Hans Baldung Grien

Kunst & Design // Artikel vom 12.12.2019

Zwei Hexen, 1523, Städel Museum, Foto: U. Edelmann

Ein seltsames Licht scheint auf die Frau, totenblass sind ihr Gesicht und ihre verschränkten Hände.

Wie ein Leichentuch umfließt sie ein weißes, weites Gewand, ein gelb leuchtender Heiligenschein umgibt ihren Kopf, flehentlich schaut sie nach links. Ein riesiges Schwert ragt aus ihrer Brust: Maria, die um ihren toten Sohn weint, das Schwert als Symbol für den Schmerz, den die „Mutter Gottes“ ertragen musste. Seltsame Perspektiven und neuartige malerische Bildfindungen hat Hans Baldung Grien immer wieder gewählt, die Heiliges und Profanes in eine Beziehung setzten, die man vorher nicht kannte. Oft schauen die Menschen direkt aus dem Bild, wie Adam und Eva in seinem Sündenfall von 1531, wo beide mit einem lasziven Schlafzimmerblick den Betrachter zum Voyeurismus aufzufordern scheinen.

Von hinten umfasst Adam die Frau, die sich an ihn schmiegt, und die Art, wie Eva den Apfel hält, lässt eher an einen sexuellen Akt denken. Da geht es nicht mehr um die Übertretung von Gottes Gebot, sondern es ist eine malerisch etwas unterkühlte Erotik, die aber, wie Kurator Jacob-Friesen sagte, zur Reflexion über die Gebote einlädt, zur Diskussion über Moral und Religion und die dunklen Abgründe der menschlichen Existenz: War vielleicht die Sexualität nicht die Folge, sondern die Ursache für die Vertreibung aus dem Paradies? Nicht genau zu verstehen sind auch die schrägen Blicke, die seine porträtierten Männer haben: Sind sie distanziert, listig, verschlagen, skeptisch?

Mit 62 Gemälden aus aller Welt hat die Kunsthalle zwei Drittel des Gesamtwerks von Hans Baldung Grien versammelt und wagt in einer grandiosen Ausstellung einen neuen Überblick, konfrontiert ihn mit Zeitgenossen wie Dürer oder Cranach und präsentiert neue Forschungsergebnisse. Vor allem aber einen neuen Blick auf diesen Ausnahmekünstler, der zu seiner Zeit als Nachfolger von Dürer galt, auf seine Brüche und Modernität. Chronologisch, aber auch gebündelt nach Themen wie Baldung als Zeichner oder Grafiker, die Vanitas- oder die Hexendarstellungen gibt sie einen sehr tiefen Einblick in diesen Künstler, der den grandiosen Freiburger Altar gestaltet hat. Eine Schau in der Jungen Kunsthalle um einen geheimnisvollen Holzschnitt Baldungs und das Skizzenbuch des Karlsruher Akademieprofessors Marcel van Eeden ergänzen die Ausstellung. -gepa

bis 8.3., Kunsthalle Karlsruhe

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