60 Jahre Kunstfreiheit (II)

Stadtleben // Artikel vom 12.10.2009

Nach 60 Jahren BRD verschwimmen entartete Zeiten mitunter in den Nebelschwaden der Geschichte.

Doch was wären wir für eine Gesellschaft ohne Recht auf freie Meinungsäußerung? Die steht im Artikel 5 des Grundgesetzes nicht umsonst ganz vorn an. Im dritten Absatz wird auch der Kunst die Freiheit zugesichert, und das würdigt die Technologie-Region Karlsruhe in Zusammenarbeit mit regionalen Kulturinstitutionen seit Mai in einer Veranstaltungsreihe, die eben dieses Grundrecht in den Fokus stellt.

Nach dem Katalanen Antoni Tàpies widmen sich die „Begegnungen mit Meisterwerken der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe“ unter dem Wahlspruch „Kampf – Kritik – Karikatur“ Georg Baselitz’ „Fixer Idee“ von 1964 („Blasphemie oder Freiheit der Kunst“, Di, 13.10., 20 Uhr); es folgt Otto Dix’ „Die Sieben Todsünden“ von 1933 („Gesellschaftskritik im Morgengrauen der NS-Diktatur“, Mi, 4.11., 13 Uhr) und Francisco de Goyas „Los Desastres de la Guerra“ („Trotz Zensur und Inquisition der Wahrheit verpflichtet“, Fr, 27.11., 10.15 Uhr).

Weiterlaufen werden auch die Vorführungen der Karlsruher Kinemathek. Auf dem Spielplan stehen „Ein kurzer Film über das Töten“ (15.-17.10.); das „Nachtlied des Hundes“ (29.-31.10.); die „Geschichte der Wände“ (26.-29.11.) und „Winter adé“ (10.-13.12.). Dazu gibt’s eine Auswahl an Experimentalstreifen (3.-6.12.), und mit „Die Nadel“ (12.-15.11.) wird der erfolgreichste sowjetische Perestroika-Film gezeigt.

„Unzensiert“präsentiert der Kunstkreis Karlsdorf-Neuthard am Do, 8. und 15.10. jeweils um 20 Uhr Werke von regionalen Künstlern der unterschiedlichsten Stilrichtungen: Mit Malerei, Collagen, Drucken, Fotoinstallationen und Skulpturen decken die Ausstellungen in den Rathäusern der Doppelgemeinde ein breites Schaffensspektrum ab. Der Verein „Kunst und Kultur im Landgericht“ zeigt vom Do, 15.10. bis 26.11. ebenda in Baden-Baden Werke von Künstlern aus dem Kosovo. Von dort stammen auch die Erfahrungsberichte zur Kunstfreiheit, die Gegenstand der anschließenden Podiumsdiskussion sind.

Im Karlsruher Literaturmuseum thematisiert ein Vortrag die Spannung zwischen Freiheit der Kunst und Persönlichkeitsrechten: „Rettet die Grundrechte!“ titelt die neue „Streitschrift“ von Gerhart Baum, zwischen 1978 und 82 Bundesminister des Inneren und einer der profiliertesten Bürgerrechtsliberalen in der FDP. Auf Ladung der Literarischen Gesellschaft stellt er sie unter dem Leitgedanken „Alle Erfahrungen zeigen: Es lohnt sich immer, für die Freiheit zu kämpfen“ am Mo, 26.10. im Prinz-Max-Palais vor. Der Träger des „Theodor-Heuss-Preises“ plädiert damit ab 20 Uhr gegen Spitzelmentalität und übertriebene Sicherheitsbedürfnisse.

Ein Symposium des Karlsruher Forums für Kultur, Recht und Technik befasst sich im ZKM mit der „Freiheit der Kunst im digitalen Zeitalter“ (Do, 22.10., 16-20 Uhr, Medientheater; Fr, 23.10., 9-14 Uhr, Vortragssaal). Beeinflussen technologische Veränderungen die Freiheit der Kunst? Wie stark spielen wirtschaftliche Aspekte hinein? Wo verlaufen die Grenzen, die auch von Künstlern zu respektieren sind? Lassen sie sich überhaupt festlegen? – das sind Aspekte, anhand derer die momentane Lage aus bereichsübergreifender Sicht dargestellt wird (Eintritt frei).

Das Colloquium Fundamentale des Zentrums für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale fragt in diesem Wintersemester: „Demokratisch, parlamentarisch, gut?“ (Eröffnung: Do, 29.10., 18 Uhr). Und auch das Finale der Initiative wird selbstredend in der Rechtsresidenz Karlsruhe verhandelt: „Kunstfreiheit® Karlsruhe“ ist der verspielte Titel der Podiumsdiskussion am Do, 5.11. ab 18 Uhr im ehemaligen Lüpertz-Atelier der Majolika.

Eine Einlage des Staatstheater-Schauspielensembles führt auf die Gesprächsrunde um den ehemaligen Bundesverfassungsrichter Wolfgang Hoffmann-Riem und Kunsthistoriker Robert Eikmeyer hin. Eines hat die Reihe schon gezeigt: Unfreie Kunst und offene Gesellschaft – das geht nicht zusammen. Wir sind so frei! -pat

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