Respektive Peter Weibel

Kunst & Design // Artikel vom 08.10.2019

Selbstportrait als Frau, 1967, Automatenfotos, Archiv Peter Weibel

Die Kraft der Teilchen im Weltgewebe.

Der 75. Geburtstag, 20 Jahre Leitung und 30-jähriges Bestehen des ZKM– Anlass genug für Peter Weibel, sich von seiner künstlerischen Seite zu zeigen. Mit „Respektive Weibel“ präsentiert das ZKM nun erstmals das Gesamtwerk des Medien- und Konzeptkünstlers von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Ob visuelle Poesie, experimentelle Literatur, Performance oder Video- und Computerinstallation – der Blick auf seine Arbeiten verrät: Die Konstruiertheit von Welt(en) ist allgegenwärtig – eine Erkenntnis, die für Weibel immer Kritik und Schöpfungsimpuls zugleich ist.

Ausstellungsrezension von Michaela Mansuroglu

Kollegen, Wegbegleiter und Freunde des ZKM-Chefs aus aller Welt, darunter Lynn Hershman Leeson (Künstlerin, USA) und William M. Johnston (Historiker, Australien), wohnten dem multimedialen Eröffnungsakt bei (27.9.): Anekdoten aus dem ZKM-Betrieb boten einen unterhaltsamen Einblick in die Zusammenarbeit mit Weibel – ein Loblied auf das kreative Chaos. Staatsekretärin Petra Olschowski erinnerte sich an Weibel ihren Hochschullehrer zurück, während der digital verfremdete Ministerpräsident Winfried Kretschmann via Videobotschaft mit von der Partie war.

Das kuratorische Dreiergespann Judith Bihr, Clara Runge, und Philipp Ziegler sowie Anett Holzheid (Wissenschaftl. Referentin, ZKM) erschienen passend zu Weibels Postulat, der Welt als Krankenhaus – dem Herzstück der Ausstellung – in Ärztekitteln. Um sich im Namen der Stadt Karlsruhe bei Weibel, „dem Systemsprenger“, für sein Wirken zu bedanken, ergriff auch Oberbürgermeister Frank Mentrup die Gelegenheit. Unmittelbar vor Eröffnung der Respektive hatte er über den SWR verkündet, den Nachfolger für die ZKM-Leitung zeitnah ernennen zu wollen. Das Bündnis zwischen ZKM und Weibel soll 2020 enden, obwohl eine Verlängerung des Vertrags, von beiden Seiten gewünscht ist. Doch ob die Petition und öffentliche Fürsprachen etwas bewirken können, sei laut Weibel noch offen.

Eine Führung der besonderen Art gab es vom Künstler selbst (26.9.): Neben Fotografien aus der Zeit des Wiener Aktionismus – Weibel auf allen Vieren angeleint von Valie Export (1968) – sind auch neuste Installationen zu sehen: Über eine 3D-Kamera erfasste Bewegungen verwandeln Klavierstücke alter Meister in neue, audiovisuelle Kompositionen – der Besucher als „Music Passanger“ (2019). Die Werkserie „Scanned Objects“ und „Scanned Sculputres“ (1990-2015) beweist: Die Synthese von Kunst und Wissenschaft ist der Nährboden für Innovationen. In gleiche Teile zersägte Gegenstände, wie Türen und TV-Apparate, werden mit Plexiglasscheiben getrennt zu beliebig dreh- und messbaren Objekten – ein Verfahren, das die 3D Drucktechnik vorwegnahm und die Rückführung des Digitalen in die Objektswelt ermöglicht. Spielerisch hinterfragt Weibel die Identifizierbarkeit von Bild und Abbild und führt das Publikum dabei buchstäblich „hinters Licht“: Das Wort „Possible“ erscheint als Leinwandprojektion. Wird das Licht des Projektors jedoch beim Passieren des Ganges verdeckt, bleibt „Possible“ sichtbar – die Entlarvung der Klebebuchstaben wird zur gewitzten Verkehrung des Höhlengleichnisses Platons.

Nach Weibel bedarf es oftmals nur der Korrektur einer falschen Grundannahme, um scheinbar Unmögliches möglich zu machen. Während die zwei Stativkameras von „Meta-Photographie“ (1989) mit ihrem Autofokus nichts anderes im Sinn haben als sich selbst – auf den Spuren des Eigenlebens der Apparate – ist für „Das tangible Bild“ (1991) der Rezipient die fehlende Variable einer Ästhetik der Partizipation: Die Grenze zwischen Mensch und Maschine neu auslotend beteiligt Weibel die Besucher an einem kontinuierlichen Erkenntnisprozess. „Zur Dialektik der Gesch(ich)te“ (1990) zeigt zwei an der Wand befestigte Holzstühle. Auf dem einen ist das Wort „ICH“, auf dem andren „GESCH TE“ eingraviert: Vor dieser Arbeit verweilend, erklärt Weibel, dass jeder einzelne, ein solches Teilchen im Weltgewebe ist und es vermag – egal wie klein – die Geschichte zu beeinflussen.

bis 8.3.2020, ZKM, Karlsruhe

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