John Sanborn: Erforscher des Menschseins

Kunst & Design // Artikel vom 02.08.2022

John Sanborn (Foto: Felix Grünschloß)

„I am worried about my career, my legacy, everything.“

Zaudert John Sanborn in seiner Arbeit „360 Degrees“. 2004, der Künstler war gerade 50 Jahre alt, hatte Sanborn eine herbe berufliche Enttäuschung zu verdauen, der er Herr zu werden versuchte, indem er täglich ein Video drehte. Auf sieben im Kreis angeordneten Bildschirmen fliegen die Träume, Wünsche und Zweifel des Medienkünstlers umher, begleitet von Promis der frühen 2000er und privaten Familienvideos.

„360 Degrees“ befindet sich in der Mitte der Sanborn-Ausstellung „Between Order And Entropy“ im ZKM. Sie spreizt sich von den videokünstlerischen Anfängen des US-Amerikaners ab 1978 bis zu seinen jüngsten Arbeiten. Davor hat man einen Eindruck von der ungebremsten Entdeckerlust des jungen Sanborn gewinnen können. Laut, bunt und musikalisch gestalten sich die ersten Räume, in denen sich die Sounds der einzelnen Arbeiten durchdringen – manchmal nervig, aber wahrscheinlich pure Absicht. Highlights sind die TV-Oper „Perfect Lives“ mit Robert Ashley (1983), ein Video für Musik von Philip Glass („Act III“, 1983) und das buchstäbliche Musikvideo „Ear To The Ground“ (1982) – es vertont keinen Song, sondern der Performer Kit Fitzgerald erzeugt die Musik selbst im Bild, indem er wild in New York herumklöppelt.

Im Laufe der Jahrzehnte wird Sanborn ruhiger und nachdenklicher, aber nicht weniger neugierig. Er vermengt griechische Mythologie mit Queerness, Tanz und Parfümwerbung-Ästhetik („V+M“, 2015) oder reflektiert über seinen „Alterszorn“ (2017). Im letzten Raum mündet alles in verspielte Paradoxie: Während wir in „A Dog Dreams (Of God)“ (2022) die Welt aus der Perspektive eines Hundes sehen, brennen auf den Screens daneben in der Arbeit „And In Conclusion“ (2021) Wälder und die Erde scheint unterzugehen. Darüber musste Friedemann Dupelius mit John Sanborn sprechen.

INKA: John Sanborn, der letzte Raum Ihrer ZKM-Ausstellung ist sehr emotional und widersprüchlich: Wie finden Sie Hoffnung und Leichtigkeit in der oft so ernsten Realität? Man könnte ja leicht fatalistisch werden…
John Sanborn: Über meine ganze Karriere hinweg war ich immer ein Erforscher des Menschseins. Das fasziniert mich: Wie wir uns und unser Leben definieren; wie wir besessen davon sind, Geschichten zu erzählen; wie wir die Welt philosophisch kartieren, um zu überleben, zu lieben und zu vertrauen. Ich huldige dem Physischen, dem Emotionalen und dem Intellektuellen – immer garniert mit einem Sinn für Humor. Meine frühen Arbeiten sind neugierig, nicht wertend. Es sind Experimente in Form, Struktur und Inhalt. Als Videokünstler konnte ich Zeit und Raum verändern, um die Welt so darzustellen, wie ich sie sah, und zu formulieren, wie sie meiner Meinung nach sein sollte. Jetzt, da ich älter bin, fühle ich mich verstört von den Problemen auf der Welt. Mir scheint es aber nutzlos, das Offensichtliche zu betonen oder banale Lösungen anzubieten. Freude ist für mich ein sinnvolleres Mittel. Ich möchte Kunst machen, die gefühlvoll und auch ein wenig absurd ist. Mein Menschenbild ist nicht nur positiv, aber ich habe Hoffnung in mir. Ich sehe überall Schönheit und Freundlichkeit – besonders bei meinen Hunden. Und ich möchte, dass das Publikum das auch spürt. Wir sind oft sehr angstgetrieben – doch um uns herum ist Freude. Man muss sich bloß bücken und seinen Hund streicheln.

INKA: Wie kam es, dass Sie von Adobe und Apple als Berater engagiert wurden? Und wozu haben Sie den Firmen geraten?
Sanborn: Als ich 1990 von Kalifornien nach New York zog, hatte die digitale Desktop-Revolution gerade begonnen und ich war mittendrin. Über einen Freund bekam ich grafikbeschleunigte Videoaufnahmekarten und Monitore, dazu eine Apple-CPU – so konnte ich Videos aufnehmen, digitalisieren und mit der ersten Version von Adobe Premiere bearbeiten. Ich war wie elektrisiert: Plötzlich konnte ich Arbeiten erstellen, von denen ich zuvor nur geträumt hatte – und das ganze zuhause, im Bademantel! Adobe, Apple und weitere Firmen wurden auf mich aufmerksam und wollten genau zwei Dinge von mir: Feedback für ihre Hard- und Software – und Auftragswerke, die sie bei Messen auf der ganzen Welt zeigen konnten.

INKA: Auf den ersten Blick haben Sie sich in sehr unterschiedlichen Welten bewegt. Haben das Silicon Valley, MTV und die Kunstwelt mehr gemeinsam, als man denken würde?
Sanborn: Auf meinen verschlungenen Pfaden hat man mir oft gesagt, zu kommerziell für die Kunstwelt und zu arty für die kommerzielle Welt zu sein. Für mich ist alles Kunst, was ich mache. Das bin alles ich. Mein Lehrer Nam June Paik flößte mir die Freiheit ein, Formen und Inhalte frei zu kombinieren und zu kommunizieren, was ich will. Unabhängig vom Ort möchte ich die Menschen zum Denken, Fühlen und Antworten anregen.

bis 30.10., ZKM-Lichthof 1+2, Karlsruhe

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