Eunique 2011

Kunst & Design // Artikel vom 12.05.2011

Kunsthandwerk – das hat den Touch des Handwerklichen, von Krämermärkten.

Dass die Arts&Crafts-Bewegung um 1900 ein wichtiger Motor der Design-Entwicklung war, gutes Design bereits damals durchaus geschätzt wurde, wird angesichts der Ausstellungsfülle im Kunstbereich häufig vergessen – der selbst oft genug geringschätzig auf das Kunsthandwerk herabblickt.

Dass dies nicht gerechtfertigt ist, zeigt die „Eunique“ deutlich. Denn neben der Jagd nach immer billigeren Produkten gibt es ein wachsendes Interesse an individuellem Design und handgefertigten Unikaten. Das Kunsthandwerk, lange als Stiefkind der Kunstszene gehandelt, rückt mit großem kreativem Potenzial in den Fokus. Insbesondere in Karlsruhe, wo sich ein Wochenende lang in der Messe Karlsruhe alles um Angewandte Kunst und Design dreht. International geht es dabei zu, wenn sich Künstler und Kunsthandwerker dem Publikum mit ihren Unikaten und Kleinserien präsentieren.

Außergewöhnliche Möbel, exklusive Accessoires zur Wohnausstattung, ausgefallenes Mode-Design, Schmuck – das alles lässt sich auf der „Eunique“ finden, bestaunen und natürlich auch erwerben. Ein hoher Qualitätsanspruch ist dabei sichergestellt, denn die Aussteller werden von einer internationalen Jury ausgewählt. So breit wie das Feld der Aussteller, so breit aufgestellt ist auch die Jury selbst. Denn nur wenn eine breite Palette kunsthandwerklicher Techniken abgedeckt ist, können die Bewerber auch qualitativ bewertet werden.

„In der Jury sind entsprechend neben dem Präsidenten und der Vize-Präsidentin des WCC Europe Museumsleute aus dem Kunsthandwerksbereich in führenden Positionen, Designer und Künstler, aber auch eine Journalistin vertreten“, so Britta Wirtz, Geschäftsführerin der KMK. Dass die Jurierung keinen Nachteil für die in Karlsruhe und in der Region ansässigen Kunsthandwerker und Designer darstellt, wird bei der Durchsicht des Ausstellerverzeichnisses deutlich: Allein rund 20 Karlsruher Ateliers haben mit ihren außergewöhnlichen Unikaten und Kleinserien – zum Teil nicht zum ersten Mal – den Sprung auf die Messe geschafft und führen so eindrucksvoll die Fülle kreativen Potenzials, das in Karlsruhe vorhanden ist, vor Augen. Darunter vertreten sind zum Beispiel die mit dem „Red Dot Award“, dem weltweit renommiertesten Design-Preis ausgezeichnete Schmuckgestalterin Brigitte Adolph und die auf Taschen spezialisierte Designerin Monika Assem.

Von Angela Johe und Tanja Niedermann geschaffene Porzellan-Unikate oder Michael Schwarzmüllers Glasobjekte sind außerhalb der „Eunique“ bereits in ausgewählten Museen zu sehen. Seine wunderbaren Gefäße aus hitzebeständigem Borosilikatglas sind meist mundgeblasen und frei geformt, ihre ungleichmäßigen, organischen Konturen machen jedes Gefäß zum Einzelstück. Sie eignen sich hervorragend für kalte und heiße Getränke, für Fingerfood, raffinierte Nachspeisen – und für die Spülmaschine!

Auch die Bundesländer haben eigene Präsentationsareale, was den bundesrepublikanischen Vergleich in puncto Design ermöglicht. Spannend beispielsweise, wie Antje Dienstbir (Hessen) mit dem Thema Löffel umgeht: Bei ihr mutiert der Griff zum Ast, so dass man sich unvermittelt an die Geschichte von Apollo und Daphne erinnert fühlt. Bei Britta Bode sind Schmuckstücke kleine Plastiken, Arbeiten, die sich mit dem Raum auseinandersetzen – und ihn selbst natürlich auch für sich beanspruchen, Alixe Ikehata führt derweil dem Besucher vor, dass Gold sogar strickbar ist (beide Gemeinschaftsstand Rheinland-Pfalz). Damit interpretiert sie altes Handwerk neu.

Und dass Filz nicht nur mit Beuys oder Öko-Bewegung gleichzusetzen ist, dafür stehen u. a. die beiden Filzkünstler ]innen Marianne Wurst (Filz und Kunst) und Anja Döpner (Filzkunst Anja, beide Gemeinschaftsstand Baden-Württemberg). Spannendes in der Newcomer Area ist zu entdecken, wo dieses Jahr die Karlsruherin Stephanie Hensle scherenschnittartige Anhänger, Broschen und Ohrringe aus Eisenblech präsentiert, die nachträglich vergoldet oder versilbert worden sind. Maria Haake (Düsseldorf) ist dort ebenfalls zu sehen und hat Objekte aus Wildschweinborsten mitgebracht, die für ihre Neugierde stehen, dafür, neue Blickwinkel auf Bekanntes zu eröffnen.

Der Koreaner Jinkyung Bae (Seoul) arbeitet aus einer ähnlichen Motivation heraus, wenn er für seine künstlerischen Schmuckstücke mit chinesischer Tinte beschriebenes koreanisches Papier und Reis verwendet. Die „Eunique“ ist aber mehr als nur Verkaufsmesse hochwertiger Einzelstücke. Sie versteht sich gleichzeitig als Plattform zur Präsentation aktueller Spitzen-Exponate Angewandter Kunst. In den Messehallen findet deshalb im Rahmen der Messe die Sonderausstellung „Crafts Of Europe“ statt, bei der Staatspreisträger der letzten vier Jahre mit ausgewählten Arbeiten vertreten sind. Darunter befinden sich gleich drei Designschaffende aus der näheren Umgebung Karlsruhes: Britta Bode (Schmuck und Design) aus Edenkoben, Manfred Braun (Keramik) aus Dannenfels und Rainer Milewski (Schmuck) aus Pforzheim.

Und bereits zum dritten Mal sind Mitglieder der Künstlergruppe Vessels auf der „Eunique“ vertreten, die zeitgenössische Positionen internationaler Gefäßkunst aufzeigen. Die sechs Künstler Sebastian Scheid, Ruprecht Holsten, Lutz Könecke, Joachim Lambrecht, Frank Meurer und Arne Petersen, die in diesem Jahr präsentiert werden, machen erneut deutlich, dass ein Gefäß weit mehr ist als ein Aufbewahrungsort für flüssige oder körnige Stoffe. Mit ihren prämierten Arbeiten loten sie die Grenzen des Sujets aus und schlagen damit eine Brücke zur freien Kunst.

Unter dem Label „Design am Oberrhein“ haben sich über die Grenzen von Frankreich, Deutschland und die Schweiz hinweg dortige Hochschulen, Messeveranstalter, die Industrie, Kammern und Verbände zusammengeschlossen. Diese präsentieren nun unter dem Ausstellungstitel „Design & Co“ auf der Messe parallel zur „Eunique“ ihre Design-Kooperation und machen auf diese Weise deutlich, dass die Region über ein großes Kreativ- und damit auch Wirtschaftspotenzial verfügt. Außerdem wird auf der „Eunique“ jährlich der WWC-Europe „Eunique“-Award an einen von der Jury des WCC am ersten Messetag ausgewählten Aussteller verliehen.

Erstmals gibt es neben den Ständen der kunsthandwerklichen Verbände ein eigenes Galerien-Areal auf der „Eunique“, so dass sich die Besucher einen wirklich umfassenden Überblick über die Angewandte Kunst- und Designszene verschaffen können. Partnerland der „Eunique“ ist in diesem Jahr Frankreich, das sich insgesamt mit über 30 Ausstellern präsentiert, unter anderem auch auf der Sonderausstellung „Maître d’Ar“t mit 17 Künstlern, denen der Ehrentitel „Maître d’Art“ vom französischen Kultusministerium verliehen worden ist. Der auf Lebenszeit verliehene Titel wird an Künstler vergeben, deren Arbeiten von außergewöhnlicher Qualität sind und die ihr Wissen, ihre Techniken und insbesondere ihre Leidenschaft an die nächste Generation weitergeben.

„Ateliers d’Art de France“, ein Zusammenschluss von französischen Kunsthandwerkern, wird ebenfalls mit 15 Künstlern auf der „Eunique“ vertreten sein, so dass das breite Spektrum kunsthandwerklichen Schaffens auf hohem Niveau, das auch in Frankreich gepflegt wird, deutlich wird. So führt uns Stefanie Wesle (Atelier Autruche) vor, dass der Hut nicht nur schnöde Kopfbedeckung, sondern Schmuck im Wortsinn sein kann, und bei Daniel Lacourt verschmelzen Möbel und Kunst zu einer sinnlichen Einheit. Man glaubt es kaum, dass die raumgreifenden Schmuckstücke von Oscar Galea tatsächlich Trägerinnen finden – in jedem Fall werden sie mit den Objekten, die normalerweise aus Metalllegierungen von Magnesium und Aluminium hergestellt werden, selbst zum Kunstwerk! Zudem präsentiert sich auf dem Areal des Partnerlandes auch der elsässische Verband Fréema.

Die Aufzählung der auf der „Eunique“ vertretenen Staatspreisträger würde den Rahmen sprengen, macht aber deutlich, dass die Messe für einen hohen Anspruch steht. Britta Wirtz: „Wir befinden uns, was den Design-Anspruch betrifft, letztlich in der Nach-Ikea-Generation. Der Ikea-Designer hat zwar einen gewissen Zeitraum zum Entwurf des Objekts aufgewendet, aber – und das ist wichtig! – nicht für mich exklusiv, sondern für eine ganze Masse an Menschen. Mit dem Kauf von exklusivem Design erwerben wir dagegen gleichzeitig ein Stück Lebenszeit des Künstlers, die Aura des Künstlers kommt über das Objekt zu mir. Insofern würde ich sagen, dass in jedem Trend ein Gegentrend liegt: Die Gegenzielgerade Individualität bringt eine Wertschätzung dem Unikat, aber auch alten Erbstücken gegenüber mit sich.“

Aus diesem Grund hat die Wirtschaftskrise im Design-Sektor auch keine Auswirkungen gezeitigt, vielmehr gibt es eine deutliche Nachfrage nach hochwertigen, exklusiven Unikaten und qualitätvollem Design, das, wie Wirtz betont, „gerne auch Nachhaltigkeitskriterien standhalten darf“. Mit den Messen „art“ und „Eunique“ hat sich die KMK über Karlsruhe und den Landkreis hinaus den Ruf erworben, für ein kunstaffines Publikum attraktiv zu sein.

Mit der 2010 vorgenommenen Neudefinition der Geschäftsfelder, bei der der Bereich „Kreativwirtschaft einschließlich IT“ eingeführt wurde, unterstreicht die KMK dies noch. „art und Eunique sind zwei Paradebeispiele in diesem Geschäftsfeld, in dem ich auch den Bewegtbild-Kongress TV Komm. und die Tagung MediaNet@KA ansiedele, zwei Veranstaltungen, die sich mit den Veränderungen auseinandersetzen, die die neuen Medien mit sich bringen“, unterstreicht Britta Wirtz diesen Sachverhalt. Mit diesem Geschäftsfeld unterscheidet sich die Messe Karlsruhe außerdem deutlich von anderen Messen, was einem Alleinstellungsmerkmal gleichkommt.

„Die art wirkt dabei als Leuchtturm mit Strahlkraft. Für art wie Eunique spielt aber auch eine große Rolle, dass wir mit ZKM und HfG zwei großartige Plattformen für Potenziale vor Ort haben“, so Wirtz weiter. Diese werden an den Messetagen per Shuttle-Bus erreichbar sein, denn dieser fährt im 30-minütigen Takt nicht nur den Hauptbahnhof, sondern auch die HfG an, wo zeitgleich das 3D-Festival „Beyond“ stattfindet. Die KMK verfolgt für 2012 zum einen das Ziel, dem Anspruch, den die „Eunique“ als internationale Leitmesse für Kunsthandwerk und Design hat, erneut gerecht zu werden. Das heißt, die Qualität, die dieses Jahr erreicht ist, soll mindestens gehalten, wenn nicht sogar gesteigert werden. Zum anderen soll die Messe noch mehr im Bewusstsein der Stadt verankert werden, beispielsweise mit weiteren Partnern zusammen mit einem „Wochenende für Kunsthandwerk und Design“.

Dass die Messe heute bereits in die Stadt hineinwirkt, ist an den zeitgleich stattfindenden Aktivitäten der HfG ebenso zu sehen wie an der Aktion „KulturZeitRäume“, innerhalb derer weitere Kreativschaffende ihre Läden und Ateliers für eine ungewöhnliche Fotografie-Ausstellung öffnen. Ungewöhnlich deshalb, weil die Arbeiten von etwa 40 Fotografen über Karlsruhe verteilt in knapp 60 verschiedenen Geschäften zu sehen sein werden. Gespannt sein darf man also in jedem Fall auf die diesjährige „Eunique“ und das vielfältige Begleitprogramm zur Messe! Und eines ist sicher: Wer sich individuell einrichten möchte, Kunstwerke mit Gebrauchswert zu schätzen weiß und auf der Suche nach dem Besonderen ist, wird sicher auf der „Eunique“ fündig! -ChG

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