Ein Tag auf dem Turmberg

Stadtleben // Artikel vom 12.06.2019

Anders auf dem Turmberg

Hinauf geht es mit der Turmbergbahn.

Eigentlich wollte ich meine beiden halbstarken Söhne die berüchtigten 528 Stufen des Hexenstäffele hochscheuchen, doch es hat geregnet und rutschige Stufen sollen heute nicht zu vorzeitigen Unfällen führen, denn wir haben einen herrlichen Nachmittag auf dem Turmberg vor uns! Der beginnt nun ganz gediegen mit Deutschlands ältester aktiver Standseilbahn, die am 1.5. ihren 111. Geburtstag gefeiert hat. Oben vergleichen zwei keuchende Radler ihre Stempelkarten. Ein Gag für alle, die unterm Jahr das „Turmberg-Rennen“ vermissen: Am Turmbergomat neben dem Durlacher Friedhof ein Ticket ziehen, stempeln, hinaufkurbeln und oben kurz vor der Bergstation wieder stempeln. Auf turmbergomat.de steht die jährliche Rangliste. Die Biker pausieren gerade auf den Picknickstufen der Turmbergterrasse.

Der Neubau der Aussichtsplattform war ein Projekt zum Karlsruher „Stadtgeburtstag“ und enthält auch einen Veranstaltungsraum und ein barrierefreies WC. Wer sich traut, kann hier oben sogar heiraten; das kulinarische Programm zum unvergesslichen Tag bietet Sören Anders’ Restaurant gleich nebenan. Wir steigen auf den 30 Meter hohen Turm, der dem Karlsruher Hausberg seinen Namen gibt, Rest einer Burganlage aus dem 11. Jahrhundert. Der Blick über das Rheintal ist wunderschön, durch die frischgewaschene Luft sieht man heute sogar die Vogesen. Aber wir wollen heute ja noch woanders hoch hinaus – also wieder runter, an der Sportschule Schöneck vorbei die Jean-Ritzert-Straße entlang. Kurz vor dem Schützenhaus liegt der bei Familien besonders beliebte Waldspielplatz und gleich dahinter unser heutiges Ziel: der Waldseilpark. Unsere Befürchtung, dass der Kletterpark bei Nässe geschlossen hat, ist unbegründet. „Nur wenn es stürmt oder richtig stark regnet, machen wir zu“, sagt unser Trainer. „Sonst haben wir im Sommerhalbjahr an den Wochenenden immer auf und in den Ferien sogar jeden Tag. Feste Schuhe braucht man zum Klettern eh bei jedem Wetter.“

Nach der Sicherheitseinweisung lässt er uns auf die Bäume los, und wir haben drei Stunden Zeit, uns durch so viele Stationen wie möglich zu klettern. Der halbe Kletterpark ist frei ab sieben Jahren, Menschen ab 13 haben Zugang zu vier schwierigeren Routen, und wer 16 oder älter ist, hat nach einer zusätzlichen Sicherheitseinweisung die Möglichkeit, durch einen besonders herausfordernden Parcours zu klettern. Was von unten kinderleicht aussah, lässt uns schnell schwitzen. Alles schwankt und von oben sehen die fünf Meter Bodenabstand viel höher aus. Trotzdem ein Riesenspaß! Mittlerweile reißen die Wolken auf und die Sonne lässt die Bäume wild glitzern. Insgeheim frage ich mich, ob ich wirklich vom Affen abstamme oder nicht eher von einem Mehlsack. Doch mit jeder erfolgreich gemeisterten Station wächst das Selbstvertrauen und der Glaube an die Genetik kehrt zurück. Abends kehren wir zurück zur Turmbergterrasse.

Dort ist es mittlerweile voll und aufgrund diverser tragbarer Musikplayer auch recht laut. Wir flüchten zu Anders (Reichardtstr. 22, Tel.: 0721/414 59, Restaurant: Mo/Do-So 17.45-21.30 Uhr, So+Fei 12-13.30 Uhr; Hof-Bistro: Mo-Fr 15 Uhr-Sonnenuntergang; Sa+So 12 Uhr-Sonnenuntergang, ein Gastro-Check folgt in der Sommerdoppel-Ausgabe INKA #149) und ergattern einen Tisch im Hofbistro des Restaurantbetreibers, der mit 24 Jahren einst Deutschlands jüngster Sternekoch war. Wanderer, Geschäftsleute und Verliebte sitzen auf den mit Fellen gepolsterten Stühlen und Bänken und genießen das stimmungsvolle Ambiente des Burghofs. Zu knusprig-frischen Flammkuchen, feinem Bio-Wein und leckerer Limonade erleben wir dann ganz großes Kino: einen spektakulären, wolkengefleckten Sonnenuntergang über dem Pfälzer Wald. Dass wir die letzte Talfahrt um 20 Uhr verpassen, ist uns egal. Laufen wir eben, ist ja noch hell. -lic

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