Biss zur letzten Rübe – Landlieblingsplätzchen (April 2023)

Stadtleben // Artikel vom 01.04.2023

Johannes Hucke (Foto: Gert Steinheimer)

Eukaryonten in Eggenheim

Eine Kolumne von Johannes Hucke, der seit 2007 die Region mit seinen Weinlesebüchern, Kriminalnovellen und Theaterstücken malträtiert. Jetzt versucht er, INKA mit epikureischem Gedankengut zu destabilisieren. Nach einem Jahr Karlsruher Gourmet-Szene balanciert Hucke nunmehr auf den Strahlen der Kompassrose ins Offne. Während der klassische „Tagesausflug“ einst einen durchaus bedrohlichen Beiklang hatte, heißt das heute ODV: One Day Vacation! Gegenüber einer Flugreise nach Paumotu bietet der Ein-Tages-Urlaub jede Menge Vorteile: Er ist kostengünstiger, du kannst den Genusspegel schon vorab nach Belieben einstellen, und wenn du mal abstürzt, dann höchstens in die Arme deines Lieblingskellners.

Heute wollen wir uns mit dem protomentalen Feld beschäftigen. Nicht? Doch. Und zwar: Angenommen, du stammst aus einer geistigen Stadt wie Tübingen… Und gehst nach Karlsruhe. Was passiert mit dir? Weiterhin angenommen, du verpaarst dich mit jemandem aus dem Umland und ziehst nach Eggenheim-Liedolsstetten. Ferner, du lebst fortan in einer dieser nach Vorort, Persil und Schäufele duftenden Doppelreihenendhaushälften – kann es sein, dass sich ohne dein Zutun deine Interessen ändern? Gestern noch hast du vorgehabt, die stadtsoziologischen Einsichten von Luce Irigaray tiefenökologisch zu revidieren, heute vermisst du die imaginäre Parkfläche vor dem Bungalow gegenüber und verpetzt deine Nachbarn beim Gemeindeamt. Wie waren noch die letzten Worte, die deine Ex-Freunde von dir vernahmen? „Kann nit schwätze: Im Fernsih isch ,Bares für Rares‘.“

Früher hast du keinen Dialekt geschwätzt. This is the end, my friend. Und nu? Entsteht nicht überall, wo etwas unterging, sofort wieder Neues? Selbst in Stettenstein-Linkenfeld-Staffordshire? Machen wir uns auf: Eine Expedition zu den Grundbausteinen des Lebens! Dorthin, wo alles begann: in die Sümpfe…  in die Rheinauen: schwabbelnde Urschleimtrance, Stechmückenfieberträume auf 7.545 Hektar. Nie hat die EU eine höhere Fördersumme an Deutschland gezahlt! Wer wissen will, wie die Leute bis vor 100 Jahren dort lebten, lese Elisabeth Langgässers „Gang durchs Ried“. Spielt zwar paar Kilometer nördlich, tut aber nix. Um uns noch intensiver einzustimmen, pedalieren wir vom Schloss aus in eben diese Richtung durch den Hardtwald, lassen uns weder von Bärlauch, Bärenklau noch Bärwurz ansprechen, bis wir schließlich freie Sicht gewinnen. Was ist da? Schwer zu sagen. Fläche halt. Gewerbevorland. Bauerwartungsäcker. Und dahinter? Immer noch der Rhein. Was will der da? Gemach. Die Dörfchen können ja nichts für; die waren alle mal goldig, mit Sandstein und Vorgärten und Spargeläckern. Dann kam die Nachkriegszeit. Und exte jedweden Charme: Selbst die paar verbliebenen Fachwerkhäuschen wirken wie Fälschungen in einem radikal durchrationalisierten Funktionssiedlungsplan.

Doch lassen wir uns nicht entmutigen, entern wir lieber die Bahnhofstraße von Leopoldstein-Eggenhafen: Schon stoßen wir auf erste Spuren von Leben: die Brennerei Erndwein. Dankbarer waren wir nie, denn hier wirkt einer der Allerletzten, der noch Most produziert. Davon nehmen mit, so viel wir trinken können. Auch ein freundlicher Obstbrand darf sein. Was die Hofläden im Umland anbetrifft: Es gibt sie. Auch ein paar Bäckereien, die noch nicht an der Kette liegen. Sprich für unser Picknick am Rheinstrand kriegen wir genug zusammen. Wieso Picknick? Gibt es nicht diese famose Ausflugsgaststätte Rheinblick? Während unseres Ausflugs leider nicht. Küchenbrand. Viel Glück beim Wiederaufbau! Setzen wir über ins Pfälzische; die Rheinfähre trägt den beflügelnden Namen Peter Pan. Fährt aber nicht. Weiter am Uferweg Richtung Alt-Dettenheim. Fast das komplette Dorf wurde umgesiedelt, 1813 war das. Zu der Zeit, man stelle sich vor, gab es noch Barackensiedlungen auf den Rheininseln, Fluchtorte aus dem Dreißigjährigen Krieg. Es weigerte sich: der Löwenwirt, ein tapferer Mann. Leider hat auch der Löwe, unzählige Male vom Strom überspült, den Betrieb längst eingestellt. Wisst ihr jetzt, warum wir Picknick brauchen? Freilich, die Insel Rott mit ihrem Fischrestaurant, das Fischerheim und einige mehr haben sich in den Hardtwald-Dörfern erhalten…

Wenn wir hier draußen zwischen Wiesen, Ackerflächen und Altrheinarmen einige Stunden zubringen, steigt so etwas wie Mitleid auf: Es könnte so schön sein! Schön wie Worpswede – wenn man diese Örtchen nicht mit solchem Furor behandelt hätte. Allenthalben spricht man heute von Stadtreparatur; gibt es so was auch für Landstriche? Bestimmt ließe sich mit dem Heimathaus Zehntscheuer Linkenheim-Hochstetten kooperieren, da sind gute Leute, die der Geschichtsvergessenheit etwas entgegensetzen. Die Forschung hat Prokaryonten bis hinauf in die Stratosphäre und hinab ein Dutzend Kilometer ins Erdreich nachgewiesen: Es bleibt also immer alles möglich! Darauf ein großes Glas Most mit Rheinblick, umwuchert von Sumpf-Knabenkraut und Rauzähnigem Schachtelhalm, umwuselt von Dunklem Wiesenkopf-Ameisenbläuling und Grüner Flussjungfer sowie umschwirrt von der Wasserfledermaus. Jetzt aber schnell nach Hause. Denn es will Abend werden.

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