Clemens Lauer: Designräume & soziale Prozesse

Stadtleben // Artikel vom 05.10.2021

TV-Hifi (Foto: Michelle Mantel)

Der Tresen im rot-weiß gestreiften Baustellen-Look erfreute im Sommer 2018 eine Gruppe bieraffiner Freunde an der Ecke von Luisen- und Marienstraße.

Dahinter steckte der „Robin Hood der Südstadt“, mittlerweile längst geoutet als Clemens Lauer, Produktdesigner und Absolvent der Karlsruher HfG. Die charmante wie umstrittene Intervention ist gleich mehrfach ein typischer Lauer. Der gebürtige Pfälzer beobachtet seine Umgebung und ihre Menschen genau. In diesem Falle waren es die Männer, die ein gewöhnliches Geländer vor der Johanniskirche als Abstellfläche für ihre Flaschen umnutzten. Das Design war eigentlich schon gedacht, Lauer sorgte nur noch für die Umsetzung, indem er die Tresenfläche vergrößerte, für mehr Baratmosphäre und weniger Scherben sorgte: „Man muss eigentlich nur hingucken, was die Menschen machen.“

Der Tresen ist aber auch Indikator für eine über die Jahre gewachsene Leidenschaft, die zur Einkommensquelle für den Designer geworden ist: Er gestaltet leidenschaftlich gerne die Innenräume von Bars. „Da schließt sich ein Loop, wir sind jetzt eine Kneipenbauerfamilie“, spielt Clemens auf seinen Vater, den Bildhauer David D. Lauer an, der in den 1960ern das Interieur des Topsy mitentwarf. Und das der Tangente, ein Szene Club, der von Heidelberg und Karlsruhe aus die Republik eroberte. „Wie das Topsy sind auch meine Projekte sehr referenziell auf die jetzige Zeit“, sagt Dave Lauers Sohn. Nach dem Café Rosa am Werderplatz und der Bar Bagage in Landau nimmt er derzeit die Arbeit an einem weiteren Barprojekt in Karlsruhe auf. „Ich habe schon früher kleinere räumliche Interventionen gemacht. Bei den Kneipen sieht man dann, ob ein Konzept wirklich aufgeht. Und man kann verrückter rangehen, als wenn es etwa ein Büro wäre.“

Besonders frei konnten sich Lauer und Friends beim TV-Hifi in der Schützenstraße ausleben. In das leerstehende Objekt, vormals als Blechdosen-Museum semi-berühmt, ließen sie eine ufoartige Bar von oben in den Raum herab, ganz wie in der biblischen Lazarus-Story. Wie ein monolithischer Fremdkörper prägt der schwarze, kautschuküberzogene Tresen die Bar, die zugleich auch als Ausstellungsraum fungiert. Er verlässt den zentralen Raum durch die Lücke, die zwei entnommene Außenfenster hinterlassen haben. „Einen existierenden Raum nochmals ganz neu zu öffnen, das interessiert mich“, erzählt Clemens Lauer, der dieses Faible mit der Künstlerin Judith Milz in der Zentrale endgültig zur künstlerischen Aktion umgewandelt hat. Hier öffnete das Duo den Raum durch die Decke und in den Keller, richtete eine Treppe gen Himmel und ließ einen meterhohen Sockel mit Blumenstrauß aus der Bodenluke wachsen.

Eine weitere Vorliebe für Clemens Lauer ist die Gestaltung von Prozessen – in der Herstellung von Objekten, aber auch auf sozialer Ebene. In seinem Diplom-Projekt Estintore reizte er dies maximal aus. Er kaufte Low-Budget-Stücke aus dem Möbeldiscounter, hackte sie in der Werkstatt zu Designunikaten und brachte sie in der Originalverpackung wieder an den Kaufort zurück. Per Zufall geriet die Kundschaft dann womöglich an ein Designobjekt. Eine im Karton hinterlassene Notiz erlaubte es, mit Clemens in Kontakt zu treten. Neben viel Lob blieb ihm besonders die Begegnung bei einer Dame in Daxlanden hängen. Die war nicht einverstanden, dass der gewünschte Kleiderständer mit einem Schaukelfuß versehen war, ließ sich aber beim gemeinsamen Kaffee in ihrer Wohnung über das Projekt aufklären und fand Gefallen daran – um sich dann trotzdem das Originalprodukt zurückzuwünschen.

Oft sind es die ganz freien Spaßprojekte, die für Clemens Lauer an größere Aufträge zum Geld verdienen bringen. Die gemeinsam mit Max Guderian, Grischa Erbe und Moritz Jähde entworfene Hockerserie „Scrap Life“ findet eine neue Nutzung für den skulptural anmutenden Abfall, den Spritzgussmaschinen ausspeien. Darauf wurde die dänische Modemarke Ganni aufmerksam, die sich Displays für die Präsentation ihrer Schuhe aus genau diesem Material wünschte. „Diese freien Sachen sind extrem wichtig. Sie schaffen Aufmerksamkeit für Neues, sie sind aber so oder so existenziell – eine Idee haben und dann geht’s los, das ist einfach das Beste!“ -fd

Der Künstler und Bildhauer Dave Lauer war neben dem Topsy auch an der Gestaltung der bundesweiten Szene-Jazz-Clubs Tangente beteiligt, die von Heidelberg und Karlsruhe aus die Republik eroberten. Dave Lauer entwarf hier ein spiegelndes Panoptikum; Decken und Wände waren mit Aluminium verkleidet, sodass man sich von allen Seiten im Aluminiumkabinett spiegeln konnte. Gelbe Rohre zogen sich an den Wänden entlang. Auf dem Chromblechboden gab es Sitzgruppen mit olivefarbenen Polstern und gelbumrahmten Aluminiumtischen, lila Barhocker kontrastierten die schwarze Eichenholzbar, an den Wänden hingen in orangenen Rahmen Grafiken der „Edition Tangente“. Sprich: Es muss auch für heutige Verhältnisse ein echtes avantgardistisches Erlebnis gewesen sein, in diesem Club seine Nächte zu verbringen. Übrigens: Damals tanzte man wild auch zu schrägstem Free Jazz – oder zu Volker Kriegel, der hier mit seinem Quintett gastierte. Die Tangente betrieb – seinerzeit wie heute einmalig – Kunstförderung, indem man für einen Beitrag von 25 Mark Grafiken junger KünstlerInnen erstehen konnte, darunter heute berühmte Namen wie Achternbusch, Christo, Klaus Staeck, Wolf Vostell oder K.P. Müller (Krokodil-Gründer und Künstler). Wer der „Edition Tangente“ beitrat, hatte freien Eintritt in die Clublokale in Berlin, München, HD, MA, KA, Stuttgart, Freiburg, Tübingen und Saarbrücken. Die Tangente und z.B das Café Rossi, aber auch seinerzeit der Bad. Kunstverein, wo wilde Jazz-Konzerte und Partys liefen, waren noch vor dem Topsy Ende der 60er die Kult-Locations in Karlsruhe. Im Topsy waren die cogestaltenden Künstler dann so radikal oder elitär, dass sie anfangs nur Künstler in ihren Club einlassen wollten. -rowa

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