Plakatkunst an der Litfaßsäule

Kunst & Design // Artikel vom 01.09.2021

Dear Deer Art Conspiracy – „Power Of Failing“ (Foto: Stefan Jehle)

Es gibt eingebürgerte Begriffe im Sprachgebrauch, die sich auf konkrete Familiennamen zurückführen lassen.

Der Schrebergarten etwa, Kleinod für manchen Stadtbewohner, geht auf Moritz Schreber zurück. Die Litfaßsäule gibt es, weil Ernst Litfaß, ein Berliner Druckereibesitzer und Verleger, 1854 die erste „Annoncen-Säule“ aufstellen ließ. Litfaßsäulen gehören in Städten zum gewohnten Bild – auch wenn deren Bedeutung in digitalen Zeiten wohl abnimmt.

In Karlsruhe zählt man 270 solche Säulen, die regelmäßig mit Plakaten beklebt werden. Dazu kommen noch jene, die mit einer Art Klappfenster versehen, geöffnet werden können und die Werbematerialen vor Wind und Wetter schützen. Dann kam Corona: In den vergangenen Monaten waren auch in der nordbadischen Stadt viele diese i.d.R. mehr als drei Meter hohen und im Umfang bis zu vier Meter messenden Säulen vor allem von weißen Flächen geprägt: Kaum jemand wollte Außenwerbung betreiben, Termine – vor allem im kulturellen Bereich – fanden lange Zeit keine statt.

„Die weiße Litfaßsäule ist eine tolle Fassade“, hatte der Karlsruher Künstler Markus Jäger bereits im vergangenen Jahr für sich entdeckt. Vorigen Sommer startete er sein Projekt „Mann mit Hut“, mietete großflächig 90 solche Litfaßsäulen; vom Typ „Ganzstellen“. Für ihn die Möglichkeit, drei identische Bilder rundum auf die Säule zu kleben, mit einer Höhe von 3,6 Metern und jeweils 1,2 Meter breit. Im Juli startete er ein zweites Projekt, mietete diesmal 180 „Allgemeinstellen“, Säulen, die auch von anderen genutzt werden, um jeweils ein Plakat im Format DIN A1 aufzubringen. Seit Januar entwarf er dazu Schwarz-Weiß-Zeichnungen, 100 Stück exakt, die er über die Stadt verteilen ließ. Jäger griff zeitaktuelle Motive auf, die ins Auge fallen – QR-Codes, Künstliche Intelligenz und Klimawandel gehören ebenso dazu, wie „Überbrückungshilfen“, wovon er selbst als Künstler betroffen war.

Die Motive erinnern an Scherenschnitte. „Nachttiere im Warteraum“, heißt sein Projekt in diesem Sommer, das er selbst aus einem (von seinem Sohn animierten) Instagram-Auftritt entwickelte und für das sich auch inzwischen ein Berliner Kunstverlag interessiert. Ein Antrag zu einer Kostenbeteiligung, für eine Hängung auf Stuttgarter Litfaßsäulen läuft derzeit. „Die Schwarz-Weiß-Zeichnungen hängen mitten in einem lärmenden Farbrausch“, sagt er. Die Idee gäbe es nicht ohne Corona. Ziel für ihn war es, „mit einfachen Symbolen verständliche Kunst zu produzieren“. Für ihn war die Aktion „sehr hilfreich, um aus dem Corona-Loch herauszukommen“.

Auf zwölf der sogenannten „Ganzstellen-Litfaßsäulen“, von denen es 90 in Karlsruhe gibt, ist ein weiteres, gleichartiges Projekt der Künstlerinitiative achteintel.org fokussiert. Es handelt sich um Werke von sechs KünstlerInnen: Carolin Segebrecht, Dear Deer Art Conspiracy, Chiharu Koda, Dome, Jana Gruszeninks und Michael Gibis. Da geht es um Comics, Graffiti, Malerei und Collage, hochgezoomt auf Plakatgröße. Als Plakatkunst an der Litfaßsäule. Koda befasst sich an einer Säule, nach dem Zooeingang „West“ mit Hirsch- und Nashornkäfern. Bei anderen geht es um „eingetopfte Sonnenblumen“ oder wie bei Dear Deer Art am anderen Ende des Zoos bei der Ettlinger Straße um eine Hommage an Disneys „Bambi“, mit Rehskizzen. Die Laufzeit der Hängungen war bis 12.8. zeitlich begrenzt; sobald ein neuer Mieter für Außenwerbung auftritt, werden die Plakate wieder überklebt. -sj/pat

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