Biss zur letzten Rübe – der reinste Genuss

Stadtleben // Artikel vom 11.08.2021

Johannes Hucke

Heute: Karlsruher Sommer, Survival-Training mit abbenem Finger

Eine Kolumne von Johannes Hucke, der die Region seit 2007 mit seinen Weinlesebüchern, Kriminalnovellen und Theaterstücken malträtiert. Mittlerweile versucht er, das INKA-SpaßBlatt mit epikureischem Gedankengut zu destabilisieren. Viel Spaß auch.

Ich melde mich aus dem Karlsruher Keller. Es sind vielleicht meine letzten Zeilen, darum bitte jedes Wort einzeln goutieren, als wäre es ein von dem bekannten Elsässer Patissier Jean-Yves Schlonz kreiertes Amuse Bouche. Das Tippen fällt mir schwer; ich muss eine neue Technik erproben. Denn gestern war ich so vorwitzig, meinen noch vorwitzigeren rechten Zeigefinger durch die Kellerluke ins Freie zu recken – in der skurrilen Hoffnung, die Temperaturen wären vielleicht ein bisschen gesunken. Waren sie nicht: Der pyroklastische Strom, der sich gewöhnlich ab Ende Mai über den Karlsruher Kessel hermacht, nahm mein Fingerchen wie eine toltekische Gottheit eine Opfergabe. Er schmolz ab.

Da sind manche, die wähnen sich in Sicherheit. Die sind so naiv zu glauben, wenn es zweimal auf die hartgebackene Erde niederpieselt, bliebe ihnen die Hitze erspart. Karlsruhe braucht nicht mal Hitze, um seine ausgedörrte, mit rissiger Lederhaut versehene Einwohnerschaft zu erledigen – das geht mit reiner Schwüle. Und die ist immer. Nur in den Karlsruher Keller dringt sie nicht vor. Zumindest nicht sofort. Sie hält ihn sogar feucht. Warmfeucht. Und da sitze ich. Da sitzen eigentlich alle, die es noch rechtzeitig runtergeschafft haben. Manchmal lauschen wir nach oben, ein jedes abgeschottet in seinem Basement, ob da nicht jemand die Treppen runterkäme. Kommt aber nicht: längst sind alle ausgezutschelt von den erbarmungslosen Strohhalmen des Sommers.

Wie ich hier unten überlebe? Nun, die Nachbarn haben vorgesorgt. Der Pepi, ein Exil-Wiener, hat noch vor zwei Wochen zwei Kisten Bier hinter seinen Verschlag geräumt. Er braucht sie jetzt nicht mehr. Die letzte Flasche, ein helles Ottakringer, ich trank sie vorgestern, hatte nur 28 Grad. Eine unvergleichliche Erfrischung! Dann gibt es noch den Keller von Holms. Der ernährt mich fürstlich: mein Menü final! Holms kaufen stets in Qualitätssupermärkten ein: Es gibt Corned Beef, Senf, Dosenleberwurst, Senf, ungarische Lummelgurken, Eisbein, keinen Senf mehr… Und im hintersten Regal, hinter den fiesen Waschmitteln, stehen die Einweckgläser von Oma Holm. Haben wohl gedacht, die finde ich nicht. Hab ich aber: Schrumpfkopf-Mirabellen, Wasserleichen-Zwetschgen, graue Erdbeeren. Das ist süß und nährt den Mann.

Grauen Schnaps gibt es auch. Aber Vorsicht: Der macht heiß! Und wenn man schon im Keller anfängt zu schwitzen, ist es bald vorbei. Noch halte ich mich. Ich sitze auf einer leeren Wasserkiste, das ist unbequem, aber luftig. Den Laptop kann ich natürlich nicht auf die Knie stellen; die feuchte Wärme von oben und unten würde meine Bermudahose binnen Sekunden auflösen. Darum habe ich eine Vorrichtung gebaut: aus kühlen Metallstangen, die ich Schremsers altem Fahrrad entnommen habe. Die brauchen es jetzt nicht mehr. Auch das ist unbequem, aber ich habe eine Beschäftigung. Die leidige, nur mehr schlappschwänzig ausgefochtene Pseudofeindschaft zwischen der Pfalz und Baden könnte mit der nächsten Generation wirklich mal enden. Immerhin, 1848 haben sie gemeinsam Revolution gemacht, war doch okay. Warum dann immer noch aufeinander herumhacken? Denn es besteht eine wechselseitige Abhängigkeit, verteilt freilich auf unterschiedliche Tage im Jahr, gespeist von unterschiedlichen Bedürfnissen. Während der konsumdödelige Teil der Pfalz die badischen Metropölchen zum Shoppen missbraucht, fällt das freizeitgeile Baden per Massenausflug über die Weinstraße her. Warum ich das hier so ausführlich schildere? Nun, in Königs Kühlschrank (sie brauchen ihn nicht mehr), liegen noch immer 44 Flaschen Literriesling. Aus der Pfalz natürlich. Das Sprudelwasser – nur noch 43 Flaschen – stammt aus dem Schwarzwald. In meinem Dubbeglas, einer Kulturleistung, die der Pfalz zu danken ist, kommt alles zusammen… Und stellt die Hauptüberlebensstrategie in Karlsruher Sommern dar. Mit Bier allein kommst du nicht weit, denn „kalt Bier wärmt“. Und wer will das schon?

Ein wenig Sorge habe ich schon. Wenn nicht bald ein Herbst ins Land zieht, geht der Vorrat zur Neige. Dann müsste ich einen Frühmorgen abpassen, wenn die Temperaturen unter 50 Grad sinken. Und schnell zum Edeka in der Karlstraße rüber radeln; da gibt’s Pfälzer Riesling, von Provis Anselmann, den Liter zu 3,49 Euro, Dauertiefpreis. Das kann sogar ich mir leisten. Huch! Was war das? Ach so… Karlsruher Gewitter. Es grummelt über den Hügeln, die Schwüle in der Stadt nimmt ums vierfache zu, das heißt kleinere Menschen ertrinken bei lebendigem Leibe, dann grummelt es noch mal – und fertig. Wer kennt noch den Sidney Lumet und seinen Schwarz-Weiß-Film „Die zwölf Geschworenen?“ Zwei stehen im Beratungsraum am Fenster und wischen sich den Schweiß ab. Folgender existentialistischer Dialog entspinnt sich: „Es wird ein Gewitter geben.“ „Ja, und danach wird es noch heißer werden.“ Mehr ist für den Augenblick nicht zu sagen. Einmal steigen wir nach oben wie die Leprakranken im „Tiger von Eschnapur“. Noch so ein Film aus der guten Zeit kurz vor der Karlsruher Stadtgründung. Die, wie wir heute wissen, ein Versehen war. Der schusselige Markgraf hatte, bevor er sein Schlösschen in den malariaverseuchten Sumpf pflanzen ließ, das zweisprachige Warnschild übersehen: „Danger Area. Besiedeln verboten.“

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