Flußpferde am Oberrhein

Kunst & Design // Artikel vom 21.06.2018

Flußpferde am Oberrhein (Fotos: SMNK)

Ein warmer Tag in den Rheinauen von Daxlanden.

Am Ufer grasen zwei Wasserbüffel. In ihrem Rücken schiebt sich zwischen den Bäumen ein Nashorn entlang und aus dem Fluss ragt der Kopf eines Flusspferds hervor. Solche Szenarien waren einst Alltag am Oberrhein – rund 100.000 Jahre bevor Karl Wilhelm hier eine Stadt gründete und ein Herr Tulla beschloss, den Rhein gerade zu biegen. Heute, im Frühsommer 2018, herrscht ein ähnlich reges Treiben am Oberrheingraben, genauer: im Karlsruher Naturkundemuseum. Dort liegt er nun als virtuelles Modell vor, und sogar das Daxlandener Nashorn ist immer noch dabei – in Form eines Schädelfundes aus dem 18. Jahrhundert.

Ansonsten zimmern und sägen hier die Schreiner vom Team von Viktor Sawall, die Ausstellungsdesignerin Anna Sieveking-von Borck misst den Raum ab, Präparator Tim Niggemeier macht je einen Stoßzahn von Wollhaarmammut und Waldelefant diebstahlsicher und seine Kolleginnen Elena Peter und Rike Zimmermann rühren Blumenerde, Walnussgranulat, Klebstoff und PCI mit Wasser an, um daraus den Boden für die ausgestellten Urzeittiere (bzw. die Modelle davon) zu gestalten.

Alle arbeiten parallel an der großen Landesausstellung „Flusspferde im Oberrhein – Wie war die Eiszeit wirklich?“. Mittendrin läuft einer hin und her und spricht mit allen Beteiligten: Dino Frey, Karlsruhes Vorzeige-Paläontologe, der die Ausstellung zusammen mit Ute Gebhardt fachlich begleitet. „Es war Teamwork von der ersten Sekunde an“, erzählt Frey. Die Geologin Ute Gebhardt,der Geologe Dieter Schreiber und der Präparator Wolfgang Munk entwickelten gemeinsam die Grundidee. „Hauptsächlich geht es um die Frage: Wie sah die Welt aus, bevor die Neuzeit begann?“

Die Flusspferde – ein Modell in Lebensgröße und ein Originalzahn werden zu sehen sein – sind dabei der eindrucksvolle Aufhänger, doch will die Schau nicht weniger, als über das Klima, die Geologie und die Ökologie eines ganzen Erdzeitalters informieren: Das Jungpleistozän. Zwischen circa 126.000 und 11.700 Jahren vor unserer Zeit wechselten sich damals Warm- und Kaltzeiten ab, auch am Oberrhein. Innerhalb dieser Phasen gab es zudem Jahreszeiten wie Sommer und Winter. „Die Ausstellung will die Lebenswelten der letzten Warm- und der letzten Kaltzeit zeigen – jeweils eine Sommer- und eine Wintervariante – und für eine ausdifferenzierte Wahrnehmung sorgen: Eiszeitalter heißt nämlich nicht, dass immer alles vereist war und nur Mammuts umhergezogen sind“, erklärt Anna Sieveking-von Borck. Den Flusspferden war es in den Kaltzeiten zu frostig – mit der letzten Kaltzeit zogen die Tiere in Europa aus und kamen in freier Wildbahn nicht mehr zurück. „So wurde Afrika zum Refugium für Flusspferde“, folgert Dino Frey, der sie dort selbst live gesehen hat.

„Sie sind aber genau derselben Spezies zuzuordnen wie ihre Vorfahren am Oberrhein.“ Deren Spuren, die sich hier heute noch finden, stammen zumeist aus Kiesgruben, zum Teil sind es gar beliebte Baggerseen. „Viele Funde werden von Badenden gebracht“, berichtet Frey. „Ein Problem sind die Saugbagger in größeren Kiesgruben, denn die hauen die Knochen klein und lassen sie im Schüttsieb zu Staub zerfallen. Die alten Schaufelbagger ließen die Funde kompletter.“ Dino Frey freut sich über „all die Kleinode, die wir hier zeigen“. Fast die komplette Ausstellung, von fossilen Pollen bis zum versteinerten Stoßzahn wird mit Exponaten aus dem Fundus des Karlsruher Naturkundemuseums bestückt. Die finden sich in beiden Räumen der Schau. Der erste, federführend von Ute Gebhardt betreut, erklärt die klimatischen und geologischen Bedingungen der Kalt- und Warmzeiten, wodurch sich auch unsere jetzige Phase der Erdgeschichte besser einordnen lässt: „Auch wir liegen in einem Klimazyklus drin, jetzt ist es wieder eine Warmzeit“, weiß Dino Frey.

Der zweite Raum widmet sich dann der Ökologie, zeigt lebensgroße Modelle von Tieren und bringt ihre Lebensweise näher. Beide Räume bedingen einander, denn „man kann die Eiszeitalter nicht verstehen, wenn man die Geologie nicht gesehen hat, das heißt, es wird eine Synthese aus dem hergestellt, was wir hier am Haus am besten können, nämlich: Interdisziplinär arbeiten.“ So ist auch das Team der Museumskommunikation um Eduard Harms involviert: Duftstationen für Kinder, Info-Inseln mit Touchmonitoren und Projektionsräume sorgen nicht nur für Wissen und Spaß, sondern auch für einen reizvollen Kontrast zu den urzeitlichen Exponaten. Fragt sich bloß, wer in 120.000 Jahren die Überreste eines Touchscreens am Oberrhein heben wird. Aber das wird dann Thema einer anderen Ausstellung sein. -fd

ab Do, 21.6., Naturkundemuseum Karlsruhe, Di-Fr, 9-17.30 Uhr, Sa/So/Fei 10-18 Uhr

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