Lisa Bergmann: Einsatz für eine gerechtere Kunstwelt

Kunst & Design // Artikel vom 01.06.2021

Lisa Bergmann (Foto: Karolina Sobel)

Die Künstlerin Lisa Bergmann studierte an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung und der Nürnberger Kunstakademie.

Als Vorstandsmitglied des BBK (Bundesverband Bildender KünstlerInnen) Karlsruhe setzt sie sich für gerechtere Arbeitsbedingungen in der Kunst ein. Davon würde letztlich die ganze Gesellschaft profitieren. Friedemann Dupelius sprach mehrmals mit Lisa Bergmann, hier in einigen wesentlichen Punkten zusammengefasst.

INKA: Was ist eine Ausstellungsvergütung und warum brauchen wir sie?
Lisa Bergmann: Eine Ausstellungsvergütung ist die Bezahlung Bildender KünstlerInnen für die Bereitstellung ihrer Arbeiten in Ausstellungen, insbesondere in solchen, die sich nicht um Verkauf der Arbeiten bemühen, sondern der Entspannung und Bildung des Publikums dienen. Für Leistungen, die im Zusammenhang mit der Konzeption und Durchführung von Ausstellungen entstehen, ist es nicht üblich, Künstlern Vergütungen zu bezahlen. Dabei macht das für viele den größten Teil ihrer selbstständigen und freiberuflichen Arbeit aus. 65 Prozent der selbstständigen Künstler können daher nicht von ihrer Arbeit leben; die meisten müssen sich durch andere Jobs über Wasser halten. Wir sprechen hier von Menschen, die jahrelang studiert haben und auf einem professionellen Niveau künstlerisch arbeiten. Es ist ein Gewohnheitssystem, das oft nicht hinterfragt wird.

INKA: Es scheint, als trifft das romantische Ideal vom allein für sich schaffenden Genie heutzutage auf neoliberale Vorstellungen vom Selbstunternehmertum?
Bergmann: Künstler werden immer mehr zu Managern ihrer selbst. Man muss sein Instagram-Game aktiv halten, seine Öffentlichkeitsarbeit betreiben, seine Vermarktung übernehmen – und das alles in einer Person, unbezahlt. Wenn ein Theater das Budget für sein Stück kalkuliert, sind dort selbstverständlich Honorare für Schauspieler, Technik, Regie usw. einkalkuliert. In vielen Projekt- und Förderanträgen in der Bildenden Kunst darf man ein eigenes Honorar aber nicht beantragen, sondern lediglich Sachkosten. Wenn etwa die Stadt in ihrer Projektförderung davon ausgeht, dass man das Geld für seine Leistung aus einer fremden Quelle bekommt, ist das ein strukturelles Problem.

INKA: Woher kommt die Vorstellung, dass Künstler von Verkäufen alleine leben sollen?
Bergmann: Als hauptsächlich Malerei und Skulpturen im Auftrag des Adels oder der Kirche angefertigt wurden, konnten Künstler wirklich davon leben. Sobald aber das Bürgertum mit seinen Salons im 19. Jahrhundert ermöglichte, Kunst zu sehen, ohne sie privat zu besitzen, klaffte das Verhältnis von Kauf und Arbeit auseinander. In der Musik gibt es Aufführungsrechte, die etwa die GEMA verwaltet. In der Kunst ist die Bezahlung urheberrechtlicher Leistungen immer noch nicht durchgesetzt, obwohl mit den Paragraphen 18 und 31 im Urheberrechtsgesetz verankert.

INKA: Über welche Zahlen sprechen wir denn bei der Ausstellungsvergütung? Was sollten Künstler pro Ausstellung verdienen?
Bergmann: Es gibt Institutionen, die zahlen 2.000 Euro für eine Einzelausstellung. Zum Vergleich mit einem freien Theater: Am HAU in Berlin erhält ein Ensemblemitglied – ein Schauspieler von mehreren – für drei Wochen Proben 3.500 Euro und für jede Aufführung mindestens 250 Euro. Bei drei Monaten Vorbereitungszeit für eine Einzelausstellung, die eine Künstlerin quasi als Regisseurin umsetzt, mit vollständig eigenem, originalem Material, käme dementsprechend ein völlig anderer Betrag heraus. Viele Häuser würden den Künstlern auch gerne mehr zahlen, doch brauchen sie dafür angepasste Budgets. Es muss in der Bildenden Kunst genau wie an den Theaters Usus werden, die Urheber, um die sich das ganze Ausstellungsgeschehen ja eigentlich dreht, angemessen und lebenswert zu bezahlen, und diese Summe von Anfang an in den Budgets einzukalkulieren. Anhand der Zahlen der vorsichtigen Empfehlungen der BBK-Leitlinie wurde ermittelt, dass es 311.000 Euro im Jahr benötigen würde, um eine minimale Ausstellungsvergütung für Künstler in Karlsruhe zu gewährleisten. Da käme man im Schnitt auf 530 Euro pro Ausstellung pro Künstler. Derzeit stehen pandemiebedingt 2,1 Millionen Euro im Kulturhaushalt der Stadt frei, die noch nicht verbucht sind. Wir hoffen, dass der Gemeinderat 300.000 Euro davon für die Ausstellungsvergütung einplant. Kommunen machen mit ihren städtischen Ausstellungsorten den größten Teil der Auftraggeber aus. Wir wünschen uns, dass sie ihre Verantwortung erkennen und die bestehende Gerechtigkeitslücke schließen. Und wir hoffen sehr, dass Karlsruhe seine Entscheidungsspielräume von selbst wahrnimmt. Auf bundesweite Entscheidungen verwiesen zu werden, die momentan absolut nicht absehbar sind, ist sehr entmutigend für uns.

INKA: Über den Antrag der Links-Fraktion zum Thema Ausstellungsvergütung bei der Gemeinderatssitzung vom 20.4. wurde letztlich gar nicht abgestimmt, es gab lediglich Stellungnahmen der verschiedenen Parteien. Wird es in näherer Zukunft eine neue Chance für eine Weichenstellung in Richtung Ausstellungsvergütung geben?
Bergmann: Ich hoffe sehr, dass sich die Fraktionen jetzt zusammensetzen und einen gemeinsamen Antrag entwickeln. Viele kulturpolitische Sprecher, mit denen wir in den vergangenen Wochen Kontakt aufgenommen haben, zeigten sich nach einer Erklärung der Situation sehr verständnisvoll. Neben der Ausstellungsvergütung ist auch in Sachen Infrastruktur für Kunst und Künstler in Karlsruhe noch einiges zu tun. Es gibt viel zu wenige Atelierräume und oft sind sie zu teuer. Karlsruhe braucht ein transparentes Atelierprogramm. Auch ein zentral gelegenes Atelierhaus, das als Treffpunkt dient, wäre extrem wichtig – zum Beispiel in der Alten Feuerwache. Dabei haben wir das seltene Glück, dass es gleich zwei Kunsthochschulen in dieser Stadt gibt, beide vom Land finanziert. Die Stadt kann noch sehr viel tun, dem Nachwuchs dieser Branche – die immerhin fünf Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten vor Ort stellt – gute Startbedingungen zu verschaffen. Es gibt aber seit Kurzem auch positive Entwicklungen, wie die Bemühungen des Gemeinderats um Probe- und Atelierräume in Bulach und auf dem Rotag-Gelände. Das ist ein erster Hoffnungsschimmer.

INKA: Die Zeit der Solokämpfe ist vorbei. Wie vernetzt du dich bei deinem Einsatz für eine gerechtere Kunstwelt?
Bergmann: Ich bin im Bündnis für eine gerechte Kunst- und Kulturarbeit in Baden-Württemberg (www.dasbuendnis.net, d.Red.), das sich 2020 gegründet hat. Künstler und Kuratoren, Vertreter aus freier Szene genauso wie aus Institutionen arbeiten dort an gemeinsamen Forderungen. Auch in Karlsruhe bin ich Teil eines Bündnisses. Zusammen mit den Initiativen ato.black, die Anstoß und Panorama treffen wir uns regelmäßig und suchen den Kontakt mit Akteuren und Gemeinderäten. Unser kulturelles Angebot sucht die Resonanz in der Bevölkerung. Wir bieten Entspannung, Unterhaltung und Bildung. Menschen können an unserem Programm, das von Ausstellungen über Musik-Veranstaltungen und Festivals reicht, unabhängig von Verdienst, Bildungsstand und Sprachniveau teilhaben. Ich wünsche mir, dass man in der Stadtverwaltung diesen Schatz erkennt, denn wenn man unsere Besucherzahlen sieht, hat das unser Publikum schon längst getan.

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