Nilbar Güreş

Kunst & Design // Artikel vom 16.05.2019

Kein Mann ist auf ihren Fotos zu sehen, und doch sind sie oft anwesend.

Als der dritte Bosporustunnel gebaut wurde, wurden Menschen enteignet, deren Grundstücke auf der Route lagen. Aber diesmal bekamen nicht nur die männlichen Hausbesitzer Geld, sondern auch die Frauen, die dort wohnten. Die türkische Künstlerin Nilbar Güreş inszenierte daraufhin an der Baustelle für ihre Fotos kuschlige Familientreffen nur mit Frauen und eine lesbische Verlobung. Auch in anderen Arbeiten spielt sie mit Erwartungen und bekannten Symbolen: Im Heimatort ihres Vaters fotografierte sie eine Imkerin, die ihre Schutzkleidung trug, über ihrem Helm lag das Kopftuch. Sexarbeiterinnen in Brasilien lichtete Güreş ab, indem sie sie mit christlicher Ikonografie (Schlange, Dornenkrone) umgab oder in einem Yogakopfstand zeigte, wobei das Kopftuch auf den Füßen ruhte. Mit leichter Ironie setzt sich Güreş mit dem Patriarchat in der Türkei auseinander, ohne das Regime auch politisch zu kritisieren.

Ihrer geschlechtsumgewandelten Freundin Didem widmet sie eine mehrteilige Arbeit, die von ihren vielen Verletzungen erzählt, u.a. muss man durch einen fleischfarbenen Vorhang gehen, der von der anderen Seite grob bestickt ist, wie Narben sehen die Stiche aus. Mit Malerei, Fotografie, Film, Performance, Collage und Zeichnung versucht sie, Momente der Solidarität und des Widerstands einzufangen, stellt tradierte Geschlechterverhältnisse infrage und sucht nach Formen weiblicher und queerer Selbstermächtigung. Ergänzt wird diese bisher größte Werkschau in Deutschland mit einer kleinen Ausstellung von türkischen Künstlern, die oft direkter politisch vorgehen und z.B. an die Demonstrationen im Gezi-Park erinnern. -gepa

bis 23.6., Badischer Kunstverein, Karlsruhe

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