HfG: Experimentierfeld und Ideenschmiede

Stadtleben // Artikel vom 30.07.2007

15 Jahre Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

"Wer hier erfolgreich studieren will, darf keine Monobegabung haben. Begabte Fotografen kämen nicht bis zum Ende, wenn sie nicht auch andere künstlerische Kompetenzen hätten", erklärt Uwe Hochmuth. Seit dem vergangenen Wintersemester ist er neben Volker Albus als zweiter Prorektor an der Hochschule für Gestaltung (HfG) zuständig für Finanzen, Organisation und Forschung. Der ehemalige Stadtkämmerer sitzt bereits seit zwölf Jahren im Stiftungsrat des ZKM und kennt daher die Situation der benachbarten Hochschule bestens.

Beide Institutionen, ZKM und HfG, wurden 1992 von Heinrich Klotz gegründet. Forschung, Lehre und praxisorientierte Projekte sollten gekoppelt werden. Mit 47 Studenten startete die innovative Hochschule und verzeichnete beim Jahrtausendwechsel bereits 375 Studierende. Nachdem ihr Gründer 1999 verstorben war, übernahm der Philosoph Peter Sloterdijk die Leitung.

Der renommierte Denker versteht es, dieses kreative Kraftfeld in der Öffentlichkeit zu repräsentieren. Mit rhetorischem Geschick und konkreten Ideen tritt er für einen erweiterten Gestaltungsbegriff ein. An dieser "Schule der Selbstständigkeit" geht es nicht mehr nur um Interdisziplinarität, also fächerübergreifende Zusammenarbeit, sondern um "Transdisziplinarität". 

„Wenn wir einen neuen Typ Fragestellung entdecken, dann entwickeln wir dazu eine passende Methode", verdeutlicht Hochmuth. Transdisziplinarität, ein modernes Schlagwort, reflektiert wissenschaftliches Arbeiten und stellt Fragen, die sowohl thematisch als auch methodisch über die Grenzen der Disziplinen hinausgehen. In diesem Jahr besteht die HfG seit 15 Jahren. Zeit für eine Bilanz.

Streift man durch die riesigen Hallen der ehemaligen Munitionsfabrik IWKA, fühlt man sich ein bisschen wie auf einem großen Experimentierfeld. Im Lichthof liegen überdimensionale Holzfiguren, in den Ateliers wird gehämmert, lackiert und gewerkelt. In den oberen Räumen scharen sich handverlesene Studenten um die Professoren. Die HfG bietet dem Einzelnen hohe Gestaltungsfreiheit. Rund 400 Studenten besuchen derzeit die außergewöhnliche Ideenschmiede.
Wer aufgenommen wird, kann sich seine Projekte selbst stricken und sucht dann einen Professor mit dem er sie durchführt.

Mühelos funktioniert auch der Wechsel innerhalb der fünf Fachbereiche: Ausstellungsdesign und Szenografie, Kommunikationsdesign, Kunstwissenschaft und Medientheorie, Medienkunst sowie Produktdesign. Sämtliche Veranstaltungen und Seminare sind offen für alle Semester. Man zappt von Szenografie zu Produktdesign, schnuppert in Kunstwissenschaft und arbeitet schließlich an einer Videoarbeit in der Medienkunst.

HfG-Absolventin Betti Trummer lotste sogar ihren Favoriten an die Hochschule. Sie überzeugte die innovative Institution, Francois Chalet als Gastprofessor zu gewinnen. Mit ihren witzigen Illustrationen war sie bei dem Züricher Stargast Chalet gut aufgehoben, und als dieser nach zwei Semestern wieder zurück in die Schweiz ging, konnte sie dennoch ihre Diplomarbeit "Der Bildwitz im öffentlichen Raum" von ihm betreuen lassen. Das Projekt sorgte mit großformatigen Comicfiguren aus Holz, die am Markt- und Europaplatz, im Schlossgarten und in der Klotze aufgestellt wurden, für zwiespältige Reaktionen.

Manche standen mit dem Handy vor einer ebenfalls schnurlos telefonierenden Figur, auf deren Sprechblase zu lesen ist: "Ich rufe dich später zurück, bin gerade in einer Schweigeminute". Inzwischen hat Trummer ihre wetterfesten Werke erfolgreich bei ebay versteigert. Im Netz kam der Witz offensichtlich besser an als in der Fächerstadt. Ein Video dokumentiert die unterschiedlichen Reaktionen (www.skizzenblog.com). Doch die Grafikerin ist dennoch sehr zufrieden mit ihrem Experiment.

Inzwischen arbeitet sie als selbstständige Illustratorin, Web- und Grafikdesignerin in Hamburg, zeichnet täglich einen Cartoon-Weblog unter dem Pseudonym Tante Kong und gestaltete für die aktuelle INKA-Ausgabe das Titelblatt. Trummer absolvierte ihr HfG-Studium in sechs Jahren.

Rückblickend meint die 26-Jährige: "Ich konnte mich unter dem flexiblen Dach der HfG prima entfalten. Die Struktur ist sehr offen, es gibt kein verschultes Programm. Durch praxisbezogene Projekte bekam ich früh Kontakt mit potenziellen Kunden und lernte den Umgang in der freien Wirtschaft."

Den Studierenden zugute kommen auch die HfG-Partnerschaften mit 22 Hochschulen in Europa, Australien, China, Japan und den USA. Kritisch beäugen manche die Sonderstellung der HfG in Bezug auf befristete Professorenstellen. Deren Vorteil liegt auf der Hand: Junge Professoren auf Zeit bringen frischen Wind, z.B. der vielfach ausgezeichnete Münchner Produktdesigner Stefan Diez, die Kommunikationsdesignerin Tania Prill, die gerade in der Schweiz für ihre Buchgestaltung mit Preisen überhäuft wurde, oder der Ausstellungsdesigner Wilfried Kühn, der u.a. die Ausstellungsarchitektur der Documenta 11 und der Flick Collection in Berlin realisierte.

Häufiger Wechsel steht auch für neue Ideen. Doch die Krux bei der Sache ist, dass spannende Leute mitunter abwinken, weil sie eine unbefristete Stelle bevorzugen. Die Hochschule ist sich des Problems bewusst und agiert, wie nicht anders zu erwarten, auch hier offen und flexibel. "Wir denken darüber nach, die Lehrkörperstruktur zu verändern", berichtet Uwe Hochmuth, "vielleicht wird jedes der fünf Studienfächer sowohl unbefristete als auch befristete Stellen erhalten. Auf jeden Fall wollen wir das Prinzip Beweglichkeit stärken."

Wer als Student den Sprung in die HfG geschafft hat, den erwartet ein traumhaftes Betreuungsverhältnis. Auf rund 23 Studierende kommt ein Professor. Die Atmosphäre ist entsprechend entspannt und persönlich. Beim komplexen Aufnahmeverfahren wird eine Vorauswahl über eingereichte Mappen getroffen, danach müssen sich die Bewerber einer Eignungsprüfung unterziehen. "Es kommt schon mal vor, dass wir junge Talente an eine Kunstakademie verweisen, wenn sie super gut malen, aber mit Ausstellungsdesign nichts am Hut haben", bemerkt Hochmuth.

Vom persönlichen Kontakt profitieren die Studenten enorm. Die Bürotüren der Professoren stehen ihnen immer offen. Egal ob einer beim Finanzierungsplan seines Ausstellungsprojektes in der Sackgasse steckt oder nicht weiß, wie er eine Lasur auftragen soll. Ihr Professor berät sie auch kurzfristig im Einzelgespräch oder macht einen Termin für eine Handvoll Studenten. Learning by doing wird mit informellem Wissenstransfer verbunden.

Das war auch ein Grund für den koreanischen Studenten Yunjun Lee, von Paris an die HfG zu wechseln. Denn die klassische Ausbildung in der Metropole war ihm und seiner koreanischen Studienkollegin zu steif. 2006 hat er im Rahmen seines Studiums an der HfG im ZKM das alle Sinne ansprechende "Synestesia", eine zu berührende Klangschale aus Keramik, für die Ausstellung "Kunst Computer Werke" realisiert (www.pearldivers.org). Die Majolika unterstützte dieses philosophisch untermauerte Projekt.

Zahlreiche Kooperationen erweitern studentische Möglichkeiten. Momentan sind gemeinsame Vorlesungen mit der Karlsruher Universität in Planung. Im Fachbereich Medienkunst lehrt seit Wintersemester 05/06 die Künstlerin Anna Jermolaewa. Sie ist in Sankt Petersburg geboren, lebt in Wien und unterrichtet in Karlsruhe. "Wenn ich hier bin, wohne ich im Hotel", lacht die Professorin. Sie verkörpert Merkmale der Hochschule: interkulturel-e Vernetzung, örtliche Flexibilität und Praxisbezug.

Jermolaewa regt ihre Studenten an, neue Arbeiten im öffentlichen Raum zu zeigen. "Es ist wichtig, nach draußen zu gehen, um ein größeres Publikum zu erreichen", meint die sympathische Frau mit österreichischem Akzent. Bei ihrer Suche nach potenziellen Präsentationsorten in Karlsruhe wandte sie sich an die Stadtverwaltung und wurde an die Familie Wiederstein vermittelt, die ein Haus in der Waldstraße gekauft hatte.

"Das sind unglaublich nette Menschen mit drei Kindern und zwei Kaninchen, die uns kostenlos den Erdgeschossraum mit den großen Fensterflächen zur Verfügung stellen, solange umgebaut wird. Der Hausbesitzer steigt sogar selbst auf die Leiter und hilft beim Aufbau, wir sind ihnen sehr dankbar", schwärmt Jermolaewa, die gerade eine Zusage erhalten hat, dass sie die "Auslage" ein weiteres Jahr nutzen können.

Studenten entwerfen speziell für diese Schaufenstersituation (zwischen Aldi und Badischem Kunstverein) ihre Arbeiten. Den Karlsruher Stadtgeburtstag 2006 peppten HfG-Studenten unter der Leitung von Volker Albus, Professor für Produktdesign, mit "City Rooming" auf. Tapezierte Stromkästen gehörten ebenso dazu wie transportable Abstelltische an Verkehrsschildern oder zu Fahrradständern umfunktionierte Litfasssäulen.

Ein Produkt umdeuten, umnutzen, durch geringe Eingriffe verwandeln gehört zu den Grundaufgaben eines Produktdesigners. Ideen sind in diesem Kreativpark gefragt. Wer welche hat, dem steht niemand bei der Umsetzung im Weg. Das Ergebnis sind meist verblüffend einfache, witzige und brauchbare Produkte, die auch noch erfolgreich kommuniziert werden.

Nicht nur Studenten, sondern auch Lehrkräfte sind von den offenen Strukturen an der HfG begeistert. Anna Jermolaewa äußert sich positiv darüber: "An klassischen Akademien sind die Studenten als Meisterschüler an einen Professor und dessen Kunstverständnis gebunden. Hier können sie frei wählen und sich an unterschiedlichen Positionen orientieren. Außerdem werden die Absolventen durch das Projektstudium gut auf den Arbeitsmarkt vorbereitet und fallen selten in die Post-Diplom-Depression. An der HfG kuratieren die Studenten selbst Ausstellungen, planen und finanzieren ihre Projekte von Anfang bis Ende und knüpfen erste Kontakte zu Museen oder zur Wirtschaft."

Sogar in den theoretischen Fächern wird auf eine praxisnahe Ausbildung Wert gelegt. Der Kunsthistoriker und Kritiker Wolfgang Ullrich hat soeben eine feste Professur für Kunstwissenschaft und Medientheorie übernommen. "Wir wollen schon während des Studiums potenzielle Berufsfelder aufzeigen und breit gestreut ausbildet", erklärt der 1967 in München geborene Wissenschaftler.

An seinem Kunstkritikseminar nahmen rund 20 Studenten teil, die verschiedene Kritiken in unterschiedlicher Länge und Schreibstil verfassen mussten. Ullrich, der in seinem Buch "Tiefer hängen" gegen das erhabene Kunstwerk äußerst intelligent polemisiert, hat aufgrund seiner vielfältigen Tätigkeiten ein großes Netzwerk, von dem die Studenten profitieren. Er lädt Kritiker von außerhalb ein und kooperiert mit hiesigen Kunstinstituten. Der junge Professor hat seinen Hauptwohnsitz inzwischen nach Karlsruhe verlegt, wenngleich er ein Standbein in München behält.

"Die Bibliotheken dort sind sehr gut bestückt, ich finde dort alles was ich suche," begründet Ullrich. Dennoch fühlt er sich in der Fächerstadt bereits wohl: "Karlsruhe ist urbaner als man denkt, ich genieße es, kurze Distanzen zu Fuß zu gehen, die Stadtgröße reicht mir aus und ist überschaubar."

Ullrich lobt die Verzahnung von Theorie und Praxis an der HfG, wodurch die Studenten wichtige Gegenwartskompetenzen erwerben. Allerdings falle es aufgrund der familiären Situation manchmal schwer, Kritik zu üben. Auch müssten die Professoren regelrecht um die Studenten werben, eine an Hochschulen sonst eher ungewohnte Situation.

Doch genau diese individuelle Betreuung mag der Hauptgrund dafür sein, dass die HfG sehr wenige Studienabbrecher verzeichnet. Regelmäßig öffnet diese moderne Hochschule auch für die Allgemeinheit ihre Pforten. Mittwochs lesen im Blauen Salon junge Autoren. Wissenschaftler tragen ihre Thesen vor und zu den best besuchten Events zählen Veranstaltungen mit HfG-Rektor Peter Sloterdijk. Als der Freigeist sein neues Buch "Zorn und Zeit" vorstellte, reichte die üppige Bestuhlung des großen Lichthofes bei weitem nicht aus.

Jüngst diskutierten bei einem "G4-Gipfel" ganz ohne Zaun und Stacheldraht die vier HfG-Professoren Boris Groys, Peter Sloterdijk, Wolfgang Ullrich und Beat Wyss. Zur Kamuna am 4.8. präsentiert die HfG eine Best-Of-Auswahl ihrer Jahresausstellung "Sommerloch ’07". Im September steht der zweitägige Kongress "Ich, Wir und die anderen" auf dem Programm. Eine Veranstaltungsübersicht bietet der neu eingerichtete Newsletter, den jeder über die Homepage der HfG abonnieren kann: www.hfg-karlsruhe.de. -Ute Bauermeister

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