INKA-Kunst-Rundgang

Kunst & Design // Artikel vom 05.12.2021

Elsa & Johanna (Foto: Artis – Uli Deck)

Von Friedemann Dupelius.

Städtische Galerie: Elsa & Johanna

Sehr verblüffend kommt die Wandlungsfähigkeit von Elsa Parra und Johanna Benaïnous daher. Seit 2014 fotografieren sich die beiden Französinnen gegenseitig und nehmen dabei auf fast jedem Bild eine andere Rolle ein. Ihre erste Einzelausstellung in Deutschland präsentiert mehrere ihrer bis ins kleinste Detail inszenierten Fotoserien. Extra für die Städtische Galerie entstand „The Timeless Story Of Moormerland“, deren Motive die Künstlerinnen in Ostfriesland fanden. Dort lebten sie mehrere Wochen, saugten die Stimmung auf und nahmen die Rollen fiktiver BewohnerInnen für ihre Foto-Inszenierungen an. Dabei kam erstmals eine analoge Mittelformatkamera zum Einsatz, die für eine bislang untypische Patina sorgt. Mit Vintage-Mobiliar und -Accessoires, erstanden in Karlsruher Secondhand-Läden und in der Galerie verteilt platziert, holen Elsa und Johanna Elemente ihrer Fotos in den dreidimensionalen Raum. Es ist, als würde das Publikum die Bilder betreten, die zum Teil wie Filmstills (in der Serie „Beyond The Shadows“) wirken. Apropos: Mit „Tres Estrellas“ zeigt das Duo seinen ersten Film, gedreht auf Fuerteventura. Besonders berührt die frühe Fotoserie „A Couple Of Them“ im Erdgeschoss. Hierfür verwandelten sich Elsa und Johanna in Dutzende von Teenagern, die zwar oft stereotyp gehalten sind (das Goth-Girl, die Tussi, die Skaterin), aber in jedem einzelnen Motiv doch sehr authentisch wirken. Die Fotos packen emotional direkt zu und triggern die eigenen Teenie-Emotionen vergangener Tage. Auffällig ist die Zurückhaltung in emotionalen Zuständen, egal in welcher Serie: Die Gesichter verraten zwar Sehnsucht, Konflikt, Melancholie, Hoffnung, aber selbst die Teenies haben ihre Gefühle anscheinend unter Kontrolle, da ist kein Ausbruch in egal welche Richtung. Die subtile Spannung lässt es umso lauter knistern.

„Die Neuen Leipziger“ bei EnBW

Ein Bild wie Musik von Brian Eno, nicht nur des Titels wegen: Das einsame Sofa in Tim Eitels „Ambiente“ strahlt eine kühle Ruhe aus, wie es da in einer Lobby vor einer großen Glasfront steht. Dahinter sind Wasser und Wolkenkratzer zu sehen, auf der anderen Seite des Bildes plätschern die Wasserspiele der EnBW-Lobby – die kontemplative Atmosphäre ist perfekt. Ein Bild, typisch für die Neue Leipziger Schule: Klar im Motiv hält es sich doch bedeckt, der emotionale Ausdruck ist wichtiger als die eindeutige Lesart. Schnell wird beim Besuch der Leipzig-Ausstellung bei EnBW klar, dass sich diese Schule mindestens so stark durch ihre Diversität auszeichnet wie durch ihre Herkunft (ihr werden vor allem die Maler Neo Rauch und Arno Rink sowie ihre Studierenden an der HGB Leipzig zugerechnet). Fotografisch minutiöse Landschaftsgemälde (Michael Triegel) finden ebenso Platz wie die geometrisch strengen und zugleich bunt-extrovertieren Quadrate von Petra Ottkowski oder Olaf Nicolais „Gespräch“, ein Gemälde zwischen philosophischem Modell und Maschinenbauplan. Die Leipziger „Urväter“ selbst sind mit Frauenporträts zwischen Akt und Traum (Rink) und Ölgemälden aus der Serie „Marineschule“ (Rauch) vertreten. Die Werke gelten als künstlerische Zeugnisse des historischen Umbruchs (ab) der Wendezeit in Deutschland. Dass diese subjektiv sehr divers verarbeitet wird, ist so wenig überraschend wie künstlerisch eindrücklich.


Kunst in der Innenstadt: Achim Fischel im Segafredo & Galerie Oh

Die Erbprinzenstraße ist zum Jahresende eine verkappte Kunstmeile geworden. Seinen Beitrag dazu leistet Manuel Kolip mit der Galerie Oh, die bis Ende 2021 im zweiwöchentlichen Wechsel verschiedene künstlerische Positionen ausstellt. Mitte November zeigte die ehemalige Wasmuht-Meisterschülerin Franziska Wolff eine Serie farbkräftiger Arbeiten. Die Formen und Schichten muten zunächst digital erzeugt an, wurden aber mit Sprühfarbe auf Polyester und Papier gebannt. Knallt das noch oder kontempliert man schon? Irgendwie beides. Schräg gegenüber im Café Segafredo gedenkt man dem Anfang 2021 gestorbenen Achim Fischel. Galerist Axel Demmer widmet dem Karlsruher Tausendsassa eine Gedächtnisausstellung, die sich vor allem auf seine reduzierten und ausdrucksstarken Köpfe und Figuren konzentriert.

Die Neuen Leipziger kommen: bis 31.12., EnBW, Durlacher Allee 93, Karlsruhe; Elsa & Johanna: bis 13.3., Städtische Galerie; Galerie Oh: bis Jahresende, Erbprinzenstr. 26, www.manuelkolip.de; Achim Fischel: bis 16.1., Café Segafredo, Karlsruhe

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