„Abfall ist als Thema nicht gerade sexy“

Stadtleben // Artikel vom 12.12.2018

Klaus Stapf

Das INKA-Plastikmüll-Interview mit Umweltbürgermeister Klaus Stapf.

Ein Leserbrief von Harry Block (BUND) zur Verwertung des Plastikabfalls der Stadt ließ mich aufhorchen. Darin stand sinngemäß, dass der gesamte Karlsruher Plastikmüll verbrannt wird, und zwar in völlig ungeeigneten Verbrennungsanlagen der Zementindustrie wie z. B. in Walzbachtal/Söllingen. 33 deutsche Zementwerke hätten auf 100 Prozent Einsatz von Müll umgestellt, exakt eines verfüge über moderne Filteranlagen.

Der Restmüll werde in Mannheim verbrannt, der aber zu wenig Brennenergie enthält, sodass mit Gas zugefeuert werden müsse, da das Brennbare ja zuvor in Papier- und Wertstofftonnen sortiert wurde. „Wann beenden wir – nicht nur in Karlsruhe – diesen in mehrfacher Hinsicht totalen Irrsinn mit dem Plastik?“, fragt Harry Block. Roger Waltz befragte dazu den scheidenden Umweltbürgermeister Klaus Stapf (Grüne), der umfangreiche Recherchen anstellte und in Bezug auf künftige Ausschreibungen im Interview bereits Konsequenzen der Stadt ankündigt.

INKA: Sie übergeben ja das Bürgermeisteramt Ende 2018 an Bettina Lisbach. Gleichwohl die Frage: Sind die o.g. Ausführungen von Harry Block richtig?
Bürgermeister Klaus Stapf: Plastikmüll wurde jetzt endlich als weltweite Umweltkrise erkannt. Vorab ist zu sagen, dass der Karlsruher Plastikmüll soweit verfolgbar nicht in China, Polen oder den Weltmeeren landet. Natürlich bemüht sich die Stadt stets um das Thema Vermeidung, das zwar ökologisch oberste Priorität hat, aber auf zu wenig Resonanz stößt. Es sind dringend Regelungen für die Wirtschaft nötig, wie jetzt endlich von der EU geplant. Das Amt für Abfallwirtschaft sammelt die Wertstoffe und bringt diese zur Fa ALBA, die die Ausschreibung zur Sortierung und Verwertung gewonnen hat. D.h. die Stadt verwertet nicht selbst (und hat dies nie getan). Sie kann aber versuchen, die Ausschreibungen mit Bedingungen zu versehen. Dabei kann sie nicht für die viel größere Menge der Grüne-Punkt-Kunststoffe entscheiden (dies liegt bei den Dualen Systemen), sondern nur für die Kommunalen, die aber nur vier Prozent oder 900 Tonnen von ca. 22.500 Tonnen der Wertstofftonne ausmachen. Und diese enthält ja nicht nur Kunststoffe. Trotz mehrfachen hartnäckigen Nachfragen und eines gemeinsamen Termins liefert ALBA leider für die Gesamtzusammensetzung der Wertstofftonne keine schlüssigen Zahlen darüber, wieviel Kunststoffe insgesamt aus der Wertstofftonne an das DSD gehen, das laut ALBA 60 Prozent thermisch und 40 Prozent stofflich verwertet. Laut ALBA befinden sich ca. 6.000 Tonnen Papier und über 4.000 Tonnen Restmüll in den 22.500 Tonnen der Wertstofftonne. Hinzu kommen Dinge wie Holz, Metalle, Glas. Die 900 Tonnen städtischer Kunststoff teilen sich auf in 200 Tonnen nicht sortierbare Teile, 250 Tonnen Großplastik und c.a 450 Tonnen, die ebenfalls an das DSD geliefert werden. Es handelt sich um für den Markt kleine, unattraktive Mengen. Leider führt ALBA auch die 250 Tonnen Großplastik (z.B. Teile von Wäschekörben, Bobbycars) einer thermischen Verwertung zu, es seien keine Abnehmer für stoffliche Verwertung bekannt. Um die Verwertung in immissionstechnisch schlechteren Anlagen zu vermeiden, haben wir in die nächste Ausschreibung aufgenommen, dass zwingend die Werte des Bundesimmissionschutzgesetzes eingehalten werden müssen. Auch haben uns die unzureichenden und z.T. widersprüchlichen Auskünfte veranlasst, eine weiterreichende Informationspflicht in die Ausschreibung aufzunehmen. Zumindest zum Teil werden Karlsruher Kunststoffe aktuell zur Energiegewinnung verbrannt. Dies ärgert mich auch persönlich, die Bundesgesetzgebung wertet leider auch dies als Recycling. Dadurch sind die Quoten des stofflichen Kunststoff-Recycling bundesweit niedrig. Die ökonomisch ausgerichtete Abfallwirtschaft hat sich darauf eingestellt, die Kapazitäten für stoffliches Recycling sind begrenzt. Hoffnung gibt ein nach jahrelangem Ringen zwischen den Bundesministerien beschlossenes neues Verpackungsgesetz ab dem 1.1., das zwar auch Mängel hat, aber deutlich erhöhte stoffliche Recyclingquoten festschreibt. Werden diese durchgesetzt, werden wohl neue Fabriken entstehen, die dann tatsächlich höhere Quoten erzeugen. Wobei auch dann nicht alles gut ist, weil die Recyclingtechnologie bei Kunststoffen noch meilenweit davon entfernt ist, in der Breite gleichwertige Kunststoffe erzeugen zu können.

INKA: Was genau vom Karlsruher Wertstoffmüll wird denn wohin geliefert bzw verbrannt?
Stapf: Papier, Kartonagen, Metalle, Holz und Glas werden überwiegend stofflich verwertet. Die 450 Tonnen großer und nicht sortierbarer Kunststoffe gehen laut ALBA in Verbrennungsanlagen nach Mannheim und Herten , weil sie laut ALBA nur sehr geringe Mengen darstellen. Ebenso nennt ALBA Zementwerke, trotz mehrfacher Nachfragen allerdings ohne Lokalität. Die restlichen Nichtverpackungen werden mit den DSD-Kunststoffen entsorgt.

INKA: Weshalb thematisieren die Grünen das nicht auch im Bund und in der Landesregierung?
Stapf: Es gab und gibt durchaus Initiativen für eine ökologischere Abfallwirtschaft, z.B. von Umweltminister Franz Untersteller. Festzustellen ist jedoch, dass im Bund Vorhaben des Umweltministeriums jahrelang z.B. vom Wirtschaftsministerium blockiert wurden. Abfall ist als öffentliches Thema nicht gerade sexy, deshalb dringen politische Diskussionen nur selten in die Öffentlichkeit.

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