Von Wallhacks und Wechseljahren

Kunst & Design // Artikel vom 12.12.2019

„Wallhack“ heißt der Cheat, in einem Videospiel durch Wände schauen, womöglich sogar durch sie hindurchgehen zu können.

Unter moralisch edlen Gamern wird natürlich nicht gecheatet. Um die Bilder des Malers Dave Bopp in ihrer Komplexität wahrzunehmen, braucht es jedoch geschätzte fünf Wallhacks am Stück. Na ja, wann war Kunst zuletzt moralisch? Der Absolvent der Stuttgarter Kunstakademie stellt derzeit im Foyer der EnBW aus (zur Vernissage in dessen Inneres zu gelangen war by the way ohne Cheat umzusetzen) und deutet an, dass sich in seine Werke tief blicken lässt. Schicht um Schicht trägt er Farbe, Lacke und Chemikalien auf die Leinwand, um sie daraufhin ausschnittsweise freizulegen. In einem Spiel immer anderer Formen, Konturen, Anordnungen und Maltechniken offenbaren sich wortwörtlich vielschichtige Farblandschaften, die wie ein Computer-Screen Dreidimensionalität anteasen, letztlich aber notgedrungen flach bleiben müssen.

Zu erkennen könnten da sein: Florale Gebilde, eine Art digitaler Neonschimmelpilz, ein hoffnungslos überbelichtetes Foto von Karneval bei Nacht. Letztlich aber stellt die Malerei sich selbst dar. Mitunter strahlen die Riesenbilder so kräftig und hell, dass das Auge schon dafür dankt, wenn der sich unter dem 15 Quadratmeter großen „Gemea“ sanft wiegende EnBW-Wasserkanal die Farben des Bildes im Spiegelbild abdämpft und die Konturen verwischt. Manche Kanten bei Dave Bopp sind derart renderscharf, dass sie gar nicht „nur“ gemalt sein können. Der Künstler macht kein Geheimnis draus, tatsächlich auch digitale Wallhacks vorzunehmen, indem er den Computer als Hilfsmittel im Malprozess benutzt.

Während das Eröffnungspublikum mit Quiche, Rotwein und Tannenzäpfle die Wallhacks ausführt, heißt es für den rasenden Kunstreporter: weiter in den Badischen Kunstverein. Dort spricht mit Joanne Bland, auf Einladung des Künstlers Jeremiah Day (Ausstellung ab 7.2. im BKV), eine bewundernswerte Persönlichkeit über ihr Leben und vor allem im Dialog mit dem zahlreich versammelten Publikum. Die 67-Jährige aus Alabama wurde mit acht Jahren Teil der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King und gründete 1993 das National Voting Rights Museum in ihrer Heimatstadt Selma. Ihre Erzählung, wie sie als Elfjährige bereits 13 Inhaftierungen erlebt hat und wie sie ihre Mutter verlor, weil diese vergeblich auf eine Transfusion mit „schwarzem Blut“ warten musste, macht wütend. Bland selbst versprüht an diesem Abend Energie und humorvollen Biss. Ob sie optimistisch in die Zukunft blicke, wird gefragt. Bland meint: „In der heutigen Gesellschaft ist alles auf ,sofort‘ gepolt. Es ist schwer, einem Kind zu erklären, wie viele Jahre wir für unsere Erfolge gebraucht haben. Wir haben einen langen Weg hinter uns. Ich weiß, dass sich seit meiner Kindheit und Jugend viel verändert hat und deshalb gebe ich nicht auf. Wir können etwas verändern, ich weiß es!“

Kurzer Reifenwechsel und weiter geht’s in Jo Hartmanns Daxlandener Autowerkstatt, u.a. bekannt für ihren sorgsamen Umgang mit Oldtimern. Zwischen Hebebühne und Ford Mustang hängen hier derzeit Fotografien von Beate Nedovic. Für Runde zwei ihres Projekts „Verletzlichkeit und Reife“ führte die Künstlerin Gespräche mit Männern in der zweiten Lebenshälfte, um sie anschließend zu porträtieren. Wie schon bei den Frauen im Vorgängerprojekt ging es auch hier ums Älterwerden, um Sehnsüchte, Gefühle, Intimes. Man sieht es den Fotos an, dass sie nicht geschossen wurden, um sich gut im Bewerbungsschreiben zu machen. Gerade darin liegt aber umso mehr Ehrlichkeit. Es blicken keine künstlich selbstbewussten Alphas von der Werkstattwand.

Keine Pokerfaces, keine Fassade – ortsspezifisch formuliert: Nedovic holt das empfindliche Innere hinter der lackierten Karosserie hervor. Vorsichtig, stolz, freundlich, sanft, schelmisch, nach innen gekehrt oder gar die Augen geschlossen birgt jedes Gesicht neue Facetten. Die scharfen Kontraste zwischen Beleuchtung und dunklem Hintergrund auf den Schwarz-Weiß-Fotos lassen Poren, Falten, Brusthaare und Leberflecke auf den nackten Schultern als das sichtbar werden, was sie sind. Beate Nedovic nahm keine Greise vor die Linse, die Männer haben noch einiges vor sich. Aber auch Twingos werden älter, wie in Jo Hartmanns Werkstatt ersichtlich wird. „Von 30 bis 55 geht’s sauschnell“, weiß der Mechaniker. „Das merkt man erst hinterher.“ Ob es die Wechseljahre beim Manne wirklich gibt, ist umstritten, und irgendwie auch egal. „Der Golf braucht ’nen Ölwechsel!“, instruiert Jo Hartmann seinen Mitarbeiter. -fd

Ateliereinblicke. Dave Bopp „Wallhack“: bis 21.2., EnBW-Foyer · Vernissage Jeremiah Day: Do, 6.2., 19 Uhr, 7.2.-19.4., Badischer Kunstverein · Beate Nedovic. Verletzlichkeit und Reife: bis 31.12., Werkstatt Jo Hartmann (Daxlander Str. 68), 8.1.-29.2., Tollhaus-Foyer, Karlsruhe

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