Dampfßchreinerei

Stadtleben // Artikel vom 19.10.2019

Dampfßchreinerei (Foto: Swen Carlin)

Auch wenn der Verein Die Anstoß mittlerweile den ßpace am Kronenplatz sein Domizil nennen kann, hat er nicht vergessen, weswegen er einst gegründet wurde.

Auf ungenutzte Leerstände in Karlsruhe durch kulturelle Nutzung aufmerksam zu machen und Stadtentwicklung „von unten“ voranzutreiben. Mit der ehemaligen Dampfschreinerei in der Roonstraße bespielt Die Anstoß nun drei Wochen lang ein spannendes Industrieareal inmitten der Südweststadt. Über den gesamten Zeitraum läuft hier die zweistöckige Ausstellung „No tree, it is said, can grow to heaven unless its roots reach down to hell“. Beteiligt sind KünstlerInnen aus dem Umfeld der Karlsruher Kunstakademie und HfG sowie aus Tokio, Frankfurt und Gießen mit Arbeiten zwischen Malerei, Skulptur, Video und Sound.

Ebenfalls drei Wochen lang nistet sich das „temporäre Studio für Bewegung“ ein. Hier wird ein Tanzstück erarbeitet und dessen Zwischenergebnisse als „Takt der Arbeitslosigkeit“ am Sa, 2.11. vorgestellt. Das wiederum passiert im Rahmen von „ßcape The Gravity“, einer der regulären Veranstaltungsreihen im ßpace, die kurzerhand in die Dampfßchreinerei umziehen werden. „ßcape The Gravity“ steht für konzentriert-legeres Hören experimenteller Musik und öffnet sich dieses mal in Richtung Tanz und Performance.

Zwei weitere ßpace-Formate winken aus dem Dampf: Das Hang-Out-Format „ßpaced“ erweitert sich zum Hofflohmarkt, wie gewohnt mit DJs, Snacks und Drinks, und entsteht diesmal in Kooperation mit Cola Taxi Okay und dem Quartiersprojekt Südweststadt (Sa, 26.10.). Auch der Leßeclub kommt extended daher: Am Fr, 1.11. erweitert ein Filmscreening die traditionelle Besprechung des gemeinsam gelesenen Buchs, am Do, 7.11. hält Barbara Umroth einen Vortrag über Kritische Theorie und Feminismus. Zur Vernissage (Sa, 19.10., 16 Uhr) gibt’s ein Konzert der Hamburger Sängerin L Twills, und die Finissage am So, 10.11. verspricht neben Livemusik nochmals Diskussionen und Vorträge rund um Kunst und Politik. -fd

Programm

Sa, 19.10.

17 Uhr: Eröffnung der Ausstellung „No tree, it is said, can grow to heaven unless its roots reach down to hell“

Ausgestellte KünstlerInnen:
Anand Stadtländer, Ayla Pierrot Arendt, Benjamin Breitkopf, David Heitz, Hannah Gahlert, Hanna Kölsch, Lehel Lajos, Lukas Rehm, Margarethe Ucinski, Martin Pöll, Miriam Schmitz, Naomi Bosch, Nino Maaskola, Patrick Alan Banfield, Paula Kohn, Philipp Mainz, Rebekka Scheib, Stefan Jeske, Theresa Klumpp, Tomoyuki Ueno, Ulrich Okujeni

18-22 Uhr: Konzerte
Shitney Beers (Singer/Songwriter)
Maneki Neko (Grunge/Psychedelic)
Symbol Worship (Abstract/Techno/Noise)

22-3 Uhr: DJ-Sets
Discomat (Dub/Bass/Techno/Elektro/Kraut/Disco)
Ryoba (Electronic/Techno)

So, 20.10.

Das „Temporäre ßtudio für Körper in Bewegung“ lädt an drei Terminen zu verschiedenen Bewegungs- und Tanzangeboten von Improvisation bis hin zu zeitgenössischem Tanz und Performance-Ateliers ein.

12-13.45 Uhr: Zeitgenössischer Tanz (Flying Low)
In diesem Seminar beschäftigen wir uns mit Grundprinzipien der Bodenarbeit, die grundlegend für viele Stile des zeitgenössischen Tanzes und insbesondere für die Technik Flying Low sind. Darauf aufbauend erarbeiten wir Schritt für Schritt komplexere Bewegunsabläufe bis hin zu einer Bewegungsabfolge (Choreographie).

14.15-16.45 Uhr: Tanz-Lab „Schau“
Blicken ausgesetzt sein. Beobachten und beobachtet werden. Macht. Scham. Gemeinsam erforschen wir all das im Tanz. Reflexion. Austausch. Auftrag. Improvisation.

17.15-18 Uhr: Ein Takt in mir
Der Workshop basiert auf Elementen aus Körperarbeit, Improvisation und Expresión Corporal.
Gemeinsam spielen wir mit verschiedenen Charakteristika von Bewegung in Bezug auf Körper, Raum, Zeit und Gruppe um im Anschluss mögliche eigene Impulse für Bewegung aufzuspüren und in der Gestaltung von Bewegungsabläufen einzusetzen.

So, 27.10.

12-13 Uhr: Yoga
Für mehr Flexibilität am Sonntagmorgen

13.30-16.30 Uhr: Theater Entdeckungsworkshop
Ein Raum. Mein Körper. Ich spreche. Genau in diesem Moment bin ich da! Und wie geht das? Wie fülle ich den Raum mit meinem „Da-Sein“? Ein Theater Entdeckungsworkshop zum Thema Stimme und Präsenz mit Virginie Bousquet, Theaterpädagogin.

16.45-17.30 Uhr: Live Art – Game
Wie können wir Elemente aus Bewegungsfolgen oder Klang, Impulsen aus der Gruppe oder im Raum zu einem Ganzen zusammen fügen? Spielerische Komposition mit Elementen von Instant Composition

So, 3.11.

12-14.30 Uhr: Atelier Performance
Dinge beherrschen unser Leben. Doch wie können wir stattdessen die Dinge bestimmen? Ein Forschungsatelier zur performativen (Neu)Bestimmung der Beziehungen zwischen Körper und Objekten.

15-17.30 Uhr: Tik Tak
Improvisatorische Überraschung am Nachmittag, mit Ideen für zweiBitte bringt warme und lockere Kleidung mit, eine Isomatte oder Decke, bei Bedarf Gelenkschoner, Wasser! Und bei Teilnahme an mehreren Workshops Verpflegung für zwischendurch. Alles gegen Spende und keine Vorerfahrungen und Anmeldung nötig. Neben all dem recherchiert eine Gruppe von TänzerInnen im ßtudio der Dampfßchreinerei zum Thema „Takt der Arbeitslosigkeit“ und präsentiert ihre Ergebnisse in Form eines performativen Spektakels am 2.11. um 19 Uhr im Rahmen von ßcape The Gravity.

Do, 24.10.

19 Uhr: Leßeclub #15: Erich Fromm „Haben oder Sein“ & Videoscreening
„Haben oder Sein“ ist ein gesellschaftskritisches Werk von Erich Fromm aus dem Jahr 1976. Es handelt von einer philosophischen Anthropologie der Gesellschaft und beschreibt die zwei Charakterstrukturen Haben und Sein (Sozialordnung) und setzt sich kritisch mit den Thematiken auseinander. In seinem Werk legt Fromm seine kulturpessimistische Sichtweise dar, übt Kapitalismuskritik und beschreibt „eine Gesellschaft notorisch unglücklicher Menschen“. Er zeigt unter anderem etymologische, soziolinguistische, philosophische, religiöse und alltägliche Beispiele für den Unterschied zwischen Haben und Sein auf und analysiert den Unterschied der beiden Charakterorientierungen. Schließlich legt Fromm die Krise der (damaligen und heutigen) Gesellschaft dar und stellt Lösungsansätze vor.

Sa, 26.10.

15-24 Uhr: ßpaced #22
Hang-Out mit Italo Disco bis Hip-Hop, den ganzen Tag. DJ-Sets von Low Nat, Double U CC und DJ Stean

16-18 Uhr: Tanzworkshop
Das ßtudio lädt an vier Terminen zu verschiedenen Bewegungs- und Tanzangeboten von Improvisation bis hin zu zeitgenössischem Tanz und Performance-Ateliers ein. Offen für alle. 20.10./27.10./3.11. ab 12 Uhr sowie 26.10., 16-18 Uhr

19-20 Uhr: Performances „Self Display“
Gin Bahc: Massage
Gin Bahc realisiert ein typisches klischeebeladenes Massagestudio vor dem Publikum, dekoriert mit einigen exotischen, fernöstlichen und südländisch aussehenden Objekten. Sie massiert einen Kunden auf einer Liege, die zunächst keine klare Kontur hat und nur ein unförmiger Haufen Sand ist. Durch die Massage wird langsam eine Gestalt geformt, eine menschliche Figur entsteht. Die Massage ist wild, grob und urtümlich, und durch sie wird die menschliche Figur geformt und zerstört. Am Ende ist sie wieder nur ein Haufen Sand. Die Massage ist hier gleichzeitig ein künstlerischer Prozess.

Anna Köpnick: Mein nackter Panzer
Anna Köpnick hält zwischen ihren Bildern einen endlos scheinenden Monolog über ihre Träume und die Realität. Dabei erzählt sie über ihre eigenen künstlerischen Arbeiten und ihre Lebensgeschichte und bezeichnet damit quasi ein phantastisches Selbstporträt. Dabei erzählt sie über ihre eigenen künstlerischen Arbeiten und ihre Lebensgeschichte und bezeichnet damit quasi ein phantastisches Selbstporträt.

Cola Taxi Okay: Tattoostand

20 Uhr: Konzert von LTwills (Experimental Synth-Pop)

Sa, 2.11.

17 Uhr: ßcape The Gravity #8
Listening Lounge: Ein reduzierter Raum, abgedunkelt, Teppiche, Stühle. Das Format ermöglicht ungewöhnliche und durchaus fordernde Klänge zuhören. Die Sessions sollen eine Reise durch sonst meist nur privat gehörte Musik anbieten - Ambient, Glitchcore, Noise, New Age, Avantgarde, Industrial, Free Jazz, Neo Classical, etc. Soundperformances ebenso wie körperbezogene Inszenierungen fordern Seh- und Hörgewohnheiten heraus.

19 Uhr: Takt der Arbeitslosigkeit
Im ßtudio der Dampfßchreinerei recherchiert eine Gruppe von TänzerInnen zum Thema „Takt der Arbeitslosigkeit“ und präsentiert ihre Ergebnisse in Form eines performativen Spektakels.

21 Uhr: Kacktuss (Tape Art, Tortellini Records)

Do, 7.11.

17 Uhr: Leßeclub #16: Barbara Umrath „Kritische Theorie und Feminismus“
„Materialistische Kritik und Geschlechterverhältnisse – Zur Bedeutung der Kritischen Theorie aus feministischer Perspektive“ Barbara Umrath: Seit einigen Jahren wird wieder vermehrt diskutiert, wie sich materialistisches und feministisches Denken verbinden lassen. Allerdings stellen marxistisch-feministische Ansätze in erster Linie auf geschlechtliche Arbeitsteilung als einem entscheidenden Moment kapitalistischer (Re-)Produktionsverhältnisse ab. Im Vortrag soll dargestellt werden, welche Zugänge die Kritische Theorie eröffnet, die ab den 1930er Jahren von Max Horkheimer, Erich Fromm, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und anderen entwickelt wurde. Deutlich wird dabei werden, dass deren historisch-materialistische Perspektive über Kapitalismuskritik im engeren Sinne hinausgeht: Als kritische Theorie bürgerlicher Gesellschaft bedeutet diese immer auch Kritik herrschaftsförmiger Geschlechter- und sexueller Verhältnisse. Wie argumentiert werden soll, ist es nicht zuletzt die Verbindung von materialistischer Gesellschafts- und Subjektkritik und das Eröffnen einer utopischen Perspektive, was die Kritische Theorie auch heute noch für den Feminismus bedeutsam macht. Barbara Umrath arbeitet schwerpunktmäßig zu Geschlechter- und Gesellschaftstheorie. Ihre Dissertation „Geschlecht, Familie, Sexualität. Die Entwicklung der Kritischen Theorie aus der Perspektive sozialwissenschaftlicher Geschlechterforschung“ ist im März 2019 im Campus Verlag erschienen.

Sa, 9.11.

20-3 Uhr: Closing
Firat Shadé
Lux Lauterwasser
Emma-Lilo aka Super Venus

19.10.-10.11., ehemalige Dampfschreinerei, Roonstr. 23., Karlsruhe
www.dieanstoss.de

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