Biss zur letzten Rübe – Landlieblingsplätzchen (Juni & Juli 2023)

Stadtleben // Artikel vom 01.07.2023

Johannes Hucke (Foto: Gert Steinheimer)

Rompel vor Rülpsheim

Eine Kolumne von Johannes Hucke, der seit 2007 die Region mit seinen Weinlesebüchern, Kriminalnovellen und Theaterstücken malträtiert. Jetzt versucht er, INKA mit epikureischem Gedankengut zu destabilisieren. Nach einem Jahr Karlsruher Gourmet-Szene balanciert Hucke nunmehr auf den Strahlen der Kompassrose ins Offne. Während der klassische „Tagesausflug“ einst einen durchaus bedrohlichen Beiklang hatte, heißt das heute ODV: One Day Vacation! Gegenüber einer Flugreise nach Paumotu bietet der Ein-Tages-Urlaub jede Menge Vorteile: Er ist kostengünstiger, du kannst den Genusspegel schon vorab nach Belieben einstellen, und wenn du mal abstürzt, dann höchstens in die Arme deines Lieblingskellners.

„Gestern in der Bahn hat’s so gestunken – ich dacht schon, das wär ich.“ Eigentlich stinkt der Uwe, der diesen Satz – für einen Pfälzer ungewohnt selbstzweiflerisch – formuliert hat, ja gar nicht; aber er gibt uns eine prima Überleitung zurück zur Mai-Ausgabe, wo wir uns gefragt haben, wie man sich kostengünstig aromatisieren könne: mit Natur – also Zwiebeln, auch Lauch… Farben sind die Gerüche des Tastsinns, wie man so sagt (sagt man so?), und darum verreisen wir heute in die Gemüsepfalz! Die sich bekanntermaßen in allem von der Weinpfalz unterscheidet, vor allem in puncto Temperament. Kaum sitzt du irgendwo zwischen Lachen und Schweigen an der Weinstraße, schiebt sich jemand seitlich heran und bestürmt dich – ja womit eigentlich? Vor allem mit sich selbst: „Här, wo kummscht’n du her, här? Kumm, ma dringgen änner!“ Das kann dir in der weinberglosen Gemüsepfalz nicht passieren; die Kommunikation fällt dort sozusagen flacher aus.

Manche sprechen ihr Leben lang kein anderes Wort als: „Do.“ Dabei weisen sie mit ihrem Zeigefinger, der aussieht wie ein Daumen, in irgend so eine Richtung. Damit haben sie schon mal recht. Die Bedeutung aber ist in höchstem Maße polyvalent: „Von dorther nähert sich ein Gewitter.“ – „Achtung, ein schnell fahrender Sauerkrauttraktor!“ – „In der Steinkaut wohnt mein Vetter Diez.“ – „Da hinten ist nicht dort vorne.“ Das alles und noch viel mehr kann: „Do!“ bedeuten. An sich sinnt die Gemüsepfälzerin und ihr Männchen ja auf Rache, vor allem, wenn sie erfährt, dass jemand aus Karlsruhe kommt. Denn die Stadtflüchtlinge haben jeden Ort mit einem Kranz aus weißen Bungalows umzingelt, und jetzt herrscht kein Tourismus mehr. Der herrschte auch vorher nicht, aber da sahen die Dörfchen wenigstens wie Dörfchen aus. (Dass besagter Diez damals 200.000 Mark für den Bauplatz kassiert hat, spielt übrigens keine Rolle.)

Es herrscht kein Tourismus? Das war gestern. Denn jetzt kommen wir! Sehr günstig fällt die Anreise aus, seitdem wir dieses Billigheimerticket erworben haben. Wir fahren aber nicht nach Billigheim, denn da gibt es schon Wein. Wir wollen Knollen! Wir lieben Rüben! Wir kaufen haufenweise Speise: die letzten Spargel, die ersten Erdbeeren, die nicht nach Gurke schmecken. Kohl, Eier, Salat. In den teilweise noch vorhandenen Ortskernen oder an Aus- und Einfallstraßen stehen Verkaufstische mit so Produkten drauf: sehr oft sehr günstig. Und von ausgezeichneter Qualität! Denn die Böden sind hier so gut, dass man keine Reben setzen durfte. Die machen zwar gute Laune, aber nicht satt. Wo fahren wir noch mal hin? Ach so: Die Orte heißen hier Jockgrim (ich würde nicht gern Jockgrim heißen mögen), Neukotz, Rülpsheim oder so ähnlich, und das zieht sich bis nach Zeischkam und Freischbach.

Wenn du Glück hast, kannst du zwischen den Ackerfurchen den Rompel erblicken, einen Kopffüßler, ungefähr das Äquivalent zu den enervierenden Elwetritsche der Waldpfalz. Sollen ganz süß sein, beißen dir aber ab und zu ein paar Zehen ab. Also Vorsicht beim Selberpflücken! Auch mit den Bäuerchen (Gesundheit!) hinter den Ständen ist nicht gut Kirschenessen, nicht mal im Sommer: Sie mögen es überhaupt nicht, wenn du versuchst zu handeln und den Preis zu drücken. Das gehört sich nicht, der ist eh schon niedrig, zum Schlechte-Laune-Haben niedrig. Es sei denn, du wirst als Residenzmensch geoutet und kriegst den „Karlsruher Rabatt“: Der funktioniert umgekehrt, ist also ein Aufschlag im Sinne der immerwährenden Rache der Gemüsepfalz für ihre Verbauung.

Solltet ihr schlau gewesen sein und ein Fahrrad mit euch führen, dann ist es jetzt bestimmt schon vollgeladen, vor allem Korb und Lenker. Dennoch, im Falle, ihr sucht nach einem Ziel im Leben, könntet ihr jetzt weitergondeln bis nach Bornheim. Das ist schon an der Grenze zum Land der niemals nachlassenden Heiterkeit und besitzt ein Gasthaus namens Lehrer Lämpel. Der reimt sich nicht auf Rompel, doch Wilhelm Busch, dem hier viel Kunstspaß gezollt wird, hätte einen Reim gefunden. Bestimmt! Noch könnt ihr im Gärtchen sitzen und dieser irrwitzigen Stille lauschen.

Doch bevor es Juli wird, fahrt heim! Dann schüttet über uns der Hochsommer sein Müllhorn aus, voller Leere, Dürre, Hitze, Promiskuität und Schnürsenkeln. Wieso Schnürsenkeln? Woher soll ich das wissen? Die Rompel hab ich mir ja auch nur ausgedacht.

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