Biss zur letzten Rübe – Landlieblingsplätzchen (Juni 2022)

Stadtleben // Artikel vom 01.06.2022

Johannes Hucke

Von Jülg zu Jülg

Eine Kolumne von Johannes Hucke, der seit 2007 die Region mit seinen Weinlesebüchern, Kriminalnovellen und Theaterstücken malträtiert. Jetzt versucht er, INKA mit epikureischem Gedankengut zu destabilisieren.


Nachdem uns Chaosautor Johannes Hucke ein Jahr lang mit seinen eigentümlichen kulinarischen Ansichten zur Karlsruher Gourmetszene genervt hat, balanciert er nunmehr auf den Strahlen der Kompassrose ins Offne: Kraichgau, Ortenau, Schwarzwald, Bergstraße… Aber heute sind Südpfalz und Nordelsass dran. Während der klassische „Tagesausflug“ einst einen durchaus bedrohlichen Beiklang hatte, heißt das heute ODV: One Day Vacation! Gegenüber einer Flugreise nach Paumotu bietet der Ein-Tages-Urlaub jede Menge Vorteile: Er ist kostengünstiger, du kannst den Genusspegel schon vorher nach Belieben einstellen, und wenn du mal abstürzt, dann höchstens in die Arme des Kellners.

Oh wie schlau war G.B. Shaw: „Ich zitiere mich am liebsten selbst. Das verleiht meiner Konversation Würze.“ Da folgen wir doch gerne seinem Beispiel: „Südpfalz, deine Fülle! Anstatt nur ein einziges Bratwürstlein zu bestellen wie andernorts zu beobachten, orderst du hier zu deinem ‚Pärle‘ gleich noch einen Leberknödel dazu, ‚Schiefer Sack‘ heißt das dann, verzichtest weder auf Kraut noch Bratkartoffeln, um dich keine zwei Stunden später in der nächsten PWV-Hütte an einem schneidbrettgroßen Streuselkuchenstück zu delektieren. Wir beginnen zu ahnen, warum die Südpfalz ein Halbliterschoppenglas eben braucht. Völlerei? Aber warum denn nicht!“

Als Freund Gert und ich 2009 auszogen, um das „Südpfalz Weinlesebuch“ zu kumulieren, mussten wir auf jeder Seite betonen, dass dieser Zug ins Üppig-Barocke keineswegs auf Kosten der Qualität geht. Übrigens, das ist keine plumpe Schleichwerbung für unser 500-Seiten-Opus: Das Ding hat sich längst ausverkauft. Fahren wir also noch mal hin und schauen nach, was sich getan hat! Von Karlsruhe aus ist das kein Problem. Aber wir gehen raffiniert vor, nicht wahr? Am besten, du klaust dir ein E-Bike. Denn der Anblick täuscht: Nicht nur droben, wo die Burgen hocken, ist es steil; die lieblichsten Weinberge können sich dermaßen link verhalten, dass schon die Anfahrt zur Strapaze gerät.

Südpfalz, deine Fülle… Optisch wird sie dir schon zuteil, wenn du mit der Bahn über Winden (keine Wortwitze, bitte!) anfährst und mit einem Mal diese Weinberge da, diese Bergkette dort auftauchen wie ein seit Langem gehaltenes Versprechen. Kennst du das Bedürfnis, erst mal ein bisschen Kultur hinzulegen, bevor du dich den Lüsten hingibst? Zu diesem Behuf steig in das Bummelbähnle Richtung Wissembourg um, in Schaidt oder Schweighofen wieder aus und kurve nach Schweigen-Rechtenbach. Die haben da einen Skulpturengarten. Gegenüber moderner Kunst pflegte meine Frankfurter Oma eine tolerante Einstellung: „Besser wie wann se uff de Straß rumhänge!“ Ihrer Meinung nach waren Kunstschaffende drogensüchtig und depressiv, was damals wohl gelten mochte. Heute ist das Tor zum Kunsthandwerk weit aufgestoßen, die Gebilde heißen „Eine Palette Schafe“, „Eintauchen“ oder „Kindfrauen“, alle Leute dort sind wahnsinnig nett und trinken Schorle statt Absinth.

Zwei Kulturalternativen: Radel rüber nach Billigheim-Ingenheim und kauf dir eine „Doppelkruste.“ So heißt auch die Bäckerei (Hauptstr. 7), eine krosse Gegenmacht zum Ausverkauf der Pfälzer Brotkultur an Backshops mit Baumstofffaserbrötchen. Von dort aus gondelt es sich hübsch über Kapellen-Drusweiler und Bad Bergzabern nach Schweigen. Vielleicht bist du ja auch schon vor Ort und stellst dir deinen eigenen Weinwanderweg zusammen? Es gibt so saugute Weingüter da, das ist gar nicht zu fassen, ich nenne nur Becker, Scheu, Bernhart, Nauerth-Gnägy, die letzteren pur Öko wie auch das Weinhaus Alter Zollberg: Die haben auch ein prima Weinlokal dabei.

Wie auch die Jülgs. Ach Gott, die Weinstube im ehemaligen Jägerhaus… Bratkartoffeln oder Knöpfle? Saumagen-Carpaccio? Boeuf Bourguignon? Und auf keinen Fall den warmen Münster vergessen! Karin Jülg, Kerstin und Laurent Durst (keine Wortwitze, bitte!) führen eine wunderbare Tradition fort: Lange Zeit hat die Oma noch den letzten echten Pfälzer Handkäse angesetzt und unsagbare Streuselkuchen serviert. Ach Gott, die Weine… Von Pionier Oskar über Werner bis zu Johannes Jülg ward ein weiter Weinweg beschritten, den sowohl Frankreich als auch Deutschland erleuchtet haben. Bitte den Muskateller probieren! Auch den Rieslingen eine Chance geben… und all die Burgundersorten artgemäß verkosten, gerade und auch die feierlichen Opus-Oskar-Chardonnays, Weiß- und Spätburgunder.

Bevor du weiter zu Jülgs fährst, hier noch ein Tipp: Schräg gegenüber liegt ein Märchenplatz mit Schlösschen, verwunschenem Park und Kaminstube: das Weingut Leiling. Nicht zu fassen, dass sich zwei der schnuckeligsten Pfälzer Weinstuben in einem kriegszerstörten Dorf befinden… Nein, du hast dich nicht verlesen: Wir wollen doch von Jülg zu Jülg! Werners Bruder Peter hat mit seiner Frau Lydia 1993 in Seebach im Elsass ein dermaßen entzückendes Weingut gegründet, dass du da jetzt auch noch hinmusst. Unterwegs empfiehlt es sich dringend, zu Wissembourg in der Patisserie Rebert höchster Konditors-Kunst zu frönen, im Match alles einzukaufen, was bei uns viel teurer ist (Café Grand Mère! Dijon-Senf!) und noch einen Abstecher zu den Caves de Cléebourg zu machen, eine nord-elsässische Winzergenossenschaft de luxe mit irrem Pinot gris.

Seebach: Elsass: Ein Dorf trägt Zebra. Allerdings sprechen wir hiermit eine Streißelhochzeit-Warnung aus: Am 23. und 24.7. laufen mehrere Mio. Leute in merkwürdiger Volkstracht da herum. Sonst aber ist das Fachwerkörtchen ein Traum, und das Traumkönigspaar heißt Lydia und Peter: Mon dieu, haben die tolle Crèmants! Parbleu, sind das goldige Leute! Und sogar mit Ferienwohnung. Vom Muscat bis zum raffinierten Gewürztraminer gibt es in der Maison Julg nur Heilmittel zu probieren, weingewordene Zaubersprüche: „Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit.“ So hat Clemens Brentano sich selbst zitiert. Ein Genie eben. Der darf das.

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