Fünf Jahre Perfekt Futur

Stadtleben // Artikel vom 15.05.2018

Perfekt Futur (Foto: karlsruherfächer)

Karlsruhe liegt nach einem von der EU-Kommission vorgestellten Vergleichsmonitor in Sachen Kultur und Kreativwirtschaft im Spitzenfeld vergleichbar großer europäischer Städte.

Ein Erfolgsfaktor mit mittlerweile bundesweiter Strahlkraft ist der Kreativpark Alter Schlachthof, auf dem rund 1.600 Akteure ihre kreative Basis haben. Um Jungunternehmen eine Fläche zu bieten, eröffnete die Karls­ruher Fächer GmbH in Kooperation mit dem K3 Kultur- und Kreativwirtschaftsbüro Karlsruhe im Frühjahr 2013 das Gründerzentrum Perfekt Futur. Mit bislang über 250 Bewerbungen sind die rund 70 als Büroräume dienenden Seefrachtcontainer ein attraktiver Standort für Start-ups und Gründungsideen aus den elf Kreativbranchen. Für sie und alle anderen Kreativunternehmen ermöglicht das im Herbst fertiggestellte neue Wachstums- und Festigungszentrum dann den nächsten Schritt nach der Gründungsphase. Zeitgleich werden im Herbst 20 „Perfekt Futur“-Container frei, um die man sich noch bewerben kann. Wie gut es im Containerdorf laufen kann, zeigen die nachfolgenden Musterbeispiele zweier ehemaliger Mieter. Und auch zwei Neuzugänge werden in unserem Special zum Jubiläum des Existenzgründerzentrums vorstellig. -pat
www.perfekt-futur.de

Atelier für Emotionsdesign
Gefühle sind ihr Ding: Das „Atelier für Emotionsdesign“ will Firmen an ihren authentischen Kern heranführen und mit passenden Kommunikationsmitteln Emotionen hervorrufen. „Wir machen glücklich, das ist unser Claim. In einer Art Coaching erarbeiten wir mit dem Kunden ganzheitlich seine Ziele und eine Identität, auf der alle weiteren Maßnahmen aufbauen“, sagt Oliver Boeg, der die Kreativagentur zusammen mit Mischa Vollmann leitet. Mit einem Team aus visuellen Gestaltern und Textern produzieren sie Websites, Videofilme, Printmedien und Veranstaltungen. „In der Start-up-Phase vor viereinhalb Jahren war das Perfekt Futur ideal. Ich kann nur empfehlen, nicht allein im stillen Kämmerlein zu starten, sondern an Orten wie diesem den Austausch mit Menschen in der gleichen Situation zu suchen“, sagt der diplomierte Medienkünstler Boeg. Durch die Nähe zu den Nachbarn könne man sich schnell mal einen Rat holen oder Equipment ausleihen. Auch die Veranstaltungen rund um das Perfekt Futur herum nutzten sie anfangs oft, um Kontakte zu knüpfen. So gewannen sie beim Tag der offenen Tür direkt die Firma Stadtmobil als Kunde, für die sie bis heute arbeiten. „Wir fanden die Heterogenität im Perfekt Futur immer cool, weil dort die Theaterschneiderin neben dem IT-Entwickler sitzt. In der Zeit ist ein nachhaltig kostbares Netzwerk entstanden und oft kamen die Leute sogar mit Aufträgen auf uns zu.“ Irgendwann vergangenes Jahr wurde es aber eng im Container und die emotionalen Designer bezogen neue Räume im Kulturzentrum Tempel. „Mit jetzt sieben festen Mitarbeitern im Kernteam ist es, als ob wir aus der Pubertät kommen“, sagt Oliver Boeg. „Die wilden Zeiten sind vorbei, man hat Erfahrungen im Business gemacht und unterschiedlichste Kundencharaktere kennengelernt. Jetzt professionalisieren wir uns immer mehr, automatisieren Prozesse – weil es notwendig ist, aber auch, um Freiräume für künstlerische und kulturelle Projekte zu schaffen.“ Ihre Kunden kommen teils aus dem karitativen Bereich, vom Sozialdienstleister über das Seniorenheim bis zum Kinderprojekt. Daneben wird das „Atelier für Emotionsdesign“ aber auch häufig von Software-Unternehmen gebucht, erzählt der Gründer. „Gerade für die sehr technischen Produkte wird zunehmend nach einer emotionalen Kommunikation gesucht.“ -nin
Hardtstr. 37 a, Tel.: 0721/625 50 80, www.emotions-design.de

Fjutscha
„Wir gestalten mit unseren Kunden den digitalen Wandel“, sagt Stefan Raab, der Geschäftsführer von Fjutscha. „Dafür bauen wir ein Spiel mit verschiedenen Teams auf, die Punkte dafür bekommen, dass sie Silicon-Valley-Methoden wie Design Thinking, Scrum oder Lean Start-up an ihren Projekten ausprobieren. Damit sollen Entwicklungen nicht so schwerfällig sein, wie in der Vergangenheit, sondern agil und kurzfristig durchführbar.“ Das Gute an dem Konzept sei, dass es sich skalieren lässt und für kleine Abteilungen ebenso anwendbar ist wie für große Konzerne, erklärt der Geschäftsführer. Anhand der Spielpunkte für die Projekte kann eine Firmenführung ablesen, wie weit ihre Mitarbeiter schon in der neuen digitalen Welt angekommen sind. „Häufig geben Unternehmen viel Geld für Weiterbildung aus, wissen aber nicht, wie wirksam das Ganze ist. Wir drehen den Spieß um und sagen, wenn ihr eine Wirkung habt, gibt es dafür Punkte. Je mehr die Leute in die Digitalisierung eintreten, desto deutlicher sieht man das anhand des Scoreboards“, so Raab. Alle nötigen Methoden trainieren die Mitarbeiter in E-Learnings und Coachings. Der studierte Sportwissenschaftler und promovierte Organisationspsychologe Stefan Raab bezeichnet sein Business auch gerne als Fitnessstudio für den digitalen Wandel: „Am Anfang machst du einen Check, dann wird ein Zielbild erarbeitet und schließlich verschiedene Fähigkeiten trainiert. Wer eingerostet ist, darf anfangs nicht zu viel machen, sondern braucht erst eine Mobilisierung. Das ist bei Firmen wie bei Menschen!“ Deshalb berät Fjutscha nicht die Start-ups junger Uni-Absolventen, sondern Corporates, die in die Jahre gekommen sind und ihre Innovationskraft verloren haben. Im Lauf des Fitnessprozesses folgt eine Form von Flexibilisierung bis hin zur Transformation durch das Spiel. Nach dem Motto: Mehr Know-how und Selbstorganisation in die Firmen bringen – Bildung statt Berater. „Das Perfekt Futur passt als Standort perfekt zu uns, weil es dem entspricht, was für uns ein Qualitätsmaßstab ist: Reduce, reuse, recycle. Die Container symbolisieren Reduktion auf das Wesentliche, sind wiederverwendbar und wurden einem anderen Zweck zugeführt. Genau das begegnet uns in unseren Transformationsprojekten immer wieder.“ -nin
Alter Schlachthof 39 (Container F3), Tel.: 0721/46 72 28 52, www.fjutscha.de

Cordula Schulze – Text, Konzept, PR
Texterin Cordula Schulze ist auch nach Auszug aus ihrem Frachtcontainer-Büro eng mit dem Perfekt Futur verbunden: Für Netzwerk-Events oder einfach auf einen Kaffee mit alten Kollegen kommt sie gerne in das Gebäude auf dem Alten Schlachthof zurück. „Die Infrastruktur des Kultur- und Kreativwirtschaftsbüros K3 war in der Gründungsphase sehr hilfreich für mich. Auf den Beratungsveranstaltungen konnte ich leicht Kontakte knüpfen und die Atmosphäre im Containerdörfchen ist einfach gut für die Seele“, schwärmt die PR-Journalistin. Durch seine einzigartigen Räume – 68 gestapelte Seefrachtcontainer in einem historischen 20er-Jahre-Bau – fördert das Perfekt Futur auch den Kontakt zu den Kunden, weiß Cordula Schulze aus Erfahrung, denn dieser Ort weckt Neugierde. In drei Jahren als Container-Mieterin hat sie mit manch einem Büronachbarn zusammengearbeitet, als Dienstleisterin oder als Auftraggeberin. So stammt etwa ihre Website von den Dorfjungs. „Irgendwann hatte ich dann aber das Gefühl, den Gründerhut absetzen zu müssen. Die Stadt stellt diese Einrichtung zur Verfügung, um sich in der Selbstständigkeit zu etablieren. Aber man soll hier ja nicht alt werden“, sagt die Kreativarbeiterin. Deshalb schlug sie zu, als ihr eine Bürogemeinschaft in der Innenstadt angeboten wurde, die nicht nur zentral, sondern auch in einem Betonbau der 60er Jahre liegt. Für diese Art der Architektur schlägt das Herz der leidenschaftlichen Fotografin, wie ihr Instagram-Account beweist. Heute versorgt die langjährige Agentur-Mitarbeiterin ihre Kunden von der südlichen Waldstraße aus mit Pressetexten, Blogbeiträgen oder Schlusskorrekturen. „Ich arbeite viel in den Bereichen Logistik, Energiewirtschaft und Handel. Aber immer wieder kommen Kunden auch mit außergewöhnlichen Themen auf mich zu. Gerade habe ich für einen Schweizer Patissier ein Rezeptebuch schlussredigiert und durfte mich mit Fragen zur Tartelette-Herstellung beschäftigen!“ Neben exotischen Einzelaufträgen arbeitet die gebürtige Essenerin an festen Periodika wie Unternehmensmagazinen und anderen Produkten aus dem Bereich Corporate Publishing. „Kundengewinnung lief bei mir immer übers Netzwerk. Aus meiner beruflichen Vergangenheit hatte ich viele Kontakte, und auch in der Perfekt-Futur-Zeit haben sich tolle Kooperationen und Empfehlungen ergeben. -nin
Waldstr. 91, Tel.: 0721/97 79 02 40, www.cordula-schulze.de

Was für Hollywood
Mit seiner smarten Methode liegt René Ewald im Trend: Aus Dingen, die schon da sind, macht er mit wenig Aufwand etwas Neues. „So kann ich Filme für relativ kleines Budget anbieten. Wenn ein Modedesigner schöne Fotos seiner Kollektion machen lässt, muss er nicht noch einen teuren Imagefilm bestellen. Ich füge einfach die Bilder zu einer Art Slideshow zusammen und lege Musik darunter. So kann man die Emotion hinter einer Marke einfacher verkaufen“, sagt der Mediengestalter für Bild und Ton. Mit unkomplizierten Clips für Social Media und Web will er die Hemmschwelle senken und mehr Leute an das Thema heranführen. Denn der Bedarf an kleinen Produktionen ist groß in einer Zeit, in der dank Social Media jeder seine Marke, Dienstleistung oder Kunst selbst vermarkten kann. „Ich bin ohne Eigenwerbung gut beschäftigt, gerne verkaufe ich auch Texteinblendungen auf Fotos, die komplexe Themen in 60 Sekunden möglichst einfach erklären“, berichtet René Ewald. Mit seiner Firma „Was für Hollywood“ hat er gerade einen Einzelcontainer im Perfekt Futur bezogen und wagt sich Schritt für Schritt in die Selbstständigkeit – drei Tage pro Woche arbeitet er momentan noch fest angestellt bei Gameforge. 2018 hat der Filmemacher einiges vor: „Ich würde gerne einen Künstler auf Tour begleiten und eine Art Tagebuch drehen, Laptop und Kamera immer dabei, rasch produzieren und kurz nach dem Gig schon ein Video veröffentlichen.“ So ähnlich lief das Projekt mit dem Karlsruher Designer Riaz Dan: „Auf der Modemesse „Premium“ in Berlin haben wir am ersten Tag einen Clip aufgenommen, der schon kurz danach online ging und in einer lokalen Social-Media-Kampagne platziert wurde. Damit kann ein kleines, unbekanntes Label alle Leute auf dieser großen Messe erreichen!“ Weil der 29-Jährige aktiv mit Ideen auf potenzielle Kunden zugeht, lernte er auf jener Messe die Macher der Sportmode-Marke Morotai kennen und drehte spontan ein Video mit ihnen. „Den Aufwand simpel halten, das steckt hinter meinem Namen, der Hollywood ein bisschen hinterfragt. Man braucht eben keine großen Filmteams mehr, um Bewegtbild zu produzieren.“ René Ewalds Traum ist, das Gegenteil von Hollywood eines Tages hauptberuflich zu machen. „Der nächste Schritt wird der schwierigste: weg von der Sicherheit in die komplette Selbstständigkeit!“. -nin
Alter Schlachthof 39 (Container B6), Tel.: 0172/953 52 53, www.wasfuerhollywood.de

Get Lazy
Die Faulenzer-Klamotten von Get Lazy sind eigentlich viel zu stylisch, um nur damit nach getaner Arbeit im Wohlfühlmodus auf der Couch zu chillen. Denn bei der kuschelweichen Kleidung des nachhaltigen Karlsruher Modelabel-Start-ups aus dem Gründerzentrum Perfekt Futur handelt es sich um neu gedachte zeitlose Klassiker: Jogginghosen, Hoodies und Sweater, die durch Tragekomfort und modisches Design überzeugen. Individualisten können sich das Kapuzen-Inlay ganz individuell gestalten – ob Bandshirt oder Fußballtrikot, ein Stück von Omas Wohnzimmergardine oder der Stoff des Hochzeitskleids. Konsequent kompromisslos auf Sinn- statt Gewinnmaximierung ausgerichtet ist aber auch die Produktion: Neben zertifizierter Biobaumwolle und natürlichen Färbemitteln legt der aus Berlin stammende Gründer Fabian Krüger getreu dem Firmenmotto „Tue dir Gutes und tu Gutes dabei“ besonders großen Wert auf Regionalität und die Integration von Flüchtlingen, weshalb sich Get Lazy „Made in Germany. Made by Refugees.“ labeln darf. -pat
Alter Schlachthof 39 (Container E1), www.get-lazy.com

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