UND #9

Kunst & Design // Artikel vom 20.07.2017

Marika & Leopard

Weit über 30 Kunstinitiativen, viele aus Deutschland, aber auch aus Polen, Bulgarien oder Moskau, beteiligen sich bei der UND#9, hinzu kommen eine Vielzahl an Performancekünstlern, Musikern und Cross-Media-Akteuren, die zusammen für die größte jährliche Werkschau der Karlsruher Independent-Szene zwischen Kunst, Performance und Musik sorgen.

Da die Dragonerkaserne für das Badische Konservatorium umgebaut wird ist dies die letzte UND in dieser quasi idealen Location: Sie bot bei der letzten Ausgabe viel Raum für Kunst, aber auch für Konzerte und Performances. Auch 2017 darf man sich trotz – oder wegen – der ungewöhnlichen Terminierung mitten im Sommer parallel zum „Fest“ wieder auf einige Tausend Besucher freuen.

Sechs ist Neun, die UND keine Parallel-Veranstaltung mehr zur „art“ und überhaupt bleibt bei der Off-Kunstmesse vieles in Bewegung. So ist die Herkunft Karlsruhe schon länger kein Kriterium mehr, bei der UND auszustellen – genauso wenig muss das eigene Projekt über einen „Space“ verfügen oder schon jahrelang bestehen. Damit reagieren die Veranstalter auf die heutige künstlerische Schaffenspraxis, in die sich zunehmend auch einmalige, kurzfristige oder temporäre Projekte und Kollaborationen einschleusen. Trotzdem – oder vielmehr: gerade der Vielfalt wegen – dürfen langjährig etablierte Räume nicht fehlen. Die produzentenbetriebene Poly-Galerie existiert seit mittlerweile schon 16 Jahren in Karlsruhe und ist personell eng mit der UND verwoben – nicht zuletzt durch Joachim Hirling, einer der Köpfe hinter der Ausstellung und selbst wieder als Poly-Künstler mit von der Partie. Mit Malerei und Fotografie, Grafik und Plakat, Installation, Keramik und nicht zuletzt Computergrafik von gleich elf Beteiligten stellt sich die Produzentengalerie sehr breit auf.

Sie ist es aber auch, die für neue Akzente von außen sorgt: Im Mai noch stellte das russisch-weißrussisch-usbekische Duo Marika & Leopard bei Poly in der Viktoriastraße aus, nun wird es kurzerhand rüber zur UND transferiert. Seine zwei Mitglieder Marika Krasina und Anton Kryvulia interessieren sich für so allerhand: Theorie, Abstraktes und Philosophisches inspiriert ihre Kunst. Ideen zu einer Phänomenologie der Menge oder dem sozialen Körper können als Malerei oder Installation genauso Gestalt annehmen wie als Webseite oder Kurzfilm. Auch Sound gehört zu den Forschungsgebieten von Marika & Leopard, womit sie eine von wenigen Ausnahmen auf dieser Schau darstellen. Eine weitere Facette der beiden versprechen ihre Performances zu offenbaren (s. Performance-Programm).

Aus Karlsruhe, Freiburg, Halle, Berlin, aber auch Moskau, Sofia und Danzig kommen die Künstlerinnen und Künstler der UND #9. Auch unter den zahlreichen Beteiligten aus Karlsruhe – viele davon mit Kunstakademie-Background – sind unterschiedlichste Herkünfte vertreten, von der Türkei bis Japan. Hiroshi Oka und Rina Kurihara etwa haben vor ihrem Studium an der Karlsruher Akademie bereits einen Art Space im japanischen Kumamoto betrieben. Auf der UND zeigen sie eigene Arbeiten, die aus dem Alltag schöpfen – ob in Kuriharas Zeichnungen und Collagen, die versteckte Alltäglichkeiten enthüllen, oder bei Okas abstrahierten Porträt-Zeichnungen, denen Facebook-Profile Unbekannter zugrunde liegen. Neben vielen Neuzugängen und externen Gästen ist auch wieder jede Menge Inventar der Karlsruher Off-Szene auf der Schau vertreten: Hinter Multi Tool stecken die seit Jahrzehnten aktive Galeristin Margit Haupt und die Kunsthistorikerin Dr. Maria Männig.

Mit Christof Kohlhöfer hat das Duo einen Künstler eingeladen, der das Politische in seiner Arbeit vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage neu auf seine Wichtigkeit hin hinterfragt. Der Circus 3000 zieht vom Schlachthof, wo erst zuletzt der „Conspiracion Boogie“ in einer großen Gruppenausstellung getanzt wurde, in die Dragonerkaserne. Mit dabei sind Simone van gen Hassend, Ulrike Tillmann, Herbie Erb, Marcel Vangermain und Ondine Dietz, die wiederum auch hinter der Neuen Fledermaus steckt. Gemeinsam mit dem Maler Jean-Michel Dejasmin vertritt die Schriftstellerin und Künstlerin den erst Ende 2015 ins Leben gerufenen Ort im ehemaligen Künstlerviertel des „Dörfles“. Die Multifunktions-Mini-Event-Location Kohi, die jährlich mehrere Ausstellungen am Werderplatz zeigt, hat ein internationales Line-up mit Gästen aus u.a. Holland (Kiki Lamers) und den USA (Erin Currier) zusammengestellt und zeigt Malerei, Plakate und Grafik.

Eng verbunden mit der Südstadtlocation ist auch Tom Boller, der seit letztem Jahr nur ein paar Häuser weiter seine „Uhrnikate“ nebst eigener und fremder Kunst in seiner Ladengalerie präsentiert. Innerhalb kurzer Zeit hat sich das Kollektiv Nordbecken – für den gemütlichen Karlsruher eigentlich unerreichbar fern am Rheinhafen gelegen – im hiesigen Kunst-Leben verankert. Quasi direkt im Anschluss an das eigene Sommer-Festival macht die künstlerbetriebene Location mit Nemanja Sarbajic und Constanze Zacharias rüber gen Osten. Auch der junge Verein „die Anstoß“ belebt Karlsruhe noch nicht lange, hat aber spätestens mit dem Bezug seines ßpace am Kronenplatz Ende 2015 einen festen Raum für unterschiedliche Veranstaltungskonzepte zur Verfügung. Auf der UND richtet der ßpace einen Loungeroom ein.

Noch frischer ist der Projektraum Rochade, mit dem der Bildhauer Wolfgang Rempfer sein privates Atelier Anfang 2017 zum temporären Ausstellungsort umfunktioniert hat – er präsentiert mit Matthias Schleifer, Gözde Bulakeri, Jana de Jonge und eigenen Werken Künstler aus gleich mehreren Generationen. Das Spektrum ihrer Arbeiten reicht von Fotografie über Skulpturen bis zu Kunst mit starkem Einbezug von Text. Neben diesen Spaces und langfristig operierenden Kollektiven stehen lose Karlsruher Zusammenschlüsse wie etwa das Duo Stein & Zeit. Aus den Gefilden der HfG entsprungen, entwickeln Pia Matthes und David Loscher Performances und Installationen mit enger Anbindung an Musik und Klang. Dieter Paul – noch 2015 während der „Globale“ im ZKM zu sehen – und Renate Schweizer machen gemeinsame Sache unter dem Motto „Akten und andere Hinterlassenschaften“. Ihre Arbeiten erzählen von unseren Spuren wie Abfällen und deren potenzieller Neuverwertung. Karolina Jarmolinska und Irma Chacall nähern sich menschlichen Gegenübern auf intime Weise. Chacall ergründet, warum sich ein Mensch überhaupt fotografieren lässt und Jarmolinskas Aktzeichnungen erforschen das Verhältnis zwischen Körpern und dem Ausdruck von Emotionen. Der festzustellende kleine Ost-Schwerpunkt der UND #9 manifestiert sich nicht zuletzt durch die Gruppe 3-city.

Maja Tybel, Juna Tcherevatskaia, Piotr Szwabe und Irek Tybel kommen aus Danzig, Moskau und Karlsruhe und stellen sich mit grafischen Arbeiten und Musikperformances vor. Die Karlsruherin Constanze Greve hat mit Tihomira Krumova, Simeonan Gaitandjiev und Zoia Stoyanova gleich drei KünstlerInnen aus Sofia eingeladen. Der Schwerpunkt liegt auf Grafik. Aus dem Osten der Republik, genauer: aus Halle an der Saale, reisen Svenja Hinzmann und Thomas Weber an. Ihre Installation „Feed Back“ spielt mit der veränderbaren Form eines Gebildes aus Gummischläuchen, die das Publikum eigenhändig mit Luft vollpumpen kann. Das Ergebnis der eigenen Tätigkeit am Werk wird aber nur indirekt sichtbar sein... Alle 31 ausstellenden Initiativen mit ihren rund 140 Beteiligten wiederum kann dieser Text unmöglich sichtbar machen. Macht aber nichts, denn auf der UND lassen sie sich alle auffinden – und so kann man einen vielseitigen Querschnitt des außer-institutionellen Kunstschaffens in Karlsruhe und weit darüber hinaus mitnehmen. -fd

Vernissage: Do, 20.7., Einlass 19 Uhr, 20-4 Uhr; Fr, 21.7., 16-4 Uhr; Sa, 22.7., 16-4 Uhr; So, 23.7., 13-20 Uhr, Dragonerkaserne, Karlsruhe, Eintritt: 4 Euro, (16-20 Uhr Eintritt frei)
www.und-1.de
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