruhe“ zeigt noch bis So, 16.3. über 10.000 Kunstwerke der Klassischen Moderne und der Gegenwartskunst, viele in den 160 One-Artist-Shows und auf den 21 Skulpturenplätzen. Nicht verpassen sollte man die beiden Preisverleihungen: Der „Hans Platschek-Preis für Kunst und Schrift“ wird heute um 17 Uhr in der Aktionshalle vergeben. Am Fr, 14.3. ebenfalls um 17 Uhr in der Aktionshalle, lüftet sich das Geheimnis, welcher Galerist und welcher Künstler in diesem Jahr mit dem gelungensten Messeauftritt die Jury des „art Karlsruhe“-Preises überzeugen konnten. -ps

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