Landpartien Nordschwarzwald

Kunst & Design // Artikel vom 24.05.2019

Blick vom Alten Schloss auf Baden-Baden und seine Umgebung, Farblithografie von Lemercier nach einer Zeichnung von Eugène Ciceri. Paris, 1864, Foto: Stadtmuseum Baden-Baden

Vier Ausstellungen in vier Stadtmuseen.

Gleich in drei einstige Badische Residenzen führt das Ausstellungskonzept „Landpartien Nordschwarzwald – Vier Ausstellungen in vier Stadtmuseen“: Nach Baden-Baden, Rastatt und Karlsruhe-Durlach; dazu kommt der Altersruhesitz der Markgräfin Sibylla Augusta in Ettlingen.

Von Rastatt ins romantische Murgtal
„In Rastatt ist die Festung und das ist Badens Glück“ wird im „Badnerlied“ gesungen, aber viele sind 1848/49 in der Festung nicht wirklich glücklich geworden. Von der Festung ist nicht mehr wirklich viel übrig geblieben. Heute ist die Stadt immer eine Reise wert. Die beeindruckende Schlossanlage Markgraf Ludwig Wilhelms, das geschlossene barocke Stadtbild und die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten historischen Ereignisse machten Rastatt schon im 18. Jhr. zum Reiseziel. Gerne legen Durchreisende von Basel und Straßburg an der Poststation eine Pause ein, was sich auch in zahlreichen Reisebeschreibungen zeigt. Ende des 18. Jhr. beginnt man auch die Umgebung zu erkunden, fährt von Rastatt zum Lustschloss Favorite und in das vordere Murgtal. Die pittoresken Städtchen, abwechslungsreichen Wanderwege und schroffen Felslandschaften locken die Romantiker. Es entstehen Badeeinrichtungen in Rothenfels und Gernsbach, die, mit Blick auf Baden-Baden, die Attraktivität steigern sollten. Während das biedermeierliche Rastatt als Sitz des Hofgerichts und des Mittelrheinkreises an Bedeutung gewinnt und Fremde anzieht, beendet der Festungsbau (1842) die kurze Blütezeit. Die Ausstellung gliedert sich in fünf große Themenblöcke, die Rastatt als Reiseziel im 18. und 19. Jhr. bis zum Festungsbau darstellt, die Entwicklung von Favorite zum Besuchermagneten und die Entdeckung des zauberhaften, landschaftlich abwechslungsreichen Murgtals als „badische Schweiz“ im 19. Jhr. Gezeigt wird eine Vielfalt an malerischen Ansichten, Reiseberichten und mehrsprachigen Reiseführern, Reiseandenken und -erinnerungen, Fotografien, Gästebücher und Objekte, die das kulturgeschichtlich spannende Thema illustrieren. Mitte Juni wird zudem eine Begleitausstellung in der Historischen Bibliothek Rastatt eröffnet.
Von Rastatt ins romantische Murgtal: 24.5.-2.2.2020, Stadtmuseum Rastatt; Reisende und Reiseziele in der Geschichte: 14.6.-2.2.2020, Historische Bibliothek Rastatt

Durlach: Der Turmberg ruft
Wir kommen zur Endstation der kurzweiligen Reise oder zum Anfangspunkt, je nachdem, wo man die Kulturtour beginnt: Nach Durlach. „Von dieser Natur-Scene, besonders bey Sonnen-Auf- und Untergang, vermag die Feder kein vollendetes Gemälde zu geben“. So beschrieb Theodor Hartleben im Jahr 1815 den Blick vom Turmberg. Nicht nur ihn zog der Berg in seinen Bann. Bis heute gilt der Turmberg als das Karlsruher Ausflugsziel schlechthin. Und geheiratet wird auf dem Turmberg inzwischen auch häufig. Das Pfinzgaumuseum widmet sich dem Durlacher (und seit 1938 auch Karlsruher) Hausberg. Im Zentrum steht die touristische Nutzung und Erschließung des Turmbergs seit dem 19. Jahrhundert. Vielfältige Ausstellungsstücke zeigen, wie der Turmberg zu der Attraktion wurde, die er bis heute ist. Die Präsentation spannt den Bogen von der Entdeckung des Turmbergs als Ausflugsziel, seiner Erschließung durch den Bau von Gaststätten und der Turmbergbahn 1888, den Veränderungen bis hin zur heutigen Nutzung durch Besucher von nah und fern. Und immer noch ist die Turmbergbahn die älteste Standseilbahn Deutschlands. Kein Wunder, dass Ausstellungsmacher Ferdinand Leikam ins Schwärmen kommt: „Die enorme Vielfalt an Postkarten und Souvenirs macht deutlich, dass sich der Turmberg auch schon früher sehr großer Beliebtheit als Ausflugsziel erfreute“.
1.6.-1.12., Pfinzgaumuseum, Karlsburg, KA-Durlach

Baden-Baden
Verfallene Ruinen aus vergangenen Jahrhunderten, einsame Waldtäler, Wasserfälle und ein pittoresk inmitten dieser Landschaft gelegenes Städtchen bedienen die Sehnsüchte der Menschen im Zeitalter der Romantik. Im frühen 19. Jhr. wird die Bäderstadt als Reiseziel neu entdeckt. Erst mit der Kutsche, später per Dampfschiff und Eisenbahn, strömt ein internationales Publikum ins Oostal. Im Verlauf weniger Jahrzehnte entwickelt sich Baden-Baden zum mondänen Weltbad mit sehr gut ausgebauter touristischer Infrastruktur. Während der Saison übersteigt die Zahl der Gäste die der Einwohner um ein Vielfaches. Adel und Bürgertum, Regenten und Politiker, Maler, Musiker und Schriftsteller, Kokotten und Hasardeure – für sie wird der Besuch Baden-Badens zum gesellschaftlichen Muss. Neben dem Kulturangebot, dem Glücksspiel und Vergnügungen aller Art gewinnt für die Reisenden im 19. Jhr. der Aufenthalt in der Natur an Bedeutung. Spaziergänge und Wanderungen, Kutschfahrten und Sport im Freien sind en vogue. Zu den heute noch bekanntesten Besuchern jener Ära zählen Dostojewskij, der seine Erlebnisse in der Spielbank in den Roman „Der Spieler“ einfließen ließ, Iwan Turgenew, der großes Interesse an Schach hatte und 1870 ein internationales Schachturnier organisierte und die Komponistin und Pianistin Clara Schumann. Auch Victor Hugo, Brahms und Richard Wagner fühlten sich hier pudelwohl. Von der Begeisterung vieler Russen für die Stadt und die Region zeugt heute noch die Russische Kirche (1880 gebaut).
Reise ins Weltbad: 18.5.-10.11., Stadtmuseum Baden-Baden

Ettlingen und das reizvolle Albtal
Das liebliche Albtal, ganz im Norden des Schwarzwaldes, zwischen Ettlingen und Bad Herrenalb gelegen, wurde im 19. Jhr. von Wanderern und Bildungsreisenden als lohnendes Reiseziel entdeckt. Romantische Klosterruinen, Erholung und Heilung versprechende Bade- und Luftkurorte lockten die Reisenden an. Der frühe Ausbau einer breiten Talstrecke für Postkutschen und ab 1898 die Bahnlinie von Karlsruhe über Ettlingen nach Herrenalb schufen die Infrastruktur, um die Sommerfrischler bequem ans Ziel zu bringen. „Die Ausstellung erinnert an den Beginn des bürgerlichen Reisens in unsere Region – raus aus der Stadt und hinaus aufs Land in die Sommerfrische. Abseits von heutigen Erlebnispfaden oder Abenteuer-Tracks fördert sie dabei Erstaunliches und längst Vergessenes zutage. Auf diese Weise lernen die Besucher die Stadt und das Albtal aus einer völlig anderen Perspektive zu sehen und können die schöne Umgebung neu entdecken. Und wer wusste, dass es in Ettlingen noch vor 100 Jahren Wintersportangebote zum Rodeln und Skifahren gab?“ So bringt es Museumsleiterin Daniela Meier auf den Punkt. Reiseutensilien, Reiseführer und -berichte, Gemälde, Grafiken, Modelle von Kutschen, Souvenirs wie eine große Anzahl Ansichtskarten, mit Sehenswürdigkeiten, schönen Spazierwegen und schicken Promenaden, die in alle Welt verschickt wurden berichten vom großen und kleinen Glück des „Unterwegs-Sein“. -hs
Ettlingen und das reizvolle Albtal: 29.5.-27.10., Museum Ettlingen, Schloss

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