(Un)endliche Ressourcen?: Kunst über Verwendung & Verschwendung

Kunst & Design // Artikel vom 22.05.2020

Foto: Kristof Kintera, Postnaturalia (Detail), 2016_17, courtesy the artist

Eine höchst aktuelle Frage bildet den Titel der wiedereröffneten großen Sonderausstellung in der Städtischen Galerie.

Mal direkt, mal diskret sehen sich die „(Un)endliche Ressourcen?“-BesucherInnen in den „Künstlerischen Positionen seit 1980“ mit Auswirkungen menschlichen Handelns auf unseren Lebensraum konfrontiert. Ebenso mit der Wahrnehmung von Natur – und wie beide miteinander wechselwirken.

Eine Ausstellungsrezension von Janine Hack

Ein sehr präsentes Thema ist dabei (Kunst aus) Müll. Es entstehen einzigartige Stücke, die allerdings auch die Frage nach Entsorgung und Recycling der Materialien außerhalb der Kunst aufwerfen. Charrière und Canell beschäftigt die (Um)wandlungsfähigkeit von Materialien – hier wirft die Kunst ganz praktische Fragen auf und begibt sich damit in die Nähe der Wissenschaft. Beide warnen schon seit Jahrzehnten vor den Folgen unseres schnellen Konsums. Und beide wiesen in der Geschichte schon häufig in die richtige Richtung.

Klara Lidén zeigt ein Objet trouvé, ein Fundstück, das vom immer und überall anfallenden Abfall erzählt. Was zuerst Schmunzeln lässt, regt auch zu stirnrunzelndem Nachdenken an: Über Verantwortung und Verpackungsmüll und – mit Schrecken – über die Normalität, die wir angesichts allgegenwärtiger Mülleimer empfinden. Auch andere Künstler greifen das Thema auf: Tony Cragg, der bereits 1981 den Plastikmüll thematisierte, und Markus Jäger in Zusammenarbeit mit dem 2018 gestorbenen Bernhard „Onuk“ Schmitt, die sich das Material für ihre ästhetischen Fotocollagen vom Karlsruher Recyclinghof vorsortieren ließen. So dokumentieren sie die Nachhaltigkeit und Langlebigkeit alltäglicher Artikel. Man identifiziert sich spontan mit den dargestellten Abfällen und dem damit verbundenen Konsum, weswegen Jäger und Schmitt angelehnt das Kunstprojekt „recycling-world.eu“ 2015 Cover und Rubrikenaufmacher des damals noch kreisrunden INKA Cityguides Einzelhelden gestaltet haben.

Auch Joseph Beuys findet seinen Weg in die Ausstellung: Er machte Anfang der 80er auf die Gefahr von Industrieabfällen im Rhein aufmerksam. Was einst eine Warnung war, kann heute als Hoffnungsschimmer verstanden werden. Im Rhein schwimmen wieder Fische, eine Entwicklung, die von Protesten der Bevölkerung angestoßen wurde. Und von der Kunst, die mahnt: Auch unberührte Natur ist eine endliche Ressource!

Der Begriff der unberührten Natur wiederum wird von Björn Braun und Krištof Kintera infrage gestellt: Die beiden beschäftigen sich in aufwändigen, multimedialen Werken mit Veränderungen, die die Umwelt durch den Menschen erfährt. Braun geht dabei auf die Tierwelt, Kintera auf die Flora ein, der Mensch bleibt als Störfaktor außen vor – und stört am Ende vielleicht nur sich selbst? Dieser Blick auf unseren Lebensraum ist ungewöhnlich, überraschend und längst nicht der einzige Gedanke hinter diesen Werken.

Überrascht sind wir auch angesichts der Täuschungen, die die Künstler sich zunutze machen: Alicja Kwade spielt mit dem Wert verschiedener Rohstoffe und lässt dabei Humor durchblicken. Den findet man auch bei Georg Herold. Sigmar Polke zeigt fotografisch einen Goldglanz, der vielleicht täuscht. Was uns vor die ernsthafte Frage stellt, woran wir Wert messen wollen. Charrière und Greenfort laden zu Perspektivwechseln ein und fordern unsere Wahrnehmung von Schönheit und Natur heraus.

Auch ein gewisser Optimismus findet in der Ausstellung Platz: Michael Beutler formt mit Altpapier gestopfte Würste zu einem kleinen, bunten Haus. Schaut man zum Fenster hinein, erwartet man beinah spielende Kinder im Inneren. Eine andere Form von Leichtigkeit schafft Nándor Angstenberger. Unwirkliche Wolken und Schlösser sowie eine Vermischung von Architektur und Relief verzücken den Betrachter. Das Weiß und die vielfältigen Recycling-Materialien wirken futuristisch, geradezu funktional. Erkundungen von Nah und Fern versetzen in ein andauerndes Staunen. Und so bewegt sich „(Un)endliche Ressourcen?“ zwischen Wunsch und Warnung; einem starken Gegensatz, der zu Vielschichtigkeit führt. Die Schau liefert Denkanstöße in sehr verschiedene Richtungen, jedoch immer mit Blick auf die Probleme unserer Zeit.

KünstlerInnen-Liste
Nándor Angstenberger, Bernd und Hilla Becher, Michael Beutler, Joseph Beuys, Björn Braun, Nina Canell, Julian Charrière, Tony Cragg, Tue Greenfort, Andreas Gursky, Georg Herold, Roni Horn, Markus Jäger/Onuk, Kristof Kintera, Susanne Kriemann, Alicja Kwade, Klara Lidén, Agnes Märkel, Marlie Mul, Sigmar Polke, Klaus Rinke, Lois Weinberger

Seit 6.5. ist die Städtische Galerie Karlsruhe nach fast zweimonatiger Schließung wieder für das Publikum geöffnet. Zunächst ist das Erdgeschoss mit der großen Sonderausstellung „(Un)endliche Ressourcen?“ zugänglich, deren Vernissage nur wenige Tage vor dem Corona-Shutdown stattgefunden hatte. Seit 9.5. können auch die weiteren Präsentationen in den Obergeschossen besucht werden. Die Ausstellung „Florian Köhler. Tschau Agip“ im ersten OG wird bis zum 12.7. verlängert. Die Schau „Peter Ackermann – Verrätselte Architekturen 1965-1999“, deren Eröffnung für Ende April geplant war, musste wegen der Pandemie kurzfristig verschoben
werden. Sie ist nun seit 13.5. im zweiten OG der Galerie zu sehen. Die Ausstellung der Hanna-Nagel-Preisträgerin 2020 „Peco Kawashima. Encounters“ wurde hingegen um ein ganzes Jahr in den Mai 2021 verlegt. Veranstaltungen, Führungen, die Kinderwerkstatt am Sonntag oder die Museumsnachmittage für Eltern und Kinder können aufgrund des Infektionsrisikos aktuell nicht stattfinden. Zum Schutz der Besucher unterliegt die Öffnung zudem einigen Auflagen: So dürfen sich nicht mehr als 50 Personen gleichzeitig in den Ausstellungsräumen aufhalten und das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung ist obligatorisch. Aus diesem Grund ist der Eintritt in die Städtische Galerie kostenlos.

bis 13.9., Mi-Fr 10-18 Uhr, Sa+So 11-18 Uhr, Städtische Galerie Karlsruhe, Eintritt frei
www.staedtische-galerie.de

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