Nahvernichtung durch Nachverdichtung

Stadtleben // Artikel vom 12.09.2018

Berckholtz-Stiftung

In der Sommerpause las ich einen Artikel in den BNN über die Berckholtz-Stiftung und deren geplanten Neubau in der Weststadt, der aufgrund von nun zu realisierenden Gesetzesvorgaben (Kurzform: jeder Raum eine Nasszelle, 100 Plätze statt derzeit 140) nötig sei.

Der Antrag wurde genehmigt, bereits 2016, Bezug des neuen Gebäudes soll bereits Ende 2021 sein. Die Eigentümer der umliegenden Wohnhäuser wurden informiert, die Mieter nicht. Wie der Verfasser dieses Textes, der aus seinen Wohn- und Arbeitsräumen, in denen im wesentlichen INKA entsteht, auf gerade mal 15 Meter über die Straße hinweg Sichtkontakt hat auf das zum „Abholzen freigegebene Gelände“.

Anders ging man im Sophien-Carré vor, wo zwar die Anwohner früh informiert wurden, aber offenbar ebenso alles einfach hinnehmen sollen, was geplant ist. Etwas weiter Richtung Westen auf dem großen Areal der Berckholtz-Stiftung, sorgt die vergleichsweise offene derzeitige Bauweise für eine Durchlüftung des sonst stickigen südlichen Weststadt-Gebiets und der ohnehin problematischen Geranienstraße: Diese hat eine zu enge Fahrbahn und zu breite Gehwege. Es ist bereits der zweite Bauträger aus dem kirchlichen Bereich, der hier nachverdichtet sprich seinen Immobesitz versilbert – auf Kosten der Bewohner und der Ökologie. Welchem Bewohner nutzt es, wenn in 25 Jahren wieder der aktuelle Baumbesatz erreicht ist?

Im BNN-Text wird eine Mitarbeiterin des Presseamtes zitiert, es „müsse“ eine Blockrandbebauung (samt Abholzen allen Grüns) geben. Wir fragten im PIA an, dann bei Monika Regner, der Leiterin des Stadtbauamtes. Sie verwies in einem längeren Telefonat mehrfach auf Paragraph 34: Bürger könnten keine korrekt gestellten Bauanträge „verbieten“, wovon meinerseits keine Rede war. Als Karlsruher weiß ich: Bürger können auch keine riesigen Waschanlagen neben ihren Wohnhäusern verbieten wie in der Nordstadt. Was Bürger aber dürfen, ist auf einen ökologisch-freundlichen Bau drängen, angesichts des riesigen Bauvolumens. Zur Kernfrage: Hat die Stadt vor (!) der Bauvoranfrage allen Ernstes an dieser Stelle eine ökologisch extrem bedenkliche Blockrandbebauung beim Bauträger sogar gewünscht oder „erbeten“? Mehr dazu im Oktober, denn Frau Regner verwies bei dieser Frage auf Anke Karmann-Woessner, Leiterin des Stadtplanungsamtes. Diese wiederum zurück auf Frau Regner.

Es wäre in Karlsruhe dann langsam an der Zeit, dass Politik und Verwaltung mit ihrem Vorhaben, „den Bürgern ihre Stadt endlich schrittweise zurückzugeben“, ernst macht. Insbesondere wo es um die Belange der hier lebenden Menschen geht. Auch wenn die Stadt durch die städtische Volkswohnung selbst ein großer Player auf dem Immomarkt ist. Bei Ikea und dem Dommermuth-Bau war der OB selbst zur Stelle. Aber wie in INKA schon prophezeit: Es rächt sich nun, dass die SPD vor zwei Jahren keinen geeigneten Baubürgermeister-Kandidaten parat hatte und Michael Obert noch weiterwirken durfte, obwohl die Stadt inmitten ihres historisch größten Umbaus steht. Insbesondere die Verwaltung der Stadt sollte für die Bürger und die oft beschworene Bürgergesellschaft agieren. Und endlich grundlegende Parameter wie Durchlüftung und ökologischen Ausgleich miteinbeziehen in ihre Planungen.

Oder ist die Bürgergesellschaft der „Feind“, der nur ständig mit Einwänden, Einsprüchen und guten Vorschlägen nervt? Ach so: Die BNN brachten am 1.9. einen Leserbrief zum Thema, am 4.9., dem Tag vor Drucklegung dieser INKA-Ausgabe, dann eine ganze BNN-Seite PR – verbrämt als historischer Abriss – für die Berckholtz-Stiftung. Ein Schelm, wer da an was denkt. Einfach nur unappetitlich, ein solcher Vorgang.

Heftiger Widerstand regt sich dagegen bereits in der Oststadt, wo die Genossenschaft Hardtwaldsiedlung das unter Denkmalschutz stehende, von Karl-Wilhelm-, Park-, Hölderlin- und Emil-Gött-Straße umgebene Gartenareal „Am Fasanengarten“ (s. Video) bebauen will: Die Bürgerinitiative „Rettet die Gärten der Oststadt Karlsruhe“ (www.facebook.com/rettetdiegaertenderoststadt) macht u.a. mit einer Onlinepetition (www.openpetition.de/petition/online/hilfe-fuer-denkmalgeschuetzte-gaerten-in-karlsruhe-oststadt) und einem Brainstorming-Treffen (Sa, 29.9., 18 Uhr, Pizza Haus, Rintheimer Str. 2) gegen die Pläne mobil. Der Antrag für den Neubau hinterm Franz-Rohde-Haus ist dagegen inzwischen genehmigt worden. -rw

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