Schleppender Neustart: Die Kultur hat (nicht nur) Long-Covid

Stadtleben // Artikel vom 03.11.2022

Substage (Foto: Romy Picht)

„50 Prozent ist das neue Ausverkauft“, lautet seit einigen Monaten das Motto der KulturveranstalterInnen.

Nachdem im Frühjahr die Einschränkungen der Corona-Pandemie auch in der Kultur gefallen sind, kämpfen die Spielstätten um jeden Gast. „Manche Veranstaltungen laufen sehr gut, aber der große Rest dafür sehr schlecht“, sagt Paul Taube von der Kulturhalle Remchingen. Im Vergleich zu den vorpandemischen Zeiten sei das Publikum um 30 bis 50 Prozent eingebrochen. Im Jubez wird ein Rückgang um 30 Prozent gezählt. Auch Martin Holder vom Tempel sieht „Licht und Schatten, aber sehr viel Schatten“ beim Blick auf die Besucherzahlen. „Die Leute kommen kaum noch.“ Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben das Verhalten der Menschen geändert. „Die Selbstverständlichkeit, wo gehe ich denn am Wochenende hin – das ist weg“, sagt Britta Velhagen vom Tollhaus. Statt am Freitag oder Samstag eine Kulturveranstaltung zu besuchen, hätten viele die Vorzüge des heimischen Sofas oder anderer Angebote schätzen gelernt. „Nach zwei Jahren Abstinenz, gehört Kultur für viele nicht mehr automatisch zum Alltag“, sagt Velhagen. Besonders in der Altersgruppe zwischen 40 und 50 Jahren hätten es sich viele zu Hause gut eingerichtet und es fehle die Lust, wegzugehen, sagt Holder.

Der Direktor des Staatstheaters Johannes Graf-Hauber sieht mit knapp der Hälfte der Besucher im Vergleich zu früher „vergleichsweise gute Zahlen“ für sein Haus. Dabei konnte ein Großteil der Abonnements gehalten werden. Im ZKM zeige sich ein gemischtes Bild, sagt Helga Huskamp: „Während die Führungen fast wieder wie früher sehr gut gebucht werden, halten sich die Menschen bei den Workshops noch zurück.“ Die schleppende Nachfrage trifft dabei auf ein sehr großes Angebot. Nach der langen Zwangspause wollte die Kulturbranche mit einem breiten Programm durchstarten. „Überall ist alles wieder aufgepoppt. Alle wollten loslegen“, sagt Velhagen. Durch die Vielzahl an Veranstaltungen hätten sich einige Menschen nicht entscheiden können, welche der vielen Veranstaltung sie denn besuchen wollten. „Insgesamt gab es einfach zu viele Veranstaltungen in diesem Jahr“, sagt Taube. Trotz der häufigen Flaute gibt es aber auch Liveveranstaltungen, die stark nachgefragt werden. Gut liefen die „großen Namen“, sagt Vivien Avena. Die Konzerte von Beatsteaks, Sportfreunde Stiller oder Enter Shikari waren bei ihr im Substage schnell ausverkauft.

„Die Menschen selektieren einfach, was sie sich anschauen – wenn sie ausgehen, dann besuchen sie Konzerte von großen Acts, die eher selten touren, als solche von Künstlern, die schon oft in Karlsruhe waren“, sagt Avena. Darunter litten besonders „Newcomer, kleine und mittlere Bands, die komplett hinten runterfallen“. Bei großem Angebot und selteneren eigenen Live-Erlebnissen suchten die Menschen häufig nach Vertrautem, beobachtet Holder. „Die Leute gehen eher zu großen Namen oder Künstlern, die sie kennen.“ Und noch etwas hat sich beim Ausgehverhalten in den vergangenen Jahren deutlich verändert: „Die Gäste entscheiden sich sehr viel kurzfristiger“, bestätigt Daniela Kreiner für ihr Theaterhaus einen Trend, der auch das Staatstheater und alle Clubs und Kulturzentren derzeit trifft. „Das ist für uns schwer kalkulierbar: Sage ich eine Aufführung mit wenig Vorbestellungen ab oder kommen doch noch viele Leute an die Abendkasse?“, beschreibt Kreiner die damit verbundenen Sorgen. Einige Agenturen und Bands ziehen ob des meist schleppenden Vorverkaufs die Reißleine. Die Kölschrock-Band Kasalla sagte ihre Deutschlandtour und damit auch den Auftritt im Tollhaus im Oktober kurzfristig ab.

„Es ist so absurd, dass wir gerade aus einem ausverkauften Stadion und einer Top-Ten-Album-Platzierung heraus so eine bittere und uns das Musikherz brechende Botschaft senden müssen“, beschrieben sie die schmerzliche Entscheidung in einem öffentlichen Statement. Sie hätten lange mit sich gerungen, müssten sich aber der „bitteren Wahrheit stellen“ und durch den fehlenden Kartenverkauf eine Entscheidung treffen, vor der aktuell viele andere Bands stünden. Der Zwang zur Absage macht auch vor altbekannten Klassikern nicht Halt: „Tito & Tarantula haben z.B. ihre November-Tour abgesagt, einfach weil die Verkäufe nicht gut waren“, sagt Avena vom Substage, wo das Konzert am 8.11. geplant war. Gleichzeitig nimmt die Geschäftsführerin in Zeiten massiv steigender Lebenshaltungskosten aber auch die Agenturen und Künstler in die Pflicht: „Leider haben die angesetzten Ticketpreise für Tourneen inzwischen ein Niveau erreicht, das oft nicht mehr nachvollziehbar ist. Auch bei uns sind teilweise Shows im Vorverkauf, da kann ich’s komplett verstehen, wenn die Menschen sagen: Sorry, das ist zu teuer!“ Auch Velhagen wünscht sich Solidarität in den für alle schwierigen Zeiten. „Ich hoffe auf Künstler, die sagen: Verkauft ein paar Tickets billiger, damit sich die Menschen Kultur noch leisten können. Das wäre ein tolles Signal. Aus finanziellen Gründen müssten die Menschen dann nicht wegbleiben.“ Der gestiegene Druck durch Inflation und Energieknappheit wirke nicht nur direkt im Geldbeutel. „Die Menschen sind verunsichert, gestresst und auch ängstlich. Also alles, was Neugier und Offenheit für Neues entgegensteht“, sagt Taube. Die Vielzahl an Zuspitzungen werde „die Kulturschaffenden im Krisenmodus halten“, sagt Avena. Nicht wenige befürchten, dass der Existenzkampf für die Kultureinrichtungen jetzt erst wirklich los geht. Die großen Förderprogramme wie „Neustart Kultur“ sicherten Veranstaltungen ab und ermöglichten die Kosten auch mit einem kleineren Publikum weitgehend zu decken. „Das hat allen geholfen, die Pandemiejahre zu überstehen“, sagt Kreiner.

Doch die Förderprogramme laufen aus. Ersatz ist nicht in Sicht. „Jetzt stehen uns schwere Zeiten bevor“, ist Kreiner überzeugt. Kleinere Häuser und Initiativen, aber auch die kulturelle Vielfalt insgesamt stehen auf dem Spiel. Denn selbst, wenn viele kulturellen Einrichtungen den fortwährenden Kampf um den eigenen Fortbestand überstehen, wird der Zwang zum Rechnen für alle größer. „Ich muss weniger machen und zurückschrauben“, plant daher Holder mit einem geringeren Angebot im Tempel für das kommende Jahr. Mit Sorge blickt er dabei auf die in der Stadtverwaltung ausgerufene Sparpolitik. „Wenn die Stadt jetzt anfängt auch noch zu kürzen, wird es auch bei uns zur existenziellen Frage“, fürchtet Holder. Dabei sei es doch gerade die Kultur, die in Krisenzeiten gesellschaftlichen Zusammenhalt schaffen könne, meint Avena. „Wir sind die Orte, wo die Menschen zusammenkommen, um für ein paar Stunden einmal herauszutreten aus ihrem Alltag mit all seinen Krisen. Wir sind die Orte für Schönes und Inspirierendes.“ -fk

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