INKA-Interview mit dem neuen BLM-Direktor Prof. Eckart Köhne

Kunst & Design // Artikel vom 16.09.2014

Der neue Direktor des Badischen Landesmuseums, Prof. Eckart Köhne, stand INKA-Herausgeber Roger Waltz und Kunstredakteurin Dr. Chris Gerbing Rede und Antwort.

Seit Anfang Juli im Amt, zeigt Köhne bereits vorsichtig die Richtung auf, die das Landesmuseum mit ihm einschlagen wird.

Roger Waltz: Lieber Herr Köhne, schön, dass Sie sich die Zeit nehmen, sich mit uns zusammenzusetzen und unseren Lesern einen ersten Einblick in Ihre Tätigkeit in Karlsruhe zu gewähren. Gibt es denn bereits Projekte, über die Sie berichten können?
Eckart Köhne: Auch wenn ich natürlich vor dem „offiziellen“ 100-Tage-Interview Mitte Oktober nicht viel sagen kann, so viel schon: „Wilhelms Traum“ und die stadtgeschichtliche Ausstellung zum Stadtjubiläum werden 2014/15 stark prägen. Gerade mit „Wilhelms Traum“ werden wir neue Wege beschreiten: Die gesamte Ausstellungsfläche im Erdgeschoss des Ostflügels – damit übrigens genau da, wo sich früher das Theater befunden hat! – werden wir zur Experimentierfläche umgestalten. An vier, eventuell auch fünf Abenden wird das Museum anders erlebbar werden, werden die performativen Künste einziehen. Wir holen dafür den Hardtwald ins Museum, werden das ganze emotionale Spektrum, das der Wald bietet, in unser Haus holen und es dadurch auf komplett andere Art und Weise erfahrbar machen. Wir werden mit viel Licht, Video, Gesang und Live-Musik auf die veränderten Sehgewohnheiten des Publikums antworten, werden die natürliche Atmosphäre des Waldes erlebbar machen, indem es neblig wird oder Nacht. Das Museum muss sich verändern, dafür bedienen wir uns der medialen Möglichkeiten unserer Zeit. Beim „Traum“ wird entsprechend die Grenze zwischen Besucher, Zuschauer und Bühne fließend sein – es ist ein riesiger Spielraum, der sich uns auftut. Und ich denke, es ist zudem eine schöne Möglichkeit, Experimente zu realisieren, solange die Fläche nicht bespielt ist.

Chris Gerbing: Auch wenn Sie noch keine 100 Tage im Amt sind und diesbezüglich noch kein Resümee ziehen können, so sind Sie als Archäologe ja prädestiniert, sich den hiesigen Schausammlungen vermehrt zu widmen, richtig?
Köhne: Als Archäologe habe ich mich mit der klassischen griechischen und römischen Geschichte des Mittelmeerraums beschäftigt. Und hier gibt es ja vor allem dank Frau Horst Kooperationsverträge mit Italien und Griechenland, die uns wiederum Ausstellungsprojekte bescheren werden. Spaß machen würde mir eine Mykene-Ausstellung, die jetzt auf die Schiene gesetzt werden soll. Dafür ist die Kooperation mit Griechenland nötig, aber die Zeichen dafür stehen gut. Und meiner Meinung nach verdient die Türkenbeute mehr Aufmerksamkeit – Tatsache ist ja, dass sich die Nahtstelle zwischen Islam und Christentum gerade wieder auf den Balkan verlagert. Die Kollegen dort suchen nach Kontakten, die Zusammenarbeit ist dezidiert erwünscht. Eine Chance, die wir ergreifen müssen und die wir mit der Türkenbeute auch legitim ergreifen können! Osteuropa ist momentan eine sehr spannende Region, die – inklusive der Kultur – dabei ist, sich neu zu finden.

Gerbing: Mit dem Weggang von Herrn Siebenmorgen ist eine Ägide zu Ende gegangen. Wie viel Spielraum haben Sie überhaupt, in den nächsten Jahren wirklich Neues zu entwickeln?
Köhne: Harald Siebenmorgen hat mit seinen 22 Jahren Amtszeit das Badische Landesmuseum geprägt. Für die Zukunft hat er mir letztlich keine Themen hinterlassen und die Entscheidung über die Landesausstellung 2015 mir überlassen, wofür ich sehr dankbar bin. Schön finde ich, dass der Striegel-Altar (Foto nächste Seite) ab Mitte September wieder an seinem angestammten Ort in Salem in unserem neuen Zweigmuseum zu sehen sein wird. Unsere anderen Zweigmuseen leisten tolle Arbeit vor Ort, auch unter erschwerten Bedingungen wie derzeit im Museum beim Markt. Wissen Sie, Museen verändern sich ja permanent, weshalb es den Museumsmachern im Blut liegt, auf Trends zu achten. Karlsruhe hat einen hervorragenden Ruf, ist in vielen Bereichen sehr innovativ – ich freue mich, wieder in Karlsruhe zu sein!

Waltz: Sie haben gerade mit dem Museum beim Markt ein Stichwort geliefert. Gibt es sanierungs- und baustellenbedingte Schwierigkeiten im Betrieb?
Köhne: Mit dem Museum beim Markt hatten wir mehrfach Pech: zuerst mit dem Betonstaub, dann, als die Spundwände in den Untergrund gerammt wurden: Die Vibrationen haben sich auf die Sammlungsräume übertragen. Nun hoffen wir darauf, dass sich der Tunnelvortrieb nicht negativ auswirken wird. Natürlich müssen wir ein anderes Monitoring der dortigen Exponate machen, müssen kontrollieren, ob und wohin sie sich durch die Erschütterungen bewegen. Aber auch im Haus stehen Veränderungen an, denn unsere Technik ist veraltet, ob das jetzt die Heizung aus den 60er Jahren ist, die fehlenden Datenleitungen oder andere Anforderungen an die Klimatisierung. Hier kommt in den nächsten Monaten noch einiges an Planungsarbeit auf uns zu, wobei wir die im Haus anstehende Sanierung möglichst bald als Haushaltsbedarf anmelden möchten. Jetzt wird aber erst einmal die Fassadenrenovierung in den nächsten Monaten abgeschlossen werden, damit das Schloss zum Stadtgeburtstag wieder in vollem Glanz strahlen kann.

Waltz: Und der Stadtgeburtstag selbst?
Köhne: Zum Stadtgeburtstag liefern wir mit der großen Landesausstellung „Karl Wilhelm“ einen zentralen Beitrag und mit „Wilhelms Traum“ im November einen Prolog. Abgesehen davon müssen auch wir abwarten, wie die Veranstaltungen seitens der Stadt umgesetzt werden; hier werden wir gerne unterstützen, wo es notwendig ist. Neugierig sind wir auf die Eröffnungsveranstaltung, die Bühne wird riesig und unser Ausstellungsbetrieb wird trotzdem weiterlaufen. Da das Schloss mit zahlreichen Veranstaltungen im Schlosspark und der Fassadenillumination durch verschiedene Künstler in den Fokus rückt, sind wir mitten im Geschehen. Und wir sind auch zu vielem bereit!

Gerbing: Nun sind ja über Ihre privaten Bande Baden und Württemberg im Museumsbereich plötzlich ganz eng aneinander gerückt. Wird es Auswirkungen auf den Ausstellungsbetrieb haben, dass Sie mit der Direktorin des Württembergischen Landesmuseums verheiratet sind?
Köhne: Auf diese Frage habe ich schon gewartet! Aber wissen Sie, privat und beruflich trennen wir ganz entschieden. Wenngleich ein gemeinsames Auftreten natürlich sehr sinnvoll ist – schließlich haben „unsere“ beiden Museen mit dem Land Baden-Württemberg denselben Träger. Ich denke schon, dass auch gemeinsame Projekte sinnvoll sein können, gerade vor dem Hintergrund der Erfolgsgeschichte des aus Baden und Württemberg zusammengewachsenen Bundeslandes. Aber natürlich ist auch der Blick über die Grenzen, in die Schweiz und ins Elsass interessant. Und da die meisten unserer Besucher im Tagesausflugsabstand zu uns kommen, bieten sich hier ebenfalls spannende gemeinsame Themen an. Lassen Sie sich überraschen!

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