„Sind Sie ein biophiler Mensch?“

Kunst & Design // Artikel vom 04.07.2022

Peter Weibel (Foto: ZKM/Felix Grünschloß)

Interview mit Peter Weibel, Künstlerisch-wissenschaftlicher Vorstand des ZKM.

Der Begriff der Biophilie klammert über die Jahre 2020 bis ’22 die letzte, große Ausstellungsserie von Peter Weibel als Künstlerisch-wissenschaftlicher Vorstand des ZKM mit den Projekten „Critical Zones. Horizonte einer neuen Erdpolitik“, „Bio-Medien. Das Zeitalter der Medien mit lebensähnlichem Verhalten“, „The Beauty Of Early Life. Spuren frühen Lebens“ sowie „Sommerer & Mignonneau – The Art Work as A Living System“. Peter Weibel verlässt nach 24 Jahren das ZKM zu Ende März 2023. Das Interview aus dem „ZKM-Jahrbuch“ führte Tanja Binder, die vor ihrem ZKM-Engagement u.a. Redakteurin beim Mannheimer Stadtmagazin „Meier“ war.

Sie haben im vergangenen Jahr den Begriff der „Biophilie“ programmatisch thematisiert. „Biophilie“ ist altgriechisch, bios heißt das Leben und philia die Liebe. Was bedeutet die Biophilie für Sie?
Peter Weibel: Für mich ist es sehr wichtig, dass wir im ZKM die sozialen Themen der Gegenwart mit der Kunst, Wissenschaft und Technologie verbinden. Aktuell leben wir in einer Zeit der Krisen, die unser Leben direkt verunsichern. Die Corona-Pandemie hat unser gesellschaftliches Leben lahmgelegt. Gemeinsam mit der Klimakrise, der Krieg gegen die Natur, ist nun für jeden sichtbar, dass das Leben des Menschen auf diesem Planeten sehr gefährdet ist. Auch der aktuelle Ukraine-Krieg macht uns die Fragilität des Lebens sehr bewusst. Das Programm der Biophilie lautet: Liebe zum Leben in Zeiten des Krieges.

In dem Sinne, dass man eine positive Vision für die Zukunft finden muss?
Weibel: Ja – unbedingt! Wir leben im Zeitalter des Anthropozäns, was den negativen Einfluss des Menschen auf die Erde bezeichnet. Klimakrise ist ein Euphemismus für das Wort Menschheitskrise. Denn der Planet Erde wird weiter bestehen, wie sehr sich auch das Klima ändert. Auch das Klima wird weiter bestehen. Das Leben auf der Erde selbst wird nicht untergehen und die Erde auch nicht. Aber ob der Mensch den selbstverursachten Klimawandel überlebt, das ist die Frage. Wir müssen aufpassen, dass das Artensterben nicht eines Tages auch den Homo Sapiens trifft. Wir haben gelernt, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Nun müssen wir lernen, dass der Mensch nicht der Mittelpunkt der Erde ist. Das Anthropozän bedeutet das Ende des Anthropozentrismus und des anthropischen Prinzips. Die Welt wurde nicht für den Menschen gemacht, sondern für alle Lebewesen. Und vor allem durch alle Lebewesen. Das ist auch der Grund, warum es den Menschen überhaupt gibt. Wir müssen lernen, dass wir nur ein Glied in einer langen Kette von Lebewesen sind, ohne die wir Menschen nicht leben können. Das Leben ist also ein symbiotischer Prozess. Wir sind Leben, das leben will, inmitten von Leben, das auch leben will. Daher müssen wir aufhören, andere Leben zu töten, anderen Lebewesen das Leben zu nehmen. Das ist das neue Paradox: Wir Menschen können heutzutage die Natur in einer Art und Weise domestizieren, wie noch nie zuvor – und gleichzeitig gefährden wir damit unsere eigene Lebensgrundlage.

Welche Rolle sehen Sie in diesem Zusammenhang für die Kunst?
Weibel: Die Kunst selbst hat sich durch die technische Entwicklung von einem ästhetischen Phänomen zu einem ontologischen und epistemischen Phänomen weiterentwickelt. Ontologie ist die Lehre von dem, was da ist. Epistemologie ist die Lehre dessen, was wir wissen über das, was da ist. Durch die Entwicklung von Werkzeugen, also Technologie, haben wir nicht nur unser Wissen erweitert über das, was existiert, über Naturprozesse, sondern wir haben auch den Horizont dessen erweitert, was da ist, nämlich durch neue Geräte haben wir neue Dinge geschaffen. Ontologie und Epistemologie entwickeln sich also wechselseitig beschleunigt, wie auch das Universum beschleunigt expandiert. Nicht nur unser Wissen wird durch die Medientechnologie erweitert, sondern durch Medientechnik sind KünstlerInnen auch imstande, Dinge herzustellen, die es zuvor auf der Erde nicht gab und dadurch neue Erfahrungen und Erkenntnisse zu ermöglichen. Wenn wir z.B. in die Ausstellung „Biomedien“ schauen, sehen wir dort Künstler, die neue Dinge geschaffen haben – wie der „Empathy Swarm“ von Katrin Hochschuh und Adam Donovan, „Agents“ von Ludger Brümmer und Yasha Jain oder „Algorithmic Swarm Study“ von Random International. Die bisherige Kunst, wie Malerei und Skulptur, konnte die Formen von Lebewesen mimetisch nachmachen, aber nicht deren Wachstum, Wandel und Funktionen. Mit der Einführung der Filmtechnologie konnte erstmals das Bewegungsphänomen imitiert werden. Es entstanden die Bewegtbildmedien, welche nicht nur die Illusion der Bewegung zeigten, sondern durch Farbe und Ton sehr nahe an eine Imitation des Lebens rückten. Die interaktiven digitalen Kunstwerke von heute gehen weit über das Bewegungsphänomen hinaus und zeigen eine Vielfalt von Funktionen des Lebens. Sie können vermöge von Sensoren, Schnittstellen, genetischen Algorithmen, künstlicher Intelligenz, elektronischer Speicherung usw. ein lebensähnliches Verhalten aufweisen. Sie sind biomimetische Medien. Sie sind neue Mitwesen, künstliche Lebewesen. Im historischen Augenblick, wo das natürliche Leben durch die anthropozänischen Lebensumstände gefährdet ist, beginnt die Forschung nach einem künstlichen Leben als Escape-Button aus der planetarischen Krise. Die Kunst hat immer wieder die Fähigkeit gezeigt, ein seismografisches Alarmsystem zu sein. Als solches weist sie uns darauf hin, dass es nicht die Aufgabe der Menschheit ist, „Guardians Of Galaxy“, sondern „Guardians Of Gaia“, Hüter und Hirten des Seins, zu sein. In der Ausstellung „Critical Zones“ (2020-21) hat das ZKM gezeigt, auf welch dünnem Biofilm, nämlich der Erdkruste von 15 Kilometer Höhe und 15 Kilometer Tiefe, das Leben aller Lebewesen existiert, und dass wir Menschen nun dabei sind, das Erdsystem, diese „kritische Zone“ – so der Titel der Ausstellung – zu zerstören. Wie bei jedem Patienten versuchen wir nun durch ständige Messungen die Krankheit unter Kontrolle zu halten, denn der Planet Erde ist der wichtigste Patient. Die Ausstellung „The Beauty Of Early Life“ zeigt anhand wissenschaftlicher und künstlerischer Exponate in einer Koproduktion vom Naturkundemuseum Karlsruhe und ZKM wie vor Milliarden von Jahren das Leben entstand.

Das ZKM widmet sich gleich in vier großen Ausstellungen der Biophilie. Was ist die Idee dahinter?
Weibel: In den vergangenen Jahren waren die übergeordneten Themen des ZKM die Globalisierung und Digitalisierung – diese Themen sind nun abgehandelt und im Mainstream angekommen – auch dank unserer Aktivitäten. Das neue gesellschaftlich relevante Thema ist meiner Meinung nach nun die Biophilie. Mein Anliegen aber ist langfristiger: Ich möchte die Biophilie als neue interdisziplinäre wissenschaftliche Disziplin etablieren, von der Architektur bis zur Molekularbiologie. Bisher kennt man die Philosophie und man kennt die Biowissenschaften. Aber ich denke, man muss ein neues Lebenskonzept einführen – eine erweiterte Form der Biowissenschaften, der Lebenswissenschaften: die Biophilie eben.

Sind Sie ein biophiler Mensch?
Weibel: Absolut. Das Leben ist das Kostbarste, was es gibt. Wir leben in einem Universum mit Milliarden von Galaxien und jede Galaxie hat Milliarden von Sternen. Und nur ein einziger Stern, unser Planet, hat Leben. Das ist doch ein unglaublicher Planet, ein unglaublich singuläres Ereignis, ein absolut winziger Punkt des Lebens in einem unendlichen lebensfeindlichen Universum. Ich bin daher persönlich so entsetzt, dass das Leben nicht respektiert wird – weder das der Menschen noch das der Tiere. Was sind wir für eine lebensfeindliche Gesellschaft! Wir haben in den letzten hundert Jahren so viele Menschen aus rein politischen Gründen in Kriegen umgebracht, circa 220 Millionen. Ich denke, ein Problem ist, dass die Menschen durch die Religion geglaubt haben, immer den Blick nach oben richten zu müssen, von oben, vom Himmel die Erlösung zu erwarten. Doch der Himmel jenseits der Wolken ist lebensfeindlich, ohne Luft zum Atmen und eiskalt. Wir leben von der Erde, auf der wir stehen. Es ist grotesk und widersinnig von oben, vom Himmel, das Heil zu erwarten und die Verdammnis, die Hölle, nach unten zu verlegen, auf die Erde, von der wir leben. Das sind ideologische Verzerrungen von Jahrtausenden, deren Vorzeichen wir nun radikal verändern müssen.

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